Sonntag, 02. Oktober 2022

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Sterbende Europäer. Unterwegs zu den Sorben, Aromunen, Gottscheer Deutschen, Arbereshe und den Sepharden von Sarajevo

"Schlaft ihr, die ihr auch den letzten Weg zurückgelegt habt. Schlaft, die Zeit wird vergehen. Schlaft, es wird keine Zeit mehr geben. Schlaft, nichts wird es mehr geben, und es wird sein, als hätte es niemals etwas gegeben. Schlaft, der Himmel kennt kein Erinnern."

Marica Bodrozic | 21.03.2001

    Diese Zeilen des muslimischen Dichters Abdullah Sidran, geschrieben noch vor dem Krieg in Bosnien, galten der Erinnerung an den jüdischen Friedhof von Sarajevo, der von den Bewohnern der Stadt gänzlich vergessen worden war. Ein Zufall sei es nicht, so zeigt auf eindringliche Weise der Essayist Karl-Markus Gauß, dass der Krieg ausgerechnet hier, an einem aus dem Gedächtnis gelöschten Ort, seinen Anfang nahm. Das von Sidran beschworene "Inbild der Verlassenheit" könnte dem Buch Sterbende Europäer leitmotivisch voranstehen. Karl-Markus Gauß hat sich mit seinen Reisen in die Geschichte vergessener Völker auf unwägbares, von der Erinnerung ausgespartes Gelände gemacht. Wem schon ist die Vergangenheit der Sepharden von Sarajevo bekannt, oder die Gegenwart der auf dem Balkan ansässigen Aromunen, einem der ältesten europäischen Völker? Wer könnte erklären, wie es möglich ist, dass zwei Österreicher sich in einem albanischen Bergdorf der Arbereshe im kalabresischen Süden Italiens treffen und von einer gemeinsamen Vergangenheit in der an Ungarn angrenzenden Vojvodina sprechen? Die Sorben sind uns noch am ehesten ein Begriff, aber schon bei den Gottscheem Deutschen, die im slowenischen "Ländchen" seit Jahrhunderten leben, hört in der Regel das Wissen um deren Existenz auf.

    Karl-Markus Gauß hat sich zu diesen kleinen und von der Welt vergessenen Völkern aufgemacht und Begegnungen von selten poetischer Intensität in seinem Buch festgehalten. Gelungen ist ihm dabei eine Kulturphilosoghie des Inneren, die sich durch ein sicheres Gefühl für die Komplexität und die Labyrinthe menschlichen Lebens auszeichnet. Was unterscheidet, so fragt er sich bei seinem Aufenthalt in Mazedonien, die Mythen dieser Menschen von jenen großer Völker? Schnell begreift er, dass sie nur durch ihren Status voneinander getrennt sind:

    " ... wieder mußte ich mich an den gallischen Halm oder König Arthus erinnern, und mir wurde klar, dass das Rühren in der mythischen Ursuppe bei den kleineren, besiegten Nationen nichts Verwerflicheres oder Lächerlicheres war als bei den großen, die aus ihren Mythen allseits respektiertes Kulturgut gemacht hatten."

    Mit ethnologischem Gespür und der Neugierde eines Dichters ist es Karl-Markus Gauß gelungen, ein feines Netz aus Gegenwart und Geschichte zu flechten. Dieser spezifische Zugang macht den Leser zum Flaneur zwischen den Welten, zum Forscher einer fast ad acta gelegten europäischen Geschichte, die lebendiger nicht darzustellen wäre.

    Gauß' Streifzüge durch Landschafts- und Lebenserzählungen der verwunschenen Lausitz oder des mediterranen Kalabrien zeugen von einer großen Fähigkeit, der Sehnsucht der Menschen zu folgen. Am ehesten noch ist es diese Sehnsucht, die aufzeigen kann, in welchem Verhältnis die Vertriebenen zu ihrer alten Heimat stehen. Die Arbereshe beispielsweise haben sich nach dem Gebiet, aus dem sie von Albanien nach Italien gekommen waren, genannt. Diesem Gebiet entstammen die ersten Auswanderer, die sich, so Gauß,

    " ... mit nichts ,als Hemd und Heldenliedern' aus der sicheren Unfreiheit in eine Ungewisse Freiheit aufgemacht hatten. (...) Die Arbereshe wollten immer doppelte Patrioten sein, albanische, die niemals vergessen, wo die Muttererde liegt, und italienische, die sich dem neuen Vaterland aufzuopfern bereit waren."

    Das italienische Bergdorf Civita sei eine Versuchsstation, in der alte Dörfler die Zukunft der Welt erproben. Dies scheint ihnen, im Gegensatz zu den Sepharden von Sarajevo, gesichert.

    Nur wenige Sepharden sind während des Krieges in Bosnien geblieben. Obwohl die Juden es hier von allen noch am besten hatten, v/eil sie zwischen den drei verfeindeten ethnischen Gruppen standen, die in ihnen keine Gegner sahen. Es stimme schon, hatte ein alter Sepharde dem Reisenden bei seinem Besuch in Sarajevo gesagt, ein einziges Mal in der Geschichte sei es ein Vorteil gewesen, Jude zu sein, "ausgerechnet in diesem Krieg". Das "vielbesungene Zentrum" der 1492 aus Spanien vertriebenen Sephardim trug über Jahrhunderte hinweg den Namen Yerusamyime chico, Klein- Jerusalem. Die fünfliundertjahrige jüdische Geschichte in Bosnien geht unbemerkt ihrem Ende entgegen. Nicht, weil Jugoslawen Antisemiten waren, darauf legte Gauß' Gesprächspartner Moshe Albahari großen Wert, seien die Juden fortgegangen: Zitat: "Nein, in Jugoslawien hat es keinen Antisemitismus gegeben, und selbst zuletzt, als sich jeder gegen jeden aufhetzen ließ, waren die Juden davon ausgenommen. Vielleicht, sagte Moshe, hatten die drei großen Volksgruppen in Bosnien einander so fanatisch gehaßt, dass für den Haß auf die Juden einfach keine Zeit und Kraft mehr übrig war. Achtungsvoll sprach vielmehr eine jede nur von .unseren Juden', und darum gestatteten sie es ihren Juden auch, die Stadt mitten im Krieg zu verlassen." Autor: Die Geschichte der bosnischen Juden indes ist von jener europäischen nicht zu trennen. Karl-Markus Gauß' Betrachtungen stellen einen unumgänglichen Zusammenhang zwischen der Geschichte kleiner Völkerschaften und großer Nationen her. Immer hängt beides zusammen und ist ineinander verwurzelt. Wenn man einmal annehmen würde, dass diese kleinen Völker stellvertretend für die großen "das Trauma der Flucht" in sich tragen, dann müßte es Politiker, Dichter und Ökonomen gleichermaßen berühren, dass halb Europa im Begriff ist zu sterben. Karl-Markus Gauß hat mit seinem Buch Sterbende Europäer ein Dokument von größter Bedeutung vorgelegt. Man kann diesem Buch viele Leser wünschen, solche vor allem, die nicht in Schemata denken, sondern in Geschichten fühlen; letztere folgen einer Erziehung des Herzens. Von dieser Warte aus gesehen ist es nicht wichtig, ob das, was man nicht kennt, der, die oder das Fremde ist. Bedeutung haben die Räume des Dazwischen und diese hat Karl-Markus Gauß mit ereignisreichem europäischen Leben gefüllt und eine gleichermaßen poetische wie profunde Hommage an "Europas Ränder" geschrieben.