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Ständig Schmerzen, wenig Pausen

Eine bisher noch nicht veröffentlichte Studie der FIFA hat untersucht, warum Fußballer so viele Schmerzmittel nehmen. Sie kommt zu dem Schluss, dass ihnen der Missbrauch extrem leicht gemacht wird. Und: Sie nehmen die Medikamente, um ihre Leistung zu verbessern.

Von Daniel Drepper | 24.06.2012

"Es sind ja keine Personen mehr, die dort spielen, sondern es sind Produkte, Waren. Und die Sportler verkaufen sich ja mit Haut und Haaren. Ich kenne einige, die können mit ihren Kindern gar nicht mehr laufen gehen, weil sie so mit ihren Knochen kaputt sind."

Wenig Pausen, ständig Schmerzen – im Fußball heißt die Lösung oft Tabletten. Professor Ingo Froböse leitet an der Kölner Sporthochschule das Zentrum für Gesundheit. Dort forscht er seit Jahren zu Regeneration und Rehabilitation im Sport und beschäftigt sich so auch mit dem Schmerzmittelmissbrauch im Fußball.

"Hier wird der Körper ausgelaugt, ausgequetscht, wie eine Zitrone. Maximal versucht das Optimale rauszuholen, auch aus ökonomischen Gründen. Man lutscht also einen Organismus aus, bis es nicht mehr geht."

Bei der WM in Südafrika nahmen mehr als die Hälfte der Spieler Schmerzmittel. Das hat die FIFA vor kurzem bekannt gegeben. Etwa 40 Prozent schluckten diese sogar vor jedem Spiel. Bei der laufenden EM dürfte die Quote ähnlich sein.

Professor Jens Kleinert arbeitet im selben Gebäude wie Ingo Froböse, er ist Sozialpsychologe an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Für die FIFA hat Kleinert Fußballer befragt, warum sie Schmerzmittel nehmen. Gemeinsam mit Schmerzforscher Toni Graf-Baumann und Dopinganalytiker Mario Thevis. Diese neue Studie liegt noch bei der FIFA und soll bald in einem Fachmagazin veröffentlicht werden. Kleinert:

"Eine Konsequenz von Schmerzreduktion kann sein, dass ich einen bestimmten Trainingsumfang eher akzeptieren und aushalten kann. Eine Konsequenz von Schmerzreduktion kann genauso sein, dass ich vielleicht in einem Spiel spielen kann, obwohl ich normalerweise nicht fit genug wäre und Schmerzen hätte. Und an den beiden Beispielen sieht man natürlich schon die Zwiespältigkeit der Schmerzmitteleinnahme."

Das Team von Jens Kleinert hat gut 400 Sportler befragt. Ein Drittel der Sportler nahm zum Zeitpunkt der Befragung Schmerzmittel – die Hälfte davon sogar mehrere Wirkstoffe. Die Forscher können nur einen Teil des Missbrauchs erklären. Noch immer gibt es Fragezeichen. Kleinert hat in Deutschland, Österreich und der Schweiz Bundesliga-Fußballer und Amateure befragt, dazu Handballer, Basketballer und Hockeyspieler. Die Unterschiede fielen kleiner aus, als es der Wissenschaftler erwartet hat.

"Also stellen sie sich vor, sie haben einen Bezirksligaspieler, Landesligaspieler, für den aber dieser Sport alles in der Welt bedeutet. Da ist also genauso viel Motivation etwas Verbotenes oder vielleicht etwas Falsches wie bei Schmerzmitteln zu tun wie bei einem Athleten, der vielleicht Bundesliga spielt."

Kleinert hat festgestellt, dass viele Spieler die Wirkung von Schmerzmitteln überhaupt nicht kennen. Und: Spieler müssen keine Strafen fürchten, wenn Sie Schmerzmittel nehmen.

"Also ich habe weder einen persönlichen Nachteil, noch bin ich weniger anerkannt. Im Gegenteil. Es ist vielleicht sogar cool, da vorher was zu nehmen. Man zeigt damit, dass man mit Schmerzen umgehen kann oder dass man einfach auch Schmerzen hat und der, der Schmerzen hat, der ist auch gut. Das heißt, ich habe sogar ein besseres Prestige."

Schmerzmittel helfen Fußballern dabei, eine Leistung zu bringen, die ohne Medikamente nicht möglich wäre. Sind Schmerzmittel Doping? Ingo Froböse vom Zentrum für Gesundheit und Hans Geyer vom Kölner Anti-Doping-Labor finden, dass Schmerzmittel alle Bedingungen einer Dopingsubstanz erfüllen. Auch Jens Kleinert tendiert dazu, Schmerzmittel unter bestimmten Bedingungen als Doping zu bezeichnen:

"Aber das ist halt dieser Zwiespalt zwischen therapeutischem Mittel einerseits, was ich keinem Sportler untersagen darf, und Leistungssteigerung andererseits. Wenn ich aber zum Beispiel Schmerzmittel nehme, obwohl ich keine großartigen Schmerzen habe, dann brauchen wir gar nicht drüber zu reden, als was das dann gilt."

Die WADA schreibt, ihre medizinische Abteilung diskutiere den Umgang mit Schmerzmitteln fortlaufend. Sollte man den Konsum beschränken? Zum Beispiel, in dem man Grenzwerte einführt oder die Mittel im Wettkampf verbietet? Auf solch konkrete Fragen antwortet die WADA nicht.
Bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gibt es aktuell keine Ausnahmegenehmigungen für Medikamente, schreibt Mannschaftsarzt Tim Meyer. Schmerzmittel nutze das DFB-Team nur äußerst sparsam und überhaupt nicht, um Fußballer für ein Spiel fitzubekommen. Spieler, die vor jedem Spiel Schmerzmittel bekommen, gebe es nicht.

Mehr Beiträge zum Thema Doping und Schmerzmittel im Fußball gibt es unter fussballdoping.de