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StartseiteBücher für junge LeserDen Wort-Schatz heben, Salto purzeln und vermilchreisen15.05.2021

Sprachspiel-KinderbücherDen Wort-Schatz heben, Salto purzeln und vermilchreisen

Deutsche Grundschülerinnen und Grundschüler haben Studien zufolge massive Leseprobleme. Darum versuchen Autorinnen und Autoren aktuell, Kinder spielerisch Sprachkompetenz zu vermitteln. Dabei geht es nicht nur um den Spaß am Lesen, Kinder sollen auch ermutigt werden, selbst Geschichten zu entwickeln und zu schreiben.

Von Christine Knödler

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Ein Türöffner fürs Schreiben ist das Kinderbuch "Ein Elefant macht Handstand". Der Titel reimt sich, Kinder lieben das, der Stoff ist aus dem Leben gegriffen: Lola, sieben Jahre, soll im Deutschunterricht eine Geschichte schreiben. Doch wie geht das überhaupt? Da ist es praktisch, wenn der Vater Autor ist. Lola fragt, Markus Orths antwortet, und so entsteht ein Zwiegespräch über Ideen, Orte, Erwartungen, Spannung, über Wörter und über abwechslungsreiche Wörter. Was ist schöner: "Salto machen" oder "Salto schlagen"? "Salto purzeln" gefällt Lola am besten, schon hat sie etwas Eigenes erfunden. Toll! Markus Orths erklärt:

"Das Gewöhnliche lässt sich verändern. Ein bisschen frisieren!"

Unter Starkstrom

Die Illustratorin Kerstin Meyer hat eine Art Lola-Geist gemalt. Die Figur, in zartem Lila angedeutet, ist noch ein bisschen blass, aber ihr Grinsen, ihre leuchtenden Augen und ihre zu Berge stehenden Haare sprechen Bände. Da steht eine mächtig unter Strom. Und während Vater und Tochter miteinander sprechen, nimmt Lolas Geschichte über Sofie wie von selbst Fahrt auf:

"'Iihih!', sagt Sofie. ,Ich will zu den Affen. Die Löwen sind mir zu eklig.'
Wir gehen zu den Affen. Ein Affe streitet sich mit dem anderen Affen um eine Banane.
,Uuuuuuuu!", brüllt der Affe.
,Mama', sagt Sofie, "ich will zu den Elefanten. Die Affen sind mir zu laut.'"

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Und die Elefanten? Die turnen wie die Weltmeister. Alles ist möglich, alles ist erlaubt, sogar die Po-Ente, also die Pointe, selbst wenn das ein Wortwitz ist, dem die echte Lola wohl entwachsen ist. Egal. Po-Enten sind etwas Neues, mit ihnen kann man gut Anlauf nehmen und abheben. Und noch einen Satz gibt Markus Orths seiner Tochter und damit allen Leser*innen an die Hand:

"Ein Lehrer von mir sagte mal, in der Literatur geht es eigentlich immer um zwei Dinge: die Liebe und den Tod."

Wer Geschichten erfindet, zaubert Bilder in die Köpfe anderer, wer liest, füllt diese Bilder mit Leben. Es ist ein kreatives Hin und Her. Selbst Loslegen macht dabei unabhängig. "Ein Elefant macht Handstand" macht vor, wie das geht.

Christine Coring: "Das Levikon"

Fundgrube und Erste-Hilfe-Koffer in Sachen Sprache ist "Das Levikon. Ein ganz persönliches Vokabelheft zum Wörtersammeln und Sprachelernen". Autorin beziehungsweise Sammlerin und Illustratorin Christine Coring schreibt:

"Der neue Kollege aus dem Ausland hatte mich ratlos angesehen, als ich ihn bat, sich einen ,Ratzefummel' zu schnappen und eine Skizze auszubessern. Ich zeichnete ihm einen, schrieb eine kurze Erklärung dazu und sagte ihm, dass er uns jederzeit fragen könne, wenn er etwas nicht verstand."

Weil der Kollege Levi heißt, wurde aus der Zettelwirtschaft "Das Levikon", was unüberhörbar nah am Lexikon ist. Durch minimale Verschiebungen wird das Spiel mit Sprache schon im Titel vorgemacht. Im Buch sind Wörter aus Alltag, Mundart, Dialekt drin, kurze, lange, schöne, blöde Wörter, neue Wörter und solche, die keinesfalls in der Versenkung verschwinden sollten.

"Steckenpferd" Sprache? Das geht hier auf. Leere Seiten krönen das Konzept. Schließlich geht es ums eigene Lossammeln. Die Spielregeln für das Mitmach-Vokabelheft sind dabei denkbar einfach:

"Wie benutze ich mein Levikon?
Jemand sagt ein Wort, das du noch nie gehört hast.
Bitte die Person, es zu erklären und in dein Levikon zu schreiben. Gerne mit Zeichnung. Oder schreibe und male es selbst hinein."

Für Mutter- und Fremdsprachler

Das ist spannend, lustig, überraschend – und zwar unabhängig davon, ob Deutsch Muttersprache oder Fremdsprache ist. Neuland betreten alle. Die...

"Dreikäsehoch", "Milchgesichter", "Trantüten", "ABC-Schützen", "Stubentiger", "Nesthäkchen", "Wonneproppen", "Funkenmariechen", "Flaneure".

Solche Wörter kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Sie alle sind aus dem "Levikon". Dessen System ist es, kein System zu haben, aber den Wunsch, Lust zu machen. Weitgehend unsortiert und assoziativ ist es ein Türöffner für ein individuelles Sammelsurium aus Wörtern und Bildern.

Susanna und Johannes Rieder: "Hunde im Futur"

Einen Schritt weiter geht "Hunde im Futur. Eine Grammatik in Bildern" von Susanna und Johannes Rieder. Futur? Grammatik? Im Ernst?! Das ist doch Latein. Das schreckt ab! Doch ein Ende des Lateins muss niemand fürchten. Es ist ein Anfang. Hier wird die Angst vor Kapier-ich-eh-nicht oder Ist-doch-nichts-für-mich genommen: fast eine kleine Bildungsrevolution! Und wer denkt, dass Kinderbücher tiefstapeln und die Latte bloß nicht zu hoch gelegt werden sollte, wird ebenfalls eines Besseren belehrt. Mit dem "Substantiv" geht es los:

"Das Substantiv (Hauptwort) oder Nomen bezeichnet Personen, Tiere oder Dinge. Man schreibt es am Anfang mit einem Großbuchstaben."

"Hunde im Futur" orientiert sich an Standardwerken der Grammatik, aber es überflügelt sie bei weitem. Konsequent im Aufbau und kompromisslos im Anspruch führt die "Grammatik in Bildern" von der Station "Substantiv" zu den Stationen "Adjektiv", "Verben" und so weiter. Die Bausteine der Sprache werden genannt, definiert und deren jeweilige Funktion erklärt.

Die ganze Kunst des Büchermachens

Seiten zum Aufklappen öffnen im Wortsinn Türen. Die Illustrationen von Arinda Craciun übersetzen Theorie ins Anschauliche. Überbordend und klug füllen sie Abstraktes mit Leben. Wo die Grundstruktur des Buches streng rhythmisiert ist, geht in den Bildern und in der Grafik und Buchgestaltung von Carsten Aermes die Post ab. Dabei entfaltet sich die ganze Kunst des Büchermachens. Die Verwendung von Dativ und Akkusativ wird beispielsweise so inszeniert:

"Ich bringe der Großmutter Kuchen und Wein."

Schon ist das Märchen von Rotkäppchen mit im Spiel. Das Kind mit dem Kuchen in der Hand hat eine rote Mütze auf dem Kopf. Der Sprung in die Gegenwart lässt nicht lange auf sich warten. Umblättern. Dann heißt es:

"Wen oder was rufe ich an? Ich rufe die Großmutter an."

Solche Szenen zeigen, warum es sich lohnt, immer weiter vorzudringen in die Grammatik, immer tiefer einzusteigen in das System und die Schönheit von Sprache. Denn sie sind der Boden, auf dem Geschichten stehen, und entstehen, damit wir sie hinterher lesen und genießen können. Sie sind der Boden, auf dem wir stehen.

Zugegeben: Einfach ist das nicht, dafür ist der Stoff zu komplex. Aber da sind ja die Lotsen, die Verleger und Geschwister Susanna und Johannes Rieder. Sie nehmen ihr Publikum an der Hand und stecken mit der eigenen Begeisterung an. Das Ergebnis dieses fulminanten Stationen-Theaters: Sprachkompetenz, Sprachspaß, Bilderrausch, viel Staunen und noch mehr Begreifen.

Brigitte Schniggenfittig, Jörg Wagner: "Wer denkt sich die Wörter aus?"

Druckfrisch ist "Wer denkt sich die Wörter aus? Eine Wort-Schatz-Suche" von Brigitte Schniggenfittig und Jörg Wagner. Die Gebrauchsanleitung für Wortschatz-Sucher geht so:

"Was du nicht mitnehmen musst auf diese Schatzsuche: Spaten, Taschenlampe oder Lupe. (...) Was du aber unbedingt brauchst, das sind helle Ohren und wache Augen, um die Wörter unserer Sprache hören oder sehen zu können."

Die Perlen dieses Schatzes sind die Bausteine der Sprache. Da werden Wörter gezählt und gewogen. Erste Verblüffung: wie wenig es braucht für eine ganze Wort-Welt. Mit solchen Überraschungen wartet das ganze Buch auf. Es weckt Aufmerksamkeit. Es stellt Fragen:

"Wer hat die Wörter erfunden? Und wer legt fest, was sie bedeuten? Warum sollst du manche Wörter nicht verwenden, obwohl es sie doch gibt? Gibt es für alles ein Wort?"

Schräger Humor

Was graue Theorie sein könnte, malen die Illustrationen von Dieter Gilfert in schrägem Humor aus. Wichtige Wörter, Fachwörter, Beispiele sind durch unterschiedliche Farben gekennzeichnet. Symbole bringen Ordnung ins System und verweisen auf Anregungen zum Mitmachen. Die Spielregeln muss man sich erschließen, aber dann wird dieses kreative Sprach-Sachbuch zum Spiel. Zum Sprach-Spiel. Zur Sprach-Spiel-Wiese. Der Wortschatz wird gehoben. Wissensvermittlung? Ein Kinder-Spiel.

Das führt zum nächsten Wort-Schatz, zur Literatur: von den Märchen bis sogar in die aktuelle Kinderliteratur, vom bereits Gesagten bis zu witzigen Wort-Erfindungen. Kapitel heißen dann:

"Wenn Frühaufstücker vermilchreisen" oder "Wörter sind Trampelpfade".

Sprache ist lebendig

Kompetent und leidenschaftlich schlägt das Buch Breschen ins Dickicht der Buchstaben und Bedeutungen. Die Aussage: Sprache ist Kommunikation. Sie ist lebendig. Sie verändert sich. Wir alle haben daran Anteil. Wer das weiß, kennt sich besser aus. Wer das weiß, kann mitreden.

Denn im Lesen, Sammeln, Selbstmachen liegt die Aneignung. Aus Sprachspiel wird Sprach-Erfahrung, aus Sprachelernen wird Sprachliebe. So gesehen, sind alle vier Bücher Liebeserklärungen an die Sprache – für alle, die die Welt der Worte und der Sprach-Bilder lieben oder lieben lernen wollen.

Markus und Lola Orths: "Ein Elefant macht Handstand. Wie man eine Geschichte schreibt"
Illustriert von Kerstin Meyer
Moritz Verlag, Frankfurt am Main. 96 Seiten, 9,95 Euro, ab 6 Jahren.

Christine Coring: "Das Levikon. Ein ganz persönliches Vokabelheft zum Wörtersammeln und Sprachelernen"
Verlag Antje Kunstmann, München. 208 Seiten, 16 Euro, für die ganze Familie.

Susanna und Johannes Rieder: "Hunde im Futur. Eine Grammatik in Bildern"
Illustrationen von Arinda Craciun, Design von Carsten Aerms
Verlag Susanna Rieder, München. 128 Seiten, 25 Euro, ab 8 Jahren.

Brigitte Schniggenfittig, Jörg Wagner: "Wer denkt sich die Wörter aus? Eine Wort-Schatz-Suche"
Illustriert von Dieter Gilfert
Mirabilis Verlag, Klipphausen/Miltitz. 112 Seiten, 19 Euro, ab 10 Jahren.

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