Mittwoch, 18. Mai 2022

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Stickoxid-Belastung
"Am besten nur noch moderne Fahrzeuge in die Innenstädte lassen"

Das Umweltbundesamt hat auch 2016 wieder viele Überschreitungen der Grenzwerte für schädliches Stickstoffdioxid festgestellt. Der Löwenanteil entfalle auf den Autoverkehr, sagte Ute Dauert vom Umweltbundesamt im DLF. Die Behörde setze weiter auf die blaue Plakette, um schmutzige Fahrzeuge aus den Städten auszusperren.

Ute Dauert im Gespräch mit Georg Ehring | 31.01.2017

Autos fahren am 18.01.2016 in Stuttgart (Baden-Württemberg) durch die Innenstadt, während auf einer Anzeige ein Feinstaub-Alarm für die Umweltzone Stuttgart angezeigt und auf öffentliche Verkehrsmittel hingewiesen wird.
Feinstaub-Alarm in der Stuttgarter Innenstadt (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Georg Ehring: Dicke Luft in Deutschland, und zwar vor allem an den Straßen. An mehr als der Hälfte der verkehrsnahen Messstellen wurden die Grenzwerte für Stickstoffdioxid im Jahresmittel überschritten. Das teilte das Umweltbundesamt heute mit. Warum gelingt es nicht, die Belastung deutlich zu senken? Darüber habe ich vor dieser Sendung mit Ute Dauert gesprochen. Sie ist beim Umweltbundesamt Fachgebietsleiterin für die Beurteilung der Luftqualität. Und ich habe sie zunächst gefragt, wie die aktuellen Trends aussehen.
Ute Dauert: Wir haben auch 2016 wieder reichlich Überschreitungen, die verkehrsnah beobachtet wurden. Grundsätzlich kann man aber sagen, wir sehen einen leichten Rückgang. Aber das ist jetzt noch kein Grund zur Freude und zum Juhu. 57 Prozent der verkehrsnahen Messstationen oberhalb des Grenzwertes, das ist schon noch eine ganze Menge, was es zu tun gilt.
Ehring: Beim Feinstaub gibt es ja viele Verursacher. Ist es bei den Stickoxiden eindeutig der Diesel?
Dauert: Bei den Stickoxiden ist es in der Tat so, dass wirklich der Löwenanteil auf den Autoverkehr zurückzuführen ist, und insbesondere Diesel-PKW, die tragen mit 67 Prozent Beitrag zur NO2-Belastung, zu den Emissionen bei.
Ehring: Gibt es weitere große Verursacher?
Dauert: Natürlich gibt es auch noch Energie-Erzeugung, Industrie dort zu nennen, und auch die Landwirtschaft, Verbrennungsprozesse allgemein. Da gibt es noch weitere Ursachen. Aber in den Städten ist der Verkehr die Nummer eins, die verantwortlich ist für die hohe Belastung, die dort gemessen wird.
Ehring: In anderen Ländern ist die Belastung ja teilweise noch deutlich schlimmer. Kann man nicht mit etwas mehr Stickoxiden leben?
"Es muss ein Umdenken stattfinden, wie wollen wir unsere Mobilität künftig gestalten"
Dauert: Das Problem ist, dass wirklich die Schadstoffe die Menschen krank machen. Die Stickoxide, insbesondere Stickstoffdioxid ist ein Gesundheitsrisiko, besonders zum Beispiel für Asthmatiker. Bei denen kann es die Wirkung von Allergien verstärken. Es führt zu Reizung der Atemwege, Husten und Atembeschwerden. Personen, die davon betroffen sind, die sehen das sicherlich nicht so, dass man sagt, das kann man einfach so hinnehmen. Da muss was getan werden.
Ehring: Es gibt ja Lösungsvorschläge. Von Ihrer Seite kommt immer die blaue Plakette, die die Einfahrt für Dieselfahrzeuge in bestimmte Innenstadtbereiche dann verbietet. Setzen Sie nach wie vor darauf?
Dauert: Ja, das ist richtig. Da setzen wir nach wie vor drauf, weil das ist der einzige Weg, der gegangen werden muss und gegangen werden kann, indem man wirklich die hoch emittierenden Autos aus den Innenstädten ausschließt, nur noch modernere Fahrzeuge reinlässt, besser noch weniger Fahrzeuge. Da muss schon noch ein Umdenken stattfinden, wie wollen wir unsere Mobilität künftig gestalten.
Ehring: Wie steht es denn um den politischen Willen, das Problem zu lösen? Die blaue Plakette scheint ja bisher nicht zu kommen.
Dauert: Grundsätzlich ist es so, dass die Städte, die Kommunen und die Länder da in der Verantwortung sind, alles dafür zu tun, um die Grenzwerte einzuhalten. Aber was Sie brauchen, das ist wirklich von der Seite des Bundes eine bundeseinheitliche, und zwar auch praktikable Möglichkeit, entsprechend in den Städten Fahrzeuge auszusperren, die zu hohe Luftschadstoff-Belastungen mit sich bringen in den Städten.
Ehring: Es gibt ja eine deutliche Verbesserung beim Feinstaub im Unterschied zu den Stickoxiden. Wie ist da die Tendenz?
Feinstaub: "Wir haben nur noch an einer Messstation eine Überschreitung des EU-Grenzwertes"
Dauert: Ja! Beim Feinstaub sehen wir eine ganz erfreuliche Entwicklung, nämlich einen deutlichen Rückgang seit dem Jahr 2000, seitdem in etwa flächendeckend in Deutschland gemessen wird. Das ist sehr erfreulich. Wir haben nur noch an einer Messstation in Deutschland, und zwar ist das in Stuttgart am Neckartor, eine Überschreitung des EU-Grenzwertes. Aber auch hier ist es so, dass wir uns auf diesen Erfolgen nicht ausruhen dürfen und können, denn wenn wir mal schauen auf die Gesundheit der Menschen und die deutlich strengeren Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation heranziehen, dann werden diese Empfehlungen an jeder vierten Messstation in Deutschland überschritten.
Ehring: Wie lässt sich da die Belastung senken? Ist das der gleiche Weg wie beim Stickoxid?
Dauert: Beim Feinstaub ist ja auch schon eine Menge getan, auch im Verkehrsbereich. Aber beim Feinstaub kommen neue Gruppen ins Gespräch, die zur Belastung beitragen. Das ist zum Beispiel der Anteil der Holzheizung zur Feinstaubbelastung. Da sprechen wir insbesondere von Zweitheizungen wie Kaminen in Häusern, in Wohnungen. Ein anderer wichtiger Punkt, wo man unbedingt heran muss in Bezug auf die Feinstaubbelastung, ist die Landwirtschaft. Das dort freigesetzte Ammoniak ist zwar ein Gas, aber reagiert in der Atmosphäre und bildet solche Partikel und trägt auch zur Feinstaubbelastung bei.
Ehring: Soweit das Interview mit Ute Dauert vom Umweltbundesamt. Das Gespräch haben wir kurz vor dieser Sendung aufgezeichnet.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.