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Staatengrenzen im weltweiten Datennetz

Von Anfang an war das Namenssystem des Internet auch ein Politikum: Bereits in den achtziger Jahren, als die verteilte Datenbank zur Übersetzung der sperrigen Internet-Nummern in griffige Namen installiert wurde, stellten ihre Entwickler strategische Überlegungen an, wie die Systematik dabei aussehen sollte. Dabei standen allerdings weniger territorialer oder wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund, als vielmehr das Bedürfnis der damals noch überschaubaren Gemeinde der Internetbenutzer nach einer praktikablen und neutralen Systematik. Weil eine Explosion der Repräsentanzen im Netz eine Überarbeitung der Domänen dringend erforderlich macht, streiten jetzt Internet-Administration ICANN, Unternehmen und Nationen um Kompetenzen dabei.

Manfred Kloiber |
    "Angesichts der Alternativen, wie etwa das Anfügen von Endungen der jeweils benutzten Kommunikationsnetze - wie etwa .arpa, wurde in den achtziger Jahren der großartige Beschluss gefasst, alle unterschiedlichen Subnetze unsichtbar in eine umfassende Form zu bringen", resümiert Politologin Janet Hofmann vom Wissenschaftszentrum Berlin. So entstand das zweigliedrige Toplevel-Domain-System, das seither pragmatisch die Welt des Internet ordnet. Auf der einen Seite stehen dabei generische Topleveldomains, die mit einer Drei-Buchstaben-Endung eine begrenzte Zahl an Funktionen beschreibt. So steht etwa .mil für eine militärische Institution, während .edu eine Ausbildungsstätte charakterisiert. Andererseits existieren so genannte Länderdomains, bei denen die letzten zwei Buchstaben auf einen Staat verweisen. Als Grundlage für die Abkürzungen diente dabei schlicht die international genormte Ländercodeliste.

    Damit jedoch entstanden auch nationale Begehrlichkeiten: "Verschiedene Länder versuchen bereits, ihre politische Souveränität über die eigenen Territorien auch im Internet durchzusetzen und beanspruchen Autorität über die entsprechenden Topleveldomains", berichtet Hofmann. Tatsächlich beginnt mit dieser Einflussnahme auch noch ein Prozess, der das globale Dorf des Internet systematisch auf den Kopf stellt. Denn schon der Vergleich der Länderdomains von Deutschland und Frankreich zeigt, dass jeder Staat seine Eigenheiten durchsetzen will: "Während die dafür zuständige Institution in Deutschland jedem Anwender ermöglicht, seinen Namen unter der Endung .de als Domain einzurichten, ist dies beispielsweise in Frankreich nicht möglich. Dort können sich lediglich Unternehmen mit einem Eintrag im Handelsregister direkt unter .fr registrieren, nicht aber Privatpersonen", so Hofmann.

    Doch nicht nur bei territorialen Domänen zeichnen sich zunehmend Streitigkeiten ab – Auch die zentrale Instanz für die Vergabe von Toplevel-Domains, die Internetselbstverwaltung ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), verwendet eine große Energie auf die Lösung hausgemachter Probleme. So ist alleine ihre Existenz ein Problem an sich, denn als eigentlich internationale Agentur unterliegt sie aufgrund des massiven US-amerikanischen Drucks kalifornischem Recht. Die letzte Kontrolle über den Namensraum des Internet besitzen damit US-Gerichte. Zum anderen kämpft die ICANN mit ihrer demokratischen Legitimität: Während die Hälfte ihrer Direktoren in einer höchst fragwürdigen Online-Wahl bestimmt wurde, wurde der Rest der ICANN-Offiziellen direkt von der Industrie entsandt und versucht jetzt, die gewählten Vertreter wieder los zu werden.

    Überdies bedrängen Anfechtungen von außerhalb ICANN zusätzlich: So versuchen verschiedene Unternehmen mit neuen Domain-Systemen, gar einen völlig neuen Namensraum an allen Instanzen vorbei zu installieren. Attraktiv erscheint dabei die Einführung landestypischer Eigenheiten, wie etwa deutsche Umlaute oder auch fernöstliche Schriftzeichen. Zwar ist noch völlig offen, ob solche Bezeichnungen jemals wirklich auf einen Rechner verweisen werden, trotzdem floriert der Handel mit den neuen Alternativ-Namen. Allerdings kann ICANN dies nicht verhindern, denn der Institution fehlt der Zugriff auf jenen Hauptserver, der die Wurzel des gesamten Namenssystems darstellt.