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StargazeBach trifft Balkan-Pop

Das internationale Musiker-Kollektiv Stargaze hat sich auf die Fahnen geschrieben, das Feld zwischen Klassik, neuer Musik und Pop, Folk und elektronischer Musik zu erforschen. Nachdem Stargaze Anfang 2014 in Berlin sein erstes eigenes Festival auf die Beine stellte, folgt 2015 bereits die zweite Ausgabe. Motto diesmal: Von Bach bis Greenwood.

Von Florian Fricke | 14.12.2015

Der Dirigent De Ridder
Der Dirigent De Ridder (Florian Fricke)
"A Hawk and a Hacksaw" ist ein Duo aus New Mexico, bestehend aus Jeremy Barnes und Heather Trost. Die beiden haben jahrelang in Budapest gelebt und Folk-Musik aus Osteuropa, dem Balkan und der Türkei erforscht. Für das Festival "Von Bach bis Greenwood" standen sie Samstagabend zusammen mit dem "Stargaze"-Ensemble auf der Bühne. Gespielt wurden zwei Eigenkompositionen und die selten gehörten drei Dorfszenen von Bela Bartok. Auch Bartok erforschte die Volksmusik des Balkan, indem er in Dörfer ging und zuhörte. Gibt es da Parallelen in der Methodik von "A Hawk and a Hacksaw"?
"Wir haben Volkslieder genommen und sie für Orchester umarrangiert. In aller Bescheidenheit kann man das mit der Vorgehensweise von Bartok vergleichen, aber ich denke, dass wir anders als er eher traditionell vorgehen. Bartok hat diese Melodien in eine neue Welt transferiert.
Es ist nicht leicht, einen Folkmusiker zu definieren, aber wir sind definitiv mehr Folkmusiker als klassische Musiker."
Vor "A Hawk and a Hacksaw" spielte Stargaze den ersten Satz von Györgi Ligetis Cellokonzert, ein radikal-modernes Werk, das dem großen Publikum in ganzer Länge aus dem Filmklassiker "Heat" von Michael Mann vertraut ist.
Transsilvanische Einflüsse
Auch Ligeti hat Einflüsse aus seiner transsilvanischen Heimat in seine Musik einfließen lassen. Beschlossen wurde der Abend mit Filmmusik in großer Besetzung aus "There will be Blood" von Jonny Greenwood, bekannt vor allem als Gitarrist von Radiohead. Ligeti, Volksmusik vom Balkan, Jonny Greenwood – und das ist nur die Bandbreite eines Abends.
Der Freitag stand dagegen ganz im Zeichen der Kammermusik mit Werken von Bach, The Grateful Dead und Bryce Dessner. Eine Woche hatte das Stargaze-Ensemble für die Proben an der Berliner Volksbühne, aber es steckt viel mehr Arbeit in diesem Wochenende, wie André de Ridder, Kopf und Leiter von Stargaze, bestätigt.
"Es gab für viele dieser Projekte eine lange Inkubationszeit und Arbeitszeit, dass man sich mit den Musikern auch Monate im Voraus trifft, Gedanken austauscht, Material austauscht, auch schon probt, das ist jetzt nicht nur in dieser Woche entstanden. Zum Beispiel haben wir als Stargaze noch nie Klassiker des 20. Jahrhunderts aufgeführt. Dass wir Ligeti und Bartok spielen war für uns ein absolutes Novum."
Kein Novum war die Zusammenarbeit mit der irischen Band Villagers, mit denen Stargaze eine lange Freundschaft verbindet. Ein Teil der Villagers stand gestern Abend auf der Bühne.
Gerade hier zeigte sich die ganze Klasse von Stargaze, denn wie leicht könnte die bittersüße Musik der Villagers durch die Arrangements für Orchester in Kitsch abdriften.
Aber darum geht es nicht, sondern um die Erweiterung des Klangspektrums. Die intimen Songs gewinnen so vor allem an Tiefe.
Ein gewagter Bruch im sonst schöngeistigen Programm
Beschlossen wurde der Abend mit einer Show der jungen dänischen Post-Punk-Band Iceage, die vielleicht radikalste Kooperation von Stargaze bisher. Iceage sind auf dem Sprung vom Geheimtipp zu richtigen Stars, in den USA veröffentlichen sie auf dem renommierten Matador-Label. Sänger Elias Bender Rønnenfelt wankte auf der Bühne umher wie Nick Cave zu seinen schlimmsten Drogenzeiten.
Die dänische Post-Punk Band "Iceage"
Die dänische Post-Punk Band "Iceage" (Florian Fricke)
Ein gewagter Bruch im sonst sehr schöngeistigen Programm, den nicht jeder Zuschauer verkraftete und die Volksbühne früher verließ als geplant. Aber die verpassten was. Post-Punk stilsicher veredelt mit Waldhörnern, Trompetensoli und Streichern, wann gibt es so was schon? Stargaze ist eins der spannendsten Projekte in der zeitgenössischen Musik, und man kann André de Ridder und seinen Mitstreitern nur wünschen, dass sich immer mehr Menschen für sie interessieren. Denn der Aufwand für sein Wochenende ist immens. Qualität hat ihren Preis, aber das wissen sie in den Opernhäusern dieser Welt schon lange.