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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Das Wattenmeer droht zu verschwinden"26.09.2019

Steigender Meeresspiegel"Das Wattenmeer droht zu verschwinden"

Bei einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels werde sich das Wattenmeer vertiefen und die besondere Landschaft drohe zu verschwinden, warnt Klimaforscher Laurens Bouwer. Zum Schutz der Inseln gebe es zwar bereits Maßnahmen, sagte er im Dlf - doch die müssten dringend ausgeweitet werden.

Laurens Bouwer im Gespräch mit Jule Reimer

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Eine alte Buhne an der Nordseeküste bei Niedrigwasser vor Cuxhaven in Niedersachsen. (Imago / blickwinkel)
Der Meeresspiegel-Anstieg komme viel schneller auf uns zu als gedacht, sagte Klimaforscher Laurens Bouwer im Dlf (Imago / blickwinkel)
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Jule Reimer: In seinem jüngsten Bericht warnt der Weltklimarat IPCC vor einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels. Wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht drastisch reduziert werde, drohen Küsten und Inseln unterzugehen. So das Ergebnis des Reports, den das Expertengremium der Vereinten Nationen gestern in Monaco vorgestellt hatte. Würde wenigstens das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens eingehalten, müsste bis Ende des Jahrhunderts mit einem Anstieg von 30 bis 60 Zentimetern gerechnet werden. Falls die Emissionen aber weiter wachsen, verdoppelt sich der Meeresspiegel-Anstieg.

Plus ein Meter, das wäre kein Pappenstiel. Da ist mancher Strand, manche Stadt mehr oder weniger weg. Und der Meeresspiegel steigt ja nicht überall gleich viel an. An der Nordsee sind es jetzt schon plus 20 Zentimeter im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Kurz vor dieser Sendung fragte ich Laurens Bouwer vom Forschungsinstitut Gerics in Hamburg, das zur Helmholtz-Gesellschaft gehört, wie sich der Anstieg des Meeres auf das Wattenmeer der Nordsee auswirkt.

Laurens Bouwer: Das bedeutet insbesondere, dass das Wattenmeer sich vertiefen wird, wenn nicht genug Sedimente und Sand vorhanden ist, um diesen Meeresspiegel-Anstieg zu kompensieren. Da können wir wandern, gerade weil da so viel Sand und Sediment vorhanden ist, und wenn dieser Meeresspiegel-Anstieg sich beschleunigt, dann wird es immer schwieriger, dass das Meer diesen Anstieg mithält mit extra Sediment, was sich im Wattenmeer ablagert. Das heißt, dass es droht, dass das Wattenmeer und diese besondere Landschaft irgendwann möglicherweise verschwindet.

"Wenn das Wattenmeer sich vertieft, verschwindet diese Landschaft"

Reimer: Wir kennen alle diese Untiefen im Wattenmeer, die Priele. Wie muss man sich dann die Wattenmeer-Landschaft später vorstellen?

Bouwer: Diese Priele, die wird es dann immer weniger geben. Es wird immer mehr tiefe Teile im Wattenmeer geben und diese Landschaft ist dann eigentlich bedroht.

Das Wattenmeer hat einen sehr unterschiedlichen Boden. Es gibt tiefe Teile, es gibt untiefe Teile, es gibt diese Priele. Und wenn das Wattenmeer sich vertieft, dann werden bestimmte Bereiche nicht mehr gut mit Sedimenten versorgt und werden dann tiefer sein. Dann verschwindet eigentlich diese Landschaft. Es wird bei Ebbe immer weniger trockenes Land geben.

Reimer: Aber Ebbe und Flut würde es weiter geben?

Bouwer: Ja, klar!

Reimer: Aber wir haben nicht mehr diese Tiere und Pflanzen, die wir im Wattenmeer vorfinden?

Bouwer: Die Tiere und Pflanzen, die sich speziell auf diesem Boden bewegen oder in diesen Untiefen leben, die haben immer weniger Platz.

"Die Auswirkung von Sturmfluten wird stärker"

Reimer: Wir werden parallel die Zunahme von Sturmfluten haben. Was bedeutet das zum Beispiel für Inseln wie die Friesischen Inseln wie Juist oder auch Amrum?

Bouwer: Das bedeutet, dass die Sturmfluten häufiger werden, und das hat grundsätzlich etwas zu tun mit dem Meeresspiegel-Anstieg selber. Das heißt nicht, dass wir mehr Stürme oder stärkere Stürme bekommen, aber dass die Auswirkung von Sturmfluten viel stärker ist. Das heißt, dass der Küstenschutz sich darauf anpassen muss, aber auch, dass die Erosion bei Inseln und gerade bei den sandigen Küsten sehr viel größer wird.

Reimer: Werden die Inseln verschwinden?

Bouwer: Nein, die Inseln werden nicht verschwinden, sicherlich in den nächsten Jahrzehnten nicht. Da gibt es schon viele Maßnahmen, die Küsten zu schützen, auch dafür zu sorgen, dass Sediment vorhanden ist, dass die Erosionen wieder beseitigt werden. Aber diese Maßnahmen muss man vergrößern und viel schneller in Wirkung setzen, als wir vorher vielleicht gedacht hatten, weil dieser Meeresspiegel-Anstieg doch viel schneller auf uns zukommt, als wir vorher gedacht haben.

"Betonmauer erneuern oder erhöhen"

Reimer: Sie sind Niederländer. Wie wird sich da der Meeresspiegel-Anstieg auswirken? Genauso wie in Deutschland?

Bouwer: Ja, das ist für das Wattenmeer in den Niederlanden gleich. Es gibt auch viele Küstenabschnitte in den Niederlanden, die von ganz großer Infrastruktur geschützt sind. Da werden auch viele Maßnahmen geplant.

Reimer: Welche Maßnahmen sind das dann?

Bouwer: Das sind zum Beispiel Betonmauern und andere Schleusen, die dort gebaut sind, um bei Sturmfluten das Land zu schützen. Da wird schon mit gerechnet, wie schnell man die erneuern oder erhöhen muss mit diesem Meeresspiegel-Anstieg. Aber diese Änderungen und diese Anpassungen, die kommen jetzt auch viel schneller auf die Niederlande zu und auch mit erheblichen Kosten.

Auch an der Ostsee sind Anpassungen nötig

Reimer: Wir haben bisher nur über die Nordsee geredet. Was ist mit der Ostsee? Würden Sie da noch in ein Ferienhaus direkt am Strand investieren?

Bouwer: Das ist eine gute Frage. Man sollte sich schon überlegen, wo und auf welcher Höhe das genau gebaut ist. Durchaus gibt es da gute Möglichkeiten, dort Schutzmaßnahmen zu nehmen – gerade auch, weil die Sturmfluten dort weniger Auswirkungen haben als an der Nordseeküste. Trotzdem gibt es da auch viele Bereiche, wo man anpassen muss – gerade auch, weil diese Beschleunigung doch stärker ist als vorher gedacht. Daran müssen die Behörden jetzt schneller und noch besser arbeiten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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