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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Traffic Space = Public Space"13.01.2020

Stefan Bendiks, Aglaée Degros"Traffic Space = Public Space"

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten viele Stadtplaner das Ziel der autogerechten Stadt vor Augen. Die Folgen sind bekannt: schlechte Luft und Stau. Stadtplaner müssen sich heute fragen, wie die klimaneutrale und lebenswerte Stadt aussehen soll. Ein gerade erschienenes Handbuch präsentiert Ideen.

Von Monika Dittrich

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Rote Ampel im Feierabendverkehr. Stau in der Stuttgarter Innenstadt (imago / Arnulf Hettrich)
Stau in den Städten: Die Dominanz des Autos im öffentlichen Raum (imago / Arnulf Hettrich)
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Das Auto ist das Problem

Aglaée Degros ist Professorin für Städtebau an der Universität Graz. Stefan Bendiks ist Architekt. Gemeinsam haben die beiden in Brüssel vor einigen Jahren das Büro Artgineering gegründet, das an der Schnittstelle von Architektur, Städtebau und Verkehrsplanung arbeitet.

Die beiden Stadt- und Mobilitätsexperten verfolgen dabei eine Leitidee, die sie schon lange und immer wieder formulieren - so wie Stefan Bendiks bei einem Vortrag in München, der im Internet abrufbar ist:

"Womit ich abschließen will, ist dieser Slogan: Wenn wir am Verkehrsraum arbeiten, nicht vergessen, dass es öffentlicher Raum ist."

Flanieren, Spielen, Unterwegssein

Verkehrsraum ist öffentlicher Raum, Traffic Space is Public Space: So heißt nun auch das Buch, das Bendiks gemeinsam mit Aglaée Degros vorgelegt hat. Es soll ein Handbuch zur Transformation sein, und Transformation heißt hier: Straßen und Plätze, die vollgestopft sind mit Autos, sollen wieder echte öffentliche Räume werden.

Die Autoren schreiben: "Allerdings sind auch heute noch die meisten unserer öffentlichen Räume so gestaltet, dass das Auto darin eine vorrangige Stellung einnimmt. Zwar definiert sich der öffentliche Raum eigentlich nicht dadurch, dass dort private Gegenstände (Autos oder Fahrräder) abgestellt werden oder er von einem bestimmten Nutzertyp (Autofahrer) dominiert wird. Tatsächlich wird er aber nur selten als ein allen zur Verfügung stehender Ort der kollektiven Begegnung und des Austauschs wahrgenommen bzw. als solcher behandelt."

Öffentliche Räume sollen vielfältig nutzbar sein: zum Flanieren und Spielen, zum Verweilen und Unterwegssein. Es sollen Plätze und Orte entstehen, an denen Menschen sich begegnen können, ohne konsumieren zu müssen.

Dass solche Orte eine Stadt lebenswert machen, dass sie gut sind für die Umwelt und auch für das soziale Gefüge, gehört wohl zu den Binsenweisheiten der Stadtplanung. Die Frage ist allerdings: Wie kann das gelingen in Städten, die heute dem Auto den meisten Platz einräumen und dennoch an Verkehrsverstopfung leiden, wo Menschen ihre Arbeitsplätze erreichen wollen und Waren angeliefert werden müssen?

Autos beanspruchen viel Platz

Die Autoren präsentieren sechs Tricks zur sogenannten "Wiederaneignung von Verkehrsraum", von der klugen Verknüpfung von Quartieren über die Beteiligung und Einbindung der Anwohner bis hin zu ästhetischen Ideen.

"Der Trick einer einfachen Ästhetik besteht darin, nachvollziehbar, schlicht und ‚sparsam‘ zu arbeiten ohne die Räume banal werden zu lassen. Der Raum wird von Fassade zu Fassade gestaltet, dabei werden vor allem dem Auto geschuldete Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Niveauunterschiede durch Bordsteinkanten hinterfragt und gegebenenfalls eliminiert."

Wenn Verkehrsräume wieder echte öffentliche Räume werden sollen, müssen die Autos weniger werden - das machen die Autoren unmissverständlich klar. Einfach nur immer mehr Straßen und Fahrspuren zu bauen, um der größer werdenden Masse von Autos gerecht zu werden, ist kein Rezept gegen den Verkehrskollaps - das lässt sich in vielen Städten studieren.

Auch E-Mobilität oder autonomes Fahren sind keine nachhaltigen Lösungen - denn 50 Menschen in 50 Autos verbrauchen absurd viel Platz, egal was für einen Motor sie unter der Haube haben. Der Verkehr selbst muss sich also ändern, Fußgänger und Radfahrer brauchen mehr Platz und Flexibilität. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass bestimmte Straßen zu festen Zeiten für Autos gesperrt werden - etwa vor einer Schule zu Unterrichtsbeginn.

Inspiration für Stadtplaner und Bürger

Doch ist es das große Verdienst der Autoren, dass sie kein Pamphlet gegen den Autoverkehr geschrieben haben. Sie wollen das Auto nicht verbannen - nur soll es den öffentlichen Raum in den Städten nicht mehr dominieren.

Dazu heißt es im Buch: "Um eine bessere Verteilung des öffentlichen Raums unter seinen Nutzern zu gewährleisten, ist es notwendig, diesen anders zu konzipieren. In diese neue Sichtweise werden die verschiedenen Verkehrsströme - Fußgängerinnen, Radfahrer und Fahrzeuge - integriert."

Die kurzen Texte auf Deutsch und Englisch klingen zuweilen theoretisch und etwas abgehoben. Doch fast wichtiger sind ohnehin die dargestellten Beispiele: Fotos, Skizzen und Lagepläne zeigen vorbildliche Projekte etwa in New York, Barcelona, Wien oder Kopenhagen, und allesamt sind sie ein Beleg dafür, dass Verkehrsraum in öffentlichen Raum zurückverwandelt werden kann.

Das Buch ist eine kluge und motivierende Inspiration für alle, die mit Stadtplanung und Städtebau zu tun haben - aber auch für Bürger, die sich für Veränderungen vor ihrer Haustür interessieren.

Stefan Bendiks, Aglaée Degros: "Traffic Space = Public Space. Ein Handbuch zur Transformation",
Park Books, 223 Seiten, 38 Euro.

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