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StartseiteSport am WochenendeVerehrungsmuster aus der Antike27.07.2019

"Sporthelden"Verehrungsmuster aus der Antike

Gegenwartsdiagnosen zufolge sind wir Zeugen des Übergangs zu einer postheroischen Gesellschaft. Aber ist das Interesse am Heroischen wirklich verloren­gegan­gen? Das neue Buch von Karl-Heinrich Bette zeigt, dass das zen­tra­le Helden­reservat der Moderne dabei vergessen und unter­schla­gen wurde: der Spitzensport.

Von Ralf Meutgens

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Für die Sportsoziologie ist klar: Der Sport hat für das Funktionieren der modernen Gesellschaft nicht die Bedeutsamkeit von Wirtschaft, Politik, Recht oder Wissenschaft. Trotz einiger Entzugserscheinungen bei Fans und schlechteren Bilanzen der Unterhaltungsbranche – die Gesellschaft würde auch ohne Sport funktionieren.

Für Karl-Heinrich Bette ist klar: Genau deshalb ist dort die sonst eher ausgestorbene Heldenverehrung auch heute noch möglich. Um seine Ausführungen zu fundieren, beschreibt Bette die Arrangements, die den Spitzen­sport dazu prädestinieren, Helden zu er­zeugen. Den sport­lichen Wett­kampf beschreibt der Darmstädter Sportsoziologe als eine sozial konstruierte Situa­tion, in der einzelne Personen oder Mannschaften vor den Augen des Publikums die Chance er­halten, künstlich erzeugte Krisen zu be­wältigen und eine durch Regeln kon­trollierte Not beim Gegner zu erzeugen.

"Hand­lungsbeiträge bis ins Heroische stei­gern"

Real existierende Menschen würden dadurch in die Lage versetzt, sich leistungs­­mäßig zu individualisieren und sozial sichtbar zu machen. Damit biete der Spitzensport in postheroischen Zeiten etwas ganz Besonderes:

"Während Menschen in Or­ga­ni­sationen hinter den Kulissen ver­schwin­den, um dort ihre Arbeits­leis­tungen in unüberschaubaren Hand­lungs- und Wirkungsketten zu er­bringen, offeriert der Spitzensport den genau umgekehrten Effekt. Einzelne Personen oder Mannschaften dürfen sich im Rahmen organisierter Wett­be­werbe vor einem Mas­sen­publikum in ihren Leis­tungs­fähigkeiten prä­sentieren und erhalten so strukturell die Chance, ihre Hand­lungsbeiträge bis ins Heroische zu stei­gern."

Dem Zusammenspiel von Medien und Sporthelden will sich diese Rezension etwas genauer zuwenden.

Die Rolle der Massenmedien

Die häufige Verwendung des Heldenbegriffs im öffentlichen Diskurs deute, so Bette, auf die Logik der Massenmedien und den Wett­be­werb der Medien­organisationen untereinander hin.

"Wirtschaft, Politik und Massenmedien sind also nicht wirklich, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, an den Helden des Sports interessiert, sondern immer nur an sich selbst. Und weil Wirtschaft, Politik und Massenmedien im Rahmen ihrer operativen Geschlossenheit nur an sich selbst interessiert sind, sind sie am Sportpublikum interessiert, das in postheroischen Zeiten an Sporthelden interessiert ist."

Um die Aufmerksamkeit und Gunst des Publikums in eigener Sache auf sich zu len­ken, spielten Me­dienakteure  die Karte der Heldeninszenierung im­mer wieder neu aus. Dies könne in eine Spirale von Helden­erzeugung und Heldenbanalisierung führen. Die Suche nach neuen Helden würde hier­durch für die Me­dien zu einer exis­ten­tiellen Aufgabe.  Dies habe dazu geführt, dass Medien, insbesondere Fernsehanstalten, maß­geblich und ursächlich an der Erschaf­fung hauseigener Sporthelden beteiligt waren und sind.

Doch was bedeutet dieser von Bette angesprochene Sachverhalt für den Sportjournalismus? Und welche Auswirkungen hat das auf die vielfach beschworene Distanz der Journalisten, die für eine objektive Berichterstattung und Beobachtung durch die Zuschauer unabdingbar ist?

Interessenskonflikte durch Unterhaltungsfokussierung

Damit beschäftigt sich Fabian Kautz vom Arbeitsbereich Medien und Kommuni­kation der Technischen Universität München. Er kommentiert Bettes Gedanken so:

"Die Kontrollfunktion und die Kritik von Missständen zählt zu den elementaren Grundfunktionen des Journalismus – und das gilt selbstverständlich auch für das Sportressort. Gleichzeitig ist es so, dass durch eine zunehmenden Entertainisierung die Akzeptanz dieser Rolle immer mehr leidet – das ist durch empirische Studien auch belegt.

Durch die Unterhaltungsfokussierung können auch Interessenskonflikte entstehen. Dahingehend, dass zentrale Probleme des Sports wie Doping und Korruption lieber ausgeblendet werden, weil sie der Unterhaltung schaden.

Traurige Berühmtheit erlangte in diesem Zusammenhang das Zitat des ehemaligen ARD-Sportkoordinators Hagen Boßdorf, der sagte: `Sagt die Telekom, es gibt keinen Dopingfall, dann gibt es auch keinen Dopingfall für die ARD´."

"Mediale Perspektive als Kritiker"

Wie soll man mit Fans unter den Sportjournalisten umgehen? Und kann die Begeisterung von Berichterstattern und Rezipienten für Sporthelden angesichts der dunklen Seite des Sports überhaupt gut geheißen werden? Für Fabian Kautz ein Drahtseilakt, der besondere Fähigkeiten verlangt.

"Gleichzeitig ist es dann auch so, dass diese kritische Berichterstattung als Kontrollfunktion vielleicht so dringend ist wie noch nie zuvor. Sport kann der Gesellschaft positive Dinge liefern. Er liefert positive Vorbilder, er liefert eine Erziehung zur Fairness, aber durch Doping und Korruption ist das ganze hinfällig. Und es zeigt sich aber in der Vergangenheit immer mehr, dass der Sport als System selbst nicht dazu in der Lage ist, sich selbst zu reinigen, sondern dass es zum Beispiel Journalisten sind, die in den vergangenen Jahren immer Doping und Korruption aufgedeckt haben und das zeigt auch, wie wichtig diese mediale Fremdperspektive als Kritiker tatsächlich auch ist."

Die Heroisierung könne laut Bette aber negative Auswirkungen auf die Athleten und Athletinnen selbst haben.

"Durch die Dauernachfrage nach heroischen Taten durch Sportverbände, Pub­li­kum, Massenmedien, Wirtschaft und Politik gehen Sporthelden allerdings das Risiko ein, durch die Erwartungen, Belohnungen und Verheißungen ihres gesell­schaftlichen Umfeldes physisch und psychisch überfordert zu werden. Helden­status im Sport ist deshalb immer prekär und labil."

Auch Multimillionäre können von heute auf morgen abstürzen, die Gunst des Publikums verlieren und zu tragischen Helden mutieren.

"Profunde Analyse des Heroischen im Spitzensport"

Abschließend zeigt sich bezüglich des rezensierten Buches folgendes Bild:

Wer seinen oberflächlichen Blick auf den Spitzensport beibehalten und einer naiven Heldenverehrung weiterhin nachhängen möchte, sollte um dieses Buch einen großen Bogen machen.

Wer hingegen an einer profunden und abgewogenen Analyse des Heroischen im Spitzensport interessiert ist, wird durch die Lektüre des Buches von Karl-Heinrich Bette sicherlich be­rei­chert werden. 

Sporthelden: Spitzensport in postheroischen Zeiten (Edition transcript, Bd. 3) Taschenbuch  – 15. Februar 2019 buchcover, Karl-Heinrich Bette ( transcript Verlag; Auflage: 1 (15. Februar 2019))Sporthelden: Spitzensport in postheroischen Zeiten ( transcript Verlag; Auflage: 1 (15. Februar 2019))

 

Karl-Heinrich Bette: "Sporthelden. Spitzensport in postheroischen Zeiten"
Bielefeld 2019: transcipt Verlag. 209 Seiten. 29,99 Euro

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