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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Steven E. Kuhn: Soldat im Golfkrieg. Vom Kämpfer zum Zweifler.11.08.2003

Steven E. Kuhn: Soldat im Golfkrieg. Vom Kämpfer zum Zweifler.

Ch. Links Verlag Berlin 2003, 141 Seiten, € 9,90

Anne Worst

Mit Marcus Heumann am Mikrofon, guten Abend und willkommen. Das patriotische Getöse, das die USA um ihre heimkehrenden Soldaten zu veranstalten pflegen, hat Tradition. Dass man es vor lauter Wiedersehensfreude dabei mit der Wahrheit manchmal nicht so genau nimmt, hat erst jüngst der Fall "Jessica Lynch" demonstriert. Die irakischen Ärzte, die die verletzte Soldatin in ihrem Hospital aufopferungsvoll versorgten, hatten mehrere Versuche gestartet, Lynch den nahenden US-Truppen aus freien Stücken zu übergeben – aber die bestanden auf der Erstürmung des Krankenhauses –, um danach die Propaganda-Legende von einer heroischen Befreiung fabrizieren zu können. Ebenso traditionsreich ist es in Amerika spätestens seit dem Vietnamkrieg auch, die physischen Schäden und psychischen Traumatisierungen der Heimkehrer zu bagatellisieren. Das gilt z.B. für das bis heute rätselhafte "Golfkriegssyndrom", mit dem viele GIs aus dem ersten Feldzug gegen den Irak zurückkamen. Einer von ihnen ist Steven Kuhn, der nun unter dem Titel "Soldat im Golfkrieg – vom Kämpfer zum Zweifler" einen Erinnerungsband veröffentlicht hat, der mit dem vom Pentagon so gern gezeichneten Bild eines "sauberen" Krieges nicht eben harmoniert. Hören Sie Anne Worst über die Geschichte des Steven E. Kuhn:

Mit der Zeit wurde ich gefährlich. Ich bin ausgerastet. Verlor die Kontrolle. Ich hatte Blackouts. Nach jeder Schlägerei war ich leer, ausgepumpt; und meine Opfer taten mir leid. Paul, ein Ex-Soldat wie ich, wusste viel über das Golfkriegssyndrom. Er sagte, das sei eine echte Krankheit, nicht nur ein Gerücht. Er sagte auch, dass er schwere Psychoprobleme habe. Er sprach von unkontrollierten Wutausbrüchen. Ich dachte: Was erzählt der da? Das klingt, als würde er nicht über sich, sondern über mich reden! Ein Schreck fuhr mir in die Glieder, der mich zittern ließ.

Steven Kuhn, amerikanischer Golfkriegsveteran, erinnert sich mit Beklemmung an diese Zeit. Er war ein Wrack, er hatte seine Wut nicht mehr unter Kontrolle, er litt unter Ausschlag, Migräne und tagelangem Durchfall. Symptome, die er seit dem Golfkrieg 1991 hatte. 240.000 Veteranen leiden wie Steve Kuhn an dieser mysteriösen Krankheit, die "Golfkriegssyndrom" genannt wird. Die amerikanischen Behörden weigern sich bis heute, dies als Kriegsfolge anzuerkennen.

Ich war sehr bitter, was mit mir passiert ist und dass die Regierung sich nie damit befasst hat und mir eigentlich auch nie helfen wollte. Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr ich dafür kämpfe, je mehr glaube ich selbst, dass ich noch kranker werde. Was mir wirklich geholfen hat, ist, das Buch zu schreiben.

Ein Buch als Therapie. Steven Kuhn lässt die schrecklichsten Ereignisse seines Lebens noch einmal Revue passieren. Doch "Soldat im Golfkrieg" geht über eine bloße Beschreibung des Krieges oder des Soldatenlebens hinaus. Wenn Kuhn beispielsweise über seine Jugend in Amerika erzählt, in einer Mietwohnung, unweit der Kühltürme des Atomkraftwerkes Harrisburg. Von den Idealen, mit denen er aufwuchs. Von den finanziellen Problemen. Soldat werden bedeutete viel für den jungen Steve: sozialer Aufstieg, eine Ausbildung umsonst und eine Chance, die Welt zu sehen.

Die Liebe für unser Land ist in uns eingeprägt von Anfang an. Wir sitzen im Kindergarten und machen unsere Nationalhymne jeden Morgen. Alles, was uns beigebracht worden ist, unser ganzes Leben, beruht auf gefallenen Soldaten oder Helden. Nur deswegen sind wir zustande gekommen als ein Land. Alles, was wir tun, ist nur zustande kommen durch Soldaten, die das Leben gegeben haben, um für Unabhängigkeit und Freiheit zu kämpfen.

Kuhn war ein Vorzeigesoldat, hart und draufgängerisch. Befehle hat er widerspruchslos hingenommen. Man hatte ihm eingetrichtert, "Gut" und "Böse" zu unterscheiden: hier stehen wir, dort ist der Feind. Er beschreibt sehr ehrlich, wie draufgängerisch er am Anfang des Krieges war. Und wie dann aus seiner "Heldentheorie" blutiger Ernst wurde auf den Schlachtfeldern um Basra.

Überall lagen die Leichen der Iraker, auch einzelne Körperteile, Köpfe, Arme, Beine. Es war grausig. Plötzlich fiel ein Sonnenstrahl aus den Wolken und ließ den Ehering an der Hand eines Toten aufleuchten. In diesem Moment konnte ich keinen Hass mehr spüren. Es traf mich wie ein Schock. Der Feind bekam plötzlich ein Gesicht. Mein Gott, dachte ich, da liegt ein Mensch, der Frau und Kinder hat, ein normaler Mensch, der nur für sein Land kämpfte. Dieses Bild vergesse ich nie.

Mitten im Krieg kam der Befehl: Waffenstillstand! Die Soldaten gerieten außer sich. Auch Steven Kuhn. Sie hatten ihren Job nicht zu Ende gebracht, sie hatten Saddam und sein Regime nicht ausgeschaltet. Kurz darauf dann der Schiitenaufstand, der von den Republikanischen Garden grausam niedergeschlagen wurde. Kuhn musste hilflos dabei zusehen.

Tag und Nacht wurden Raketen abgeschossen, Bomben abgeworfen und die Bevölkerung niedergemetzelt. Das Schießen hörte gar nicht mehr auf. Die Verwundeten schleppten sich zu unseren Stützpunkten und baten um Hilfe. Es kamen Kinder und alte Frauen. Natürlich wollten wir den Schiiten auch militärisch helfen – aber es kam kein Befehl dazu. Ich leide immer noch unter den Eindrücken, die sich mir damals ins Gehirn brannten.

Das war schon eine harte Sache: Ein erwachsener Mann geht auf die Knie vor einem mit seiner ganzen Familie und bettelt um Hilfe und bettelt, dass wir etwas für ihn tun. Und das ist so eine Sache, wenn man 23 Jahre alt ist und dann da steht mit einer Waffe, man weiß gar nicht, wie man damit umgehen soll.

Kaum auszuhalten war vor allem das Leid der Kinder. Während der Kämpfe in Basra kam eine Mutter mit ihrer Tochter zu unserem Checkpoint. (…) Wir sahen, dass die Kleine Probleme hatte, richtig zu laufen. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Als wir das Mädchen näher betrachteten, stellten wir fest, dass sie von Kopf bis Fuß Verbrennungen hatte, es war absolut furchtbar. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also gab ich ihr ein Bonbon. Nie werde ich vergessen, wie ihre Augen plötzlich leuchteten, als hätte ich ihr Leben gerettet.

Eine hilflose Geste inmitten von Tod und Verzweiflung. Die amerikanische Regierung hatte jedoch beschlossen entgegen vorheriger Versprechen, sich nicht in den Konflikt zwischen Saddams Republikanischen Garden und den aufständischen Schiiten einzumischen.

Zweifel an der Regierung – in diesem Moment nicht. Ich war noch Soldat, und ich glaubte, dass die Regierung wusste, was sie tun und dass sie das Beste tun. Jetzt wundere ich mich, warum sie das gemacht haben. Steve Kuhn wird auch keine Antworten bekommen von irgendjemandem. Ich weiß nur, dass ich sehr enttäuscht war und dass das mein Leben und das von vielen anderen geprägt hat: einfach mal Leute vor unseren Augen sterben sehen und nichts tun können.

Als der neue Golfkrieg anfing, wurde all das in Steven Kuhn wieder aufgewühlt.

Ich zitterte, ich bekam Atemnot, ich fühlte eine wachsende Verzweiflung in mir. Vier Tage lang habe ich so gut wie gar nicht geschlafen, sondern nur vor dem Fernseher gesessen. Mein erster Impuls war mitzuhelfen, Saddam zu verjagen. Den Job zu Ende zu bringen. Deshalb habe ich mich als Reservist gemeldet.

Als er sich wieder beruhigt hatte, kam Steven Kuhn zum Nachdenken. Schließlich hatte er auch nach dem Krieg seine Erfahrungen gemacht: Mit der Krankheit, mit den psychischen Problemen und vor allem mit der Tatsache, dass Amerika seine Veteranen zwar als Helden braucht. Als Kranke und Kriegsbeschädigte werden sie jedoch fallen gelassen.

Andere Soldaten, die auch neu dabei sind, die sind sehr crocky, sehr aufgebrüht, wir haben sie in den Arsch getreten, wir sind die besten. Ich kann das verstehen, ich war genau so, damals am Anfang. Das ist dieses typische Macho: Hart bleiben, Soldat! Nicht weich sein. Dieses Verhalten, das erwartet wird von einem. Nicht nur von einem in der Armee, auch von einem selbst. Durch die Geschichte Amerikas muss man ein stolzer Soldat sein, egal, was passiert. Also, es ist ein Druck da von der Gesellschaft und auch von der Geschichte her, diesem Bild als Soldat gerecht zu werden. Ich wusste nach dem Golfkrieg, dass ich diesem Bild von einem Soldaten nicht mehr gerecht werden könnte. Weder für mich noch für meine Gesellschaft. Geschichtlich sowieso nicht mehr, weil ich zu viele Fragen gestellt habe.

Und so wird zum Schluss aus diesem eindrücklichen, persönlichen Erlebnisbericht doch noch ein Antikriegsbuch. Steven Kuhn ist kein Pazifist. Aber er hat aus seinen Erfahrungen menschliche Konsequenzen gezogen.

Ich denke immer wieder an das schwerverletzte Mädchen aus Basra mit den leuchtenden Augen. Nach dem Krieg möchte ich für eine Hilfsorganisation arbeiten. Im Irak. Für die Kinder. Ich halte es für meine Pflicht, meinen verdammten Job dort unten zu Ende zu bringen. Als Mensch. Und mit friedlichen Mitteln.

Anne Worst über Steven E. Kuhn: Soldat im Golfkrieg. Vom Kämpfer zum Zweifler. Erschienen im Christoph Links Verlag Berlin, 141 Seiten zum Preis von 9,90 Euro.

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