Montag, 16. Mai 2022

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Sportpsychologie
"Heißer als Frittenfett in der Pommesbude"

Spontane Ansprachen im Sport - was nützen sie eigentlich? Und kann man damit etwas falsch machen? Darf man auch nach dem Bauch gehen? Ist die Halbzeitpause nicht der ungünstigste Zeitpunkt, um in den Kopf eines Menschen vorzudringen? Fragen an den Düsseldorfer Sportpsychologen Jürgen Walter.

Jürgen Walter im Gespräch mit Marina Schweizer | 03.10.2017

Die Taktiktafel in der Umkleidekabine der Kölner Haie.
Die Taktiktafel in der Umkleidekabine der Kölner Haie. (imago sportfotodienst)
Als Trainer müsse man wissen, dass in der Halbzeitpause wenig in den Kopf gehe. "Ich muss die Weichen schon vor dem Spiel stellen und die Spieler einstellen auf bestimmte Situationen", rät Walter. Das Training sei das eine, das andere sei "vor dem Spiel": "Ich muss mich auf den Gegner einstellen, das heißt, nicht nur Taktik besprechen, sondern zum Beispiel auch 'Bin ich Favorit als Mannschaft oder Außenseiter oder sind wir gleich stark?'"
Ist die Mannschaft Außenseiter, müsse sie entscheiden, ob sie ihre 5- oder 10-Prozent-Chance nutzen oder sich abschießen lassen wolle. Beim Blick auf Videos von Halbzeitansprachen falle auf, dass Trainer oft zu viel sprechen und negativ formuieren würden. "Worte wie 'schlecht' sollte man überhaupt gar nicht bringen", empfiehlt Walter.
"Raus aus der Komfortzone"
"Viele Sportler denken auch zu negativ", meint Walter und rät zu Abhilfe: "Es ist oft ganz einfach, die Gedanken positiv zu formulieren. Wenn ich zur Halbzeit im Fußball 6:0 zurückliege, dann muss ich mir nicht überlegen 'Wie schieße ich sieben Tore?', aber die Ehre sollte es doch verlangen, dass wir jetzt auch mal eins machen." Ein positives Ergebnis habe man als Sportler, wenn man sich einfach auf die nächste Spielsituation einstelle.
Für Trainer gebe es viele Überraschungsmöglichkeiten. Sie könnten die Spieler in der Auszeit "noch heißer machen als Frittenfett in der Pommesbude" oder sie bei der Ehre packen. "Raus aus der Komfortzone, da muss es manchmal auch wehtun", beschreibt Walter die Situation. Das könne man nicht jede Woche machen, aber der Spieler könne lernen, dass er - unabhängig von der jeweiligen Situation - "immer das Beste bringen will, was er abrufen kann."