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StartseiteForschung aktuellErste Ansatzpunkte für Impfung gegen Asthma04.09.2015

Staubextrakte gegen AllergienErste Ansatzpunkte für Impfung gegen Asthma

Die Zunahme von Allergien erklären Forscher gerne mit der sogenannten Hygiene-Hypothese. Sie besagt, dass in einer allzu sauberen Umwelt das Immunsystem mangels Beschäftigung überreagiert. Wie allerdings Staub und darin enthaltene mikrobielle Stoffe die Immunabwehr beeinflussen, galt bislang als Rätsel. Jetzt wurde erstmals eine Wirkungskette im Körper entdeckt.

Von Lucian Haas

Der Allergologe Bart Lambrecht von der Universität Gent geht schon mehr als 20 Jahre lang der Frage nach, warum es bei Asthmapatienten zu einer Überreaktion des Immunsystems kommt. Er vertritt die Hygiene-Hypothese: Zu viel Sauberkeit fördert Allergien, weil sie das Immunsystem dazu verleitet, auch harmlose Allergene anzugreifen. Eine schöne Theorie. Nur fehlten bislang die Nachweise dafür, wie es dazu kommt, dass Kinder, die im staubigen Umfeld von Bauernhöfen aufwachsen, ein Immunsystem besitzen, das – zu ihrem Vorteil – etwas lässiger reagiert. Bart Lambrecht stieß jüngst mit Kollegen auf eine neue, heiße Spur.

"Für mich ist es absolut verblüffend, dass das Deckgewebe der Atemwege, das Lungenepithel, eine so entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Asthma spielt. Das ist ein Augenöffner. Vor unserer Studie haben alle geglaubt, dass Stallstaub und schmutzige Bedingungen das Immunsystem selbst beeinflussen."

Die Lungenschleimhaut gilt eigentlich nicht als Teil des Immunsystems. Bart Lambrecht und Kollegen machten Versuche mit Mäusen, die sie zwei Wochen immer wieder geringe Dosen mikrobieller Extrakte aus Stallstaub einatmen ließen. Die so behandelten Tiere reagierten anschließend nicht mehr allergisch auf Hausstaubmilben; eine andere, nicht mit Stallstaub trainierte Vergleichsgruppe aber schon. Das war der Laborbeweis der Hygiene-Hypothese. Genauere Untersuchungen zeigten dann, dass es die Lungenepithelzellen sind, die darüber entscheiden, ob sie ein Allergen tolerieren oder nicht.

"Unsere Studie belegt, dass die Lungenschleimhaut die Außenkontrolle für das Immunsystem übernimmt. Sie ist es, die darüber entscheidet, ob ein Antigen als gefährlich oder harmlos angesehen wird. Und unter den gesteigerten Hygiene-Bedingungen sind es diese Epithelzellen, die das Maß dafür verloren haben, was gefährlich ist und was nicht. Das führt zur derzeitigen Allergie-Epidemie."

Die Forscher entdeckten noch ein weiteres, feines Detail. Unter dem Einfluss der Stallstaubextrakte wird in den Lungenepithelzellen die Produktion eines bestimmten Enzyms mit dem Kürzel A20 ausgelöst. Versuche zeigten, dass dieses Enzym wie ein Moderator für die weitere Immunreaktion des Körpers wirkt.

"Das Enzym A20 spielt eine zentrale Rolle, indem es die Reaktivität einer Vielzahl von Rezeptoren beeinflusst. Wir haben in Experimenten A20 gentechnisch aus dem Lungenepithel der Mäuse entfernt und dabei festgestellt, dass die Allergieschutzwirkung durch den Stallstaub komplett verschwand."

Idee: asthmagefährdete Kinder präventiv mit Stalltaub-Wirkstoffen behandeln

Diese Erkenntnis bietet mögliche Ansatzpunkte für eine Therapie. Die Münchener Allergologin Erika von Mutius, die in den 1990er-Jahren bei epidemiologischen Untersuchungen in Ostdeutschland den Zusammenhang von Hygiene und zunehmenden Allergien entdeckte, ist an der aktuellen Studie als Co-Autorin beteiligt. Sie findet es besonders spannend, "dass man zum ersten Mal eine Idee hat, wie das Ganze wirksam sein könnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass irgendwann in der Zukunft wir uns diese Beobachtungen und diese Ergebnisse zunutze machen können, um eine Prävention und eine Vorbeugung für Asthma und Allergien bei Kindern zu finden. Ob das jetzt ein Extrakt ist, oder ob das Bakterien sind, die da ja auch mit enthalten sind. Oder ob das tatsächlich irgendein Aktivator von diesem Enzym A20 ist, das wird sich zeigen."

Auch Bart Lambrecht rechnet damit, dass in Zukunft vor allem Kleinkinder, die von ihrer Familiengeschichte als anfällig für Asthma gelten, in den ersten Lebensjahren prophylaktisch behandelt werden könnten. Ihre Lungen könnten regelmäßig über ein Aerosol-Spray mikrobiellen Wirkstoffen aus Stallstaub ausgesetzt werden. Das würde dann wie eine Impfung dem Körper helfen, später kein Asthma mehr zu entwickeln.

Vor ersten klinischen Versuchen gilt es aber noch zu klären, wie hoch die Dosierung sein müsste, um ohne unerwünschte Nebeneffekte wirksam zu sein. Es besteht die Gefahr, dass es bei einer zu hohen Konzentration der Wirkstoffe zu einer akuten Lungenentzündung kommt.

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