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StartseitePISAplusSprache, Motorik und Sehvermögen auf dem Prüfstand31.07.2010

Sprache, Motorik und Sehvermögen auf dem Prüfstand

Schuleingangstests in Baden-Württemberg sollen Defizite bei Kindern besonders frühzeitig aufdecken

Einschulungsuntersuchungen in Baden-Württemberg haben es ins sich. Bereits im vorletzten Kindergartenjahr - also im Alter von vier bis fünf Jahren - gibt es eine Basisuntersuchung, damit auffällige Kinder rechtzeitig Förderung erhalten können. Dieses Vergehen ist umstritten.

Von Stefanie Meinecke

Einschulungstest sollen zeigen, ob Kinder schulreif sind. (AP)
Einschulungstest sollen zeigen, ob Kinder schulreif sind. (AP)

"Schau mal, ich hab Dir Spiele mitgebracht. Spielen heißt: Du kannst nichts falsch machen. Wir versuchen es. Klappt's, dann freuen wir uns, klappt's nicht, dann machen wir was anderes. Ist das okay? Du brauchst keine Angst haben ..."

Mit Engelsgeduld versucht Kinderärztin Gertie Soßna vom Gesundheitsamt Esslingen die kleine Marie "aufzutauen". Die Fünfjährige sitzt stumm und kerzengerade auf ihrem Kinderstuhl, die Arme verschränkt: Kein Lächeln, kein Nicken, kein Herumgezappel ... Marie will nicht spielen, sie will alles richtig machen. Das ernste Bemühen ist ihr ins Gesicht geschrieben.

Marie sitzt zum zweiten Mal hier; vor vier Monaten wurde das Kind schon einmal breitangelegt getestet: Ihre körperliche Entwicklung wurde untersucht, das gelbe Vorsorgeheft ausgewertet, Motorik und Sprache standen auf dem Prüfstand. Auffälligkeiten zeigten sich in Maries Sprache. Heute richtet sich der Fokus also auf das Sprachgedächtnis und Sprachverständnis des Kindes. Marie soll zum Beispiel den Inhalt von Zeichnungen in Worte fassen und Handlungsanweisungen ausführen.

"Zeig mir: Der gelbe Ball rollt weg, weil Du ihn mit dem weißen Ball angestoßen hast ... Super! Zeig mir: Der gelbe Ball liegt unter dem Buch, weil der Teddy ihn dort versteckt hat. Super."

Das Lob der Ärztin prallt an Marie ab; sie verzieht keine Miene. Auf dem Tisch liegt mittlerweile ein Sammelsurium: laminierte Karten, ein Bilderbuch, Minigolfbälle, Stifte, ein kleiner Bär ... alles Hilfsmittel beim Sprachtest, erklärt die Kinderärztin Maries Mutter

"Diese Untersuchung sagt entweder ein Kind ist völlig fit oder man sagt den Eltern und dem Kindergarten in diesem oder jenen Bereich sollte beim Vorschulprogramm noch mal Wert draufgelegt werden, dass man noch mal übt. Der Sprachtest ist dazu da, dass Kinder zusätzlich eine Sprachförderung kriegen, weil Sprache ist die Grundvoraussetzung für schulischen Erfolg; dass dieses Kind genauso fit in die Schule kommt wie andere, die gleichen Startvoraussetzungen hat."

Eine Zwischenauswertung der Tests in Stuttgart ergab im vergangenen Jahr, dass 40 Prozent der getesteten Kinder sprachliche Defizite aufweisen und gefördert werden sollten.

"Wir haben Kindergärten, da haben wir 50,60 oder noch mehr Prozent Migrantenkinder, die auch im letzten Kindergartenjahr noch ganz schlecht Deutsch sprechen, weil sie eben nur mit anderen Migranten-Kindern zusammen sind und letztlich nur die Erzieherinnen mit ihnen deutsch sprechen."

Diese Kinder werden zwangsläufig Schulverlierer, sagt Dr. Karl-Heinz Schick vom Gesundheitsamt Esslingen. Der Kinderarzt hat das Konzept der Untersuchung mitentwickelt und bemüht sich zu betonen, dass dies kein Test der Schulreife sei; dazu seien die Kinder im vorletzten Kindergartenjahr einfach zu jung.

"Wir sind über den Namen Einschulungsuntersuchung auch nicht ganz glücklich. Natürlich steht sie im Zusammenhang mit der Einschulung. Ich würde eigentlich lieber Entwicklungsuntersuchung sagen. Ja. Früher sind wir immer kurz vor Torschluss gekommen und dann war, wenn wir ein Kind mit Förderbedarf gefunden haben, eigentlich keine Zeit mehr."

Die vorgezogene Einschulungsuntersuchung eröffne Chancen, das letzte Kindergartenjahr optimal zu nutzen, Kinder adäquat zu fördern und so die Zahl der Schulrückstellungen möglichst zu senken.

Das ausgetüftelte Bemühen um Optimierung kann man auch kritisch sehen, sagt eine Mutter, deren vierjähriger Sohn vor ein paar Monaten getestet wurde. Die Tests beurteilt sie als zu starr und zu schmalspurig; die Persönlichkeit der Kinder werde völlig außer Acht gelassen.

"Ich bin da richtig wütend drüber – und ich finde es schlimm wie Baden-Württemberg, wie man hier immer alles früher machen will, und müssen auf Spur gebracht werden. Stromlinienförmigkeit ist wohl das, was man hier will wie hier. Wenn ein Kind nicht das Soll erfüllt, dann muss es gleich noch mal zu einem anderen Test – also brr. Mir sträubt's da echt die Nackenhaare."

Mittlerweile kann sie wieder lachen. Maries Mutter dagegen sitzt mit erstem Gesicht am Tisch. Nach 45 Minuten Test wertet die Ärztin die Unterlagen aus, zählt Punkte zusammen, blättert, rechnet, und eröffnet dann der Mutter, wo es bei Marie überall hapert.

"So, Sie kriegen jetzt einen ganzen Stapel Zettel."

Die Mutter hört interessiert zu; sie bekommt unter anderem Tipps, wie sie Marie zum Sprechen und Singen animieren kann - das alles in ruhigem, fast herzlichen Ton.

Ob Maries Mutter die empfohlene Förderung in Angriff nimmt – das liegt nun allein in ihrer Hand. In einem Jahr wird sich Marie an ihrer zukünftigen Grundschule vorstellen; dort wird dann ein sogenannter Kooperationslehrer, der in engem Kontakt zum Kindergarten steht, entscheiden, ob das Kind schulreif ist oder nicht.

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