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StartseiteWissenschaft im BrennpunktWas wir über das Coronavirus wissen19.07.2020

Steckbrief mit LückenWas wir über das Coronavirus wissen

Das Erbgut von SARS-CoV-2 ist bekannt und entschlüsselt. Trotzdem gibt uns das Coronavirus noch zahlreiche Rätsel auf. Welche offenen Fragen sollten zur Zeit oberste Priorität haben? Einschätzungen und Antworten von der Virologin Ulrike Protzer.

Ulrike Protzer im Gespräch mit Arndt Reuning, mit Beiträgen von Volkart Wildermuth

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Eine Wissenschaftlerin mit Mundschutz, Schutzbrille und Handschuhen hält ein Laborröhrchen mit der Aufschrift "SARS-CoV 2" in den Händen. (imago /Local Pic)
Die Corona-Pandemie stoppen kann letztlich nur ein Impfstoff. Aber noch sind die Wechselwirkungen zwischen Erreger und dem menschlichen Immunsystem nicht vollständig verstanden. (imago /Local Pic)
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Wer das Coronavirus erforscht, steht vor der Herausforderung, nicht nur den isolierten Erreger betrachten zu müssen. Denn sein komplexes Verhalten entsteht erst in der Wechselwirkung mit seinen Wirten, uns Menschen etwa.

"Ich glaube, ein ganz, ganz wichtiger Punkt ist, zu verstehen: Warum werden manche so krank und manche gar nicht krank oder fast nicht krank? Warum sind die Verläufe nach einer Infektion so unterschiedlich? Das kann zum einen genetische Gründe haben, das kann aber vielleicht auch Gründe in der vorbestehenden Immunantwort haben."

Ulrike Protzer leitet das Institut für Virologie am Helmholtz-Zentrum München und lehrt und forscht als Professorin an der Technischen Universität München. Außerdem berät sie die bayerische Landesregierung als Mitglied im Corona-Expertengremium.

20.03.2020, Bayern, München: Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der TUM und am Helmholtz Zentrum München, nimmt an einer Pressekonferenz der bayerischen Universitätskliniken teil. Bayern will in der Corona-Krise die Zahl der Intensivbetten an Unikliniken von 600 auf 1200 verdoppeln und Pfleger aus der Rente zurückholen. Foto: Sven Hoppe/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der TUM und am Helmholtz-Zentrum München (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)

Herdenimmunität nicht in Sicht

Die Ausbreitung eines Virus kommt zu einem Ende, wenn es nicht mehr genügend neue Wirte infizieren kann - nämlich dann, wenn ein Großteil der Bevölkerung bereits eine Infektion durchgemacht und dabei eine Immunität aufgebaut hat. Als Schwellenwert für die Wirksamkeit einer solchen "Herdenimmunität" wurden vielfach 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung genannt. Ulrike Protzer:

"Da gibt es in der Wissenschaft ein bisschen Diskussionen darüber, ob man wirklich diese 60 Prozent erreichen muss, oder ob nicht vielleicht – das sagen jetzt neuere Berechnungen – auch schon 40 bis 50 Prozent ausreichen. Aber für uns selber ist das ja im Moment eine mehr theoretische Überlegung, denn bei 2 bis 3 Prozent sind wir von 50 Prozent natürlich noch genauso weit entfernt. Das heißt, wir können schlicht und einfach noch lange nicht von einer Herdenimmunität sprechen."

Das Virus und die Gesellschaft - Herdenimmunität und Ansteckungsrate
Für sich alleine ist ein Virus wie SARS-CoV-2 nichts, tote Materie. Erst wenn es in einen Menschen gerät, wird es aktiv und vermehrt sich. Und um sich dann ausbreiten zu können, müssen wiederum andere Menschen in der Nähe sein. Welche Umstände begünstigen Übertragungen? Und welche Maßnahmen lassen sich daraus ableiten?

Blutgruppe spielt eine Rolle beim Krankheitsverlauf

Wirklich verstanden sind die individuellen Unterschiede, mit denen verschiedene Menschen auf das neuartige Coronavirus reagieren, noch nicht, so die Virologin: 

"Große Untersuchungen in internationalen Kohorten haben auch gezeigt, dass es tatsächlich genetische Unterschiede zu geben scheint - oder vielleicht kann man auch schon sagen: gibt - zwischen Menschen, die einen schwereren Verlauf haben und Menschen, die einen leichteren Verlauf haben, wenn sie sich angesteckt haben. Ein Faktor ist interessanterweise die Blutgruppe, andere Faktoren scheinen eher so typische Abwehrmechanismen gegen Viren zu sein, die wir einfach alle von unserem angeborenen Immunsystem in uns tragen."

Das Virus und das Individuum: Symptome und Immunität
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Aber auch die erworbenen Faktoren im Immunsystem, etwa als Reaktion auf den Kontakt mit ähnlichen Erregern, haben gravierende Auswirkungen auf den Infektionsverlauf.

Fokus auf Impfstoffentwicklung hat Priorität

Vorrangig anschauen sollte sich die Wissenschaft nach Protzers Ansicht nun, wie man eine wirksame Impfung entwickelt, und die Fragen, die dafür wichtig sind:

"Das heißt, welche Antikörper sind denn wirklich schützende Antikörper? Wie viel davon braucht man? Und welche Antikörper sind vielleicht auch Antikörper, die sogar das Ganze schlechter machen und die eher zur Verschlechterung einer Erkrankung beitragen?"

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Ungeklärt ist bislang auch, welche Rolle die sogenannten T-Zellen bei der Immunabwehr spielen - ist eine T-Zell-Antwort vielleicht notwendig?

"Das zu verstehen, ist extrem wichtig, um dann wirklich die beste oder bestmögliche Impfung rausselektieren und weiterentwickeln zu können."

"Ich glaube, das geht jetzt relativ schnell"

Die drängendsten Wissenslücken im Corona-Steckbrief werden sich bald schließen lassen, da ist die Virologin recht optimistisch: 

"Dadurch, dass es ja doch sehr viele Fälle gibt auf der ganzen Welt und auch in Ländern, wo wirklich sehr gute Forschungsmöglichkeiten bestehen, werden wir diese Antworten relativ schnell bekommen. Und die werden uns sicherlich helfen, die Impfstoffentwicklung zu begleiten und in die richtige Richtung zu leiten."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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