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Spurensuche im Maya-Land
Die Götter von Chichicastenango

Chichicastenango in Guatemala ist berühmt für eine Schrift, in der der Schöpfungsmythos der Maya niedergeschrieben ist. Auch heute noch ist deren Kultur in der Kleinstadt allgegenwärtig.

Von Detlef Urban | 01.06.2014

    Blick auf traditionelle Tonwaren und Textilien auf einem Markt in Chichicastenango in Guatemala
    Blick auf traditionelle Tonwaren und Textilien auf einem Markt in Chichicastenango in Guatemala (picture alliance / dpa / Lehtikuva Mauri Rautkari)
    Die Kleinstadt Chichicastenango ist berühmt für ihren Markt, wo ein Gewusel von Pick-Ups durch die engen Gassen rangiert: vollgepackt mit Passagieren, Bäuerinnen aus dem weiten Umland, mit Früchten, gewebten Textilien und Blumen, lila, rot, gelb, weiß, blau, ein wahres Farbenmeer. Berühmt ist Chichi, wie man hier kurz sagt, auch für Popul Wuuj, eine alte Maya-Schrift, die ein spanischer Dominikanerpater um 1700 übersetzte. In ihr ist die Kosmologie der Maya niedergeschrieben mit unaussprechlichen Namen von Göttern und Fabelwesen. Dieses Buch enthält ihren Schöpfungsmythos, der besagt, dass die Maya aus Mais geschaffen wurden.
    "In der Maya-Kosmologie sind unsere Schöpfer Mann und Frau. Sie kamen aus dem Nichts, aus einem Nebel, einer Art nebligem Sprühregen. Sie lernten zu sprechen, sie fühlten Kälte und Hitze, und sie merkten, dass sie ein höheres Wesen anbeten mussten. Dann begann die Schöpfung: als erstes die Erde und die Natur, dann die Tiere. Danach versuchten die Schöpfer lange Zeit, einen Menschen zu formen, was ihnen schließlich gelang. Sie schufen die Menschen auf der Basis von Mais."
    José María Tol Chan ist ein spiritueller Lehrer der Maya-Quiché, ein "guia espiritual". Er praktiziert die Maya-Riten und versucht, ihre bedrohte Kultur zu verteidigen.
    An jeder Ecke Maya-Kalender
    "Hier, kauft den Maya-Kalender", marktschreierisch gibt es ihn an jeder Ecke. Über dem Marktplatz von Chichi thront die weiße Barockkirche Santo Tómas. Die Stufen hinauf zur Kirche führten einst zu einem Maya-Tempel, auf dessen Ruine die Kirche im 15. Jahrhundert errichtet wurde. Säcke mit Mais und Quinoa lagern auf der Treppe, Frauen binden Blumensträuße oder backen Tortillas, auf den Stufen kokelt Baumharz, vor dem hölzernen Kirchenportal schwengelt ein junger Mann seit einer Stunde eine Konservendose, gefüllt mit Weihrauch, eine Großmutter mit lila Strickjacke tut es ihm gleich. Ihrem Gemurmel ist nicht zu entnehmen, ob sie katholische Heilige anrufen oder Maya-Gottheiten des verschwundenen Tempels. Auf der verräucherten Kirchenschwelle kratzt ein Kirchendiener mit einem Spachtel Kerzenreste ab, alle Stunde tut er das, lässt aber die Gläubigen weiter räuchern. Ihre Spiritualität ist aufgeladen mit der Energie von Feuer, Wind und Wasser.
    Mitten durch das bunte Treiben in den Gassen, wo Touristen mit Händlern um gewebte Jacken, Röcke und Teppiche feilschen, wo hölzerne Masken Maya-Mythen bezeugen - Jaguare, Esel, Schnabeltiere, Vögel mit langen Schnäbeln, aber auch Heiligenfiguren - mitten hindurch also bahnt sich eine Prozession.
    Vier starke Burschen tragen eine Sänfte auf ihren Schultern: ein Holzkasten mit Glastür, dahinter eine Marienfigur, alles eingefasst mit bunten Straußen-Federn. Schalmei, Trommel und Flöte vorweg. Die Sänftenträger quälen sich die Stufen rauf bis vor das Kirchenportal, knien andächtig nieder zum Gebet, verharren, drehen Marien nach und nach in die vier Himmelsrichtungen, knien wieder, senken die Köpfe, die Glocke läutet.
    Auf den Stufen tanzt ein Maya in typischer schwarzer Kniebundhose und bunt besticktem Wams, um den Kopf ein rotes Tuch, auf dem einen Arm ein hölzernes weißes Pferd mit Glöckchen, in der anderen Hand ein rundes Korbgeflecht, aus dem heraus sich Knallkörper fauchend über die alte Tempeltreppe ausbreiten, heute Kirchenstufen, sehr zur Freude anwesender Touristen. Inzwischen wird die Prozession übertönt von einer Marimba-Gruppe, die lautstark auf sich aufmerksam macht.
    Heilige Stätte auf dem Berg
    Irgendwann wiederholen sich die Marktstände mit Masken und Textilien, es tut gut, den Lärm hinter sich zu lassen und den Aufstieg zu wagen auf den Hausberg zum Heiligen Stein, einer Opferstätte.
    Vorbei geht es am pittoresken Friedhof seitlich über der Stadt. Kleine und größere Grabhäuser in türkis, gelb, hellblau und rosa - ein paar Hunde streunen herum, hinter einer Grabkammer hat jemand Weihrauch angezündet. Der Friedhof will in seiner sonnigen Farbgebung so gar nichts von Tod vermitteln, und er ist ja auch ein Ort des Festes der Lebenden mit den Toten, besonders zu Allerheiligen im November, wenn die Speisen geteilt werden mit den Verstorbenen.
    Auf dem Berg, am Heiligen Stein, bereitet sich José Maria Tol Chan, der Maya-Priester, auf sein Ritual vor. Die Opferstätte Pascual Abaj besteht aus einem Halbkreis, Feldsteine als Begrenzung, dazwischen Steinkreuze, am Scheitelpunkt des Halbrunds ein Meter hoher Felsblock, ein steinerner Phallus, behängt mit roten Maiskolben, Zeichen für Leben und Fruchtbarkeit. Die Steine sind verwittert und verkohlt vom häufigen Kerzen- und Weihrauchqualm, auch ein windschiefes Kreuz neben dem Stein-Phallus. Ein christliches Symbol in Symbiose mit Maya-Kult?
    "Das Maya-Kreuz symbolisiert die vier Endpunkte im Mythos der Weltentstehung. In der Mitte des Kreuzes sind wir Menschen. An den Enden der Balken ist das Ende des Kosmos. Das christliche Kreuz trifft sich oben, das Maya-Kreuz in der Mitte."
    An weiteren Maya-Kreuzen, die nebenan an kleineren Opferplätzen stehen, hat der Zeremonienmeister ebenfalls Maiskolben aufgehängt: schwarzer, gelber, weißer, roter Mais, jede Farbe hat ihre Bedeutung, auch die der Kerzen, die bündelweise angezündet werden.
    "Wir haben vier Arten von Mais. Der rote Mais symbolisiert das Licht, die Sonne, das Blut und die Menschen roter Hautfarbe. Der schwarze Mais steht für die Menschen schwarzer Hautfarbe, aber auch für die Dunkelheit, das Nichts, das Innere unseres Körpers. Weißer Mais ist das Symbol für Knochen und Hirn, er repräsentiert Menschen weißer Hautfarbe. Und der gelbe Mais schließlich steht für Kraft und Festigkeit, für Muskeln und Fleisch, er ist das Zeichen für Menschen gelber Hautfarbe."
    Der Vogel als Medium
    Weitere Familien sind zum Opferplatz gekommen. Eine Frau weist Tochter und Enkel in die Liturgie ein. Unser Priester José Maria gießt aus gelb gefärbtem Zucker einen Kreis, der sich schließlich als Vogelgesicht entpuppt mit Auge und Schnabel. In dem Kreis werden Unmengen von Kerzen und Weihrauch kunstvoll drapiert.
    Heute ist nach dem Maya-Kalender der Tag des Vogels. Der Priester präsentiert Mais in die vier Himmelsrichtungen, er spricht mit den Ahnen, die bei den Schöpfern Fürsprache halten sollen, damit sie Schutz gewähren. Der Vogel dient ebenfalls als Medium.
    "Der Vogel gibt Signale, er überträgt Energie. Wir empfangen diese Energie des Vogels, und die Energie der Luft, sie bringt uns der heutige "Tag der drei Vögel". Ich versuche, Kontakt aufzunehmen mit anderen Energieformen."
    Das Abbrennen der Kerzen, die Hineingabe von Zigarren, Alkohol und Quinoa-Körnern ins Feuer sollen das Gespräch mit den Ahnen erleichtern. José Maria imitiert Vogel- und Tierstimmen. Während das energiereiche Ritual sich dem Ende zuneigt, läuft am Fuß des Berges, in Chichicastenango, der Markt weiter auf Hochtouren. Doch um Maya-Kultur intim erlebt zu haben, hat sich der Aufstieg zum Pascual Abaj allemal gelohnt.