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StartseiteTag für TagWir vermissen die Besserwisser12.02.2018

Standpunkt: SchweigekartellWir vermissen die Besserwisser

Früher kritisierten Hörermails das, was gesagt wurde. Heutige Hörermailschreiber kritisieren, was alles nicht gesagt wurde. Das liest sich dann so: Warum berichten Sie über Schnee, warum verschweigen Sie die Kondensstreifen? Ein Stoßseufzer wider Whataboutisten.

Von Christiane Florin

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Ein Flugzeug hinterlässt Kondensstreifen vor einem blauen und wolkenlosen Himmel. (picture-alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Und überhaupt: Warum sprechen sie vom Schnee, warum ignorieren Sie die Kondensstreifen? (picture-alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
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Früher war bestimmt nicht alles besser. Gerade als Religionsredaktion denkt man ja in Jahrhunderten, wenn nicht in Jahrtausenden. Und wer will schon zurück ins Jahr, sagen wir, 1536, als die Täufer in Käfigen am Dom von Münster baumelten. Nein, nein, es war nicht alles besser. Aber die Besserwisser, die waren früher besser. Früher, das ist noch gar nicht so lange her, fünf, sechs, sieben Jahre vielleicht. Da schrieben gesetzte Herren noch lange Briefe auf der Schreibmaschine, wenn die - Zitat - "junge Dame" am Mikrofon Ming- mit Quing-Dynastie verwechselt hatte. Liturgiker wiesen darauf hin, dass der Priester in der Messe keinen Pokal in der Hand halte, sondern einen Kelch.

Engagierte evangelische Studiendirektorinnen meldeten sich, wenn wir das Buch "Anfechtung und Gewissheit" Hans Küng zuschrieben. Das sei von Eberhard Jüngel und bei dem hätten sie in Tübingen studiert, mit Auszeichnung! Erfuhren wir. Solche Zuschriften endeten mit Sätze wie "Armes Deutschland! Wenn nun auch schon Ihr Sender solche Fehler macht, dann.. ". Dann folgte etwas auf Latein. Oder in Latein.

Journalismus - Schweigekartell und Unterdrückerjob

Solche Zuschriften waren nicht schön. Sie lösten Selbstzweifel aus, Fragen: Warum musstest du auch was mit Medien machen? Warum nicht ein Beruf, in dem deine Fehlbarkeit dem Publikum verborgen bleibt? Hat nicht die Freundin mit der Stadtinspektorinnenlaufbahn erzählt, sie klebe, wenn sie einen schlechten Tag habe, einfach ein Schild auf die Tür: "Wegen technischer Probleme heute keine Bürgersprechstunde"? Solche Momente des Haderns hielten kaum länger als die Verkehrsdurchsage an einem stauarmen Tag. Man ärgerte sich erst über sich selbst, dann über die Besserwisser und schrieb ihnen: Es ist uns eine Freude, so kluge Hörerinnen und Hörer zu haben.

Irgendwann schwiegen die Besserwisser. Und das bestimmt nicht, weil es nichts zu verbessern gäbe. Weil jedes Datum, jede Aussprache, jeder Titel stimmte. Sie wurden still, weil andere lauter wurden. Heutige Schreiber halten sich nicht lange auf mit dem, was gesagt und berichtet wurde. Sie hören, was nicht gesagt wurde.

Und nicht sagen lässt sich in 25 Minuten eine ganze Menge. Die Kritik geht dann so: Sie berichten über diese komischen Rohingyar, aber sie verschweigen die Christenverfolgung! Sie berichten über die römisch-katholische Kirche, aber Sie verschweigen die Altkatholiken! Sie berichten über die Ehe für alle, aber Sie verschweigen die Normalfamilie! Journalismus - ein Schweigekartell, ein Unterdrückerjob! Whataboutism heißt dieser Vorwurf neudeutsch. Ein alter Philosoph hat einmal Folgendes erkannt: Wenn ein Mensch etwas sagt, dann sagt er unzähliges nicht. Man kann sagen: Der Schnee ist weiß. Man könnte auch sagen: Der Schnee ist nicht rot. Er ist nicht lila.

Whataboutisten fragen beim weißen Schnee: Warum verschweigen Sie rot? Warum lila? Und überhaupt: Warum sprechen Sie vom Schnee, warum ignorieren Sie die Kondensstreifen? Tja, warum? Weil nicht jedes Nicht-Sagen verschweigen ist. Weil die Welt kompliziert ist. Weil es alles gibt und auch das Gegenteil. Weil Auswählen unsere Aufgabe ist.  

Ach, das kann man besser erklären. Wie heiß dieser Philosoph noch gleich? Und war das mit den Käfigen für die Täufer wirklich der Dom von Münster? So, liebe Besserwisserinnen und Besserwisser, jetzt sind Sie aber dran. Zeigen Sie es uns und den Whataboustisten. Aber richtig.

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