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StartseiteEuropa heuteStigma einer Krankheit10.02.2009

Stigma einer Krankheit

Spanien hat das letzte Leprasanatorium Europas

Das Schreckgespenst Lepra gehört in vielen Entwicklungsländern immer noch zur Gegenwart, aber auch in Europa gibt es noch Lepraerkrankungen. In Spanien wurden im letzten Jahr 20 neue Fälle gemeldet. Im Hinterland der Costa Blanca, abgeschottet von der Umwelt, versorgt das letzte Leprasanatorium Europas seit 100 Jahren die Erkrankten.

Von Christiane Wolters

Eine Leprakranke in Tansania. (AP)
Eine Leprakranke in Tansania. (AP)

Jeden morgen ab acht Uhr kommt Bewegung in den breiten und Licht durchfluteten Gang im Haupthaus des Sanatoriums: Mit Krücken, im Rollstuhl oder am Arm einer Schwester kommen die Bewohner zur täglichen Sprechstunde. Zwar ist die Lepra bei allen geheilt, doch medizinische Versorgung brauchen sie trotzdem, erklärt Doktor José Ramón Gómez.

Es seien die typischen Spätschäden, so der Lepraspezialist. Verkrümmte und verkrüppelte Hände und Füße, vernarbtes Gewebe, aber auch frische Wunden. Sie entstehen, weil Lepra die Nerven schädigt und der Tastsinn verloren geht. So spüren die Kranken nicht, wenn sie sich verletzen. Das eigentliche Leid sieht der Arzt jedoch woanders.

"Sie werden hier gut versorgt, haben schöne Zimmer, Pfleger, Ärzte, eine Psychologin und so weiter. Ich glaube, dass das größte Problem ein emotionales ist."

Doch über emotionale Narben sprechen die Patienten nicht gerne - auf jeden Fall nicht mit einer Fremden.

Jesús, rüstig, 85 Jahre alt, genießt auf der Bank vor dem Sanatorium die frische Morgenluft. Fragen, wie es ihm geht, wischt er mit einer Handbewegung zur Seite.

"Hier bin ich absolut zufrieden. Es ist besser als zu Hause. Sieh' Dir nur dieses Panorama an. Was für eine Schönheit!"

Die Aussicht ist berückend. Aus eintausend Metern Höhe geht der Blick weit in die Provinz Valencia. Irritiert wird das Auge nur durch eine Mauer ein paar hundert Meter weiter unten. Wie ein Reptil windet sie sich über die Hügel rings um das Sanatorium: Drei Meter hoch, drei Kilometer und 513 Meter lang.

Sieben Jahre habe der Mauerbau gedauert, erzählt Jesuitenpater José Luis Beneyto. Von 1923 bis 1930, dann war das Sanatorium komplett abgeriegelt, Aus- und Eingänge wurden streng kontrolliert, bis 1964.

Die Bewohner der umliegenden Dörfer hatten Angst vor den Kranken. Und obwohl die Tore heute weit offenstehen, markiert die Mauer in Fontilles immer noch die Grenze. Zwischen drinnen und draußen, zwischen krank und gesund.

"Sie fühlen sich zurückgewiesen. Zurückgewiesen von Spanien. Draußen reicht es, dass sie Leprakranke waren, um abgelehnt zu werden."

Beispiele dafür kann Pater José Luis zuhauf nennen. Etwa von der Patientin, die in ihr Dorf zurückgezogen ist und unter keinen Umständen Post mit dem offiziellen Stempel vom Sanatorium bekommen möchte. Oder von den ehemaligen Kranken, die partout keine Käufer für ihr Haus finden konnten.

Und auch der rüstige und vergnügte Jesús erzählt nach einer Weile, dass er zwar eine Wohnung in Zaragoza habe, dort aber niemand wisse, warum er die meiste Zeit des Jahres in Fontilles verbringt.

"Ich sage immer, mir gefällt das Klima hier. Niemand weiß, dass ich Lepra hatte. Weil ich das nicht will. Sonst würden die Nachbarn wahrscheinlich munkeln. Guck' mal ein Leprakranker, und mit dem müssen wir denselben Aufzug benutzen."

Dabei könne der Lepraerreger nur sehr wenigen Menschen gefährlich werden, erklärt Arzt Pedro Torres.

Bei 95 Prozent sorge das Immunsystem automatisch für Abwehr; etwa fünf Prozent hätten einen bestimmten genetischen Defekt. Erst wenn sie dann auch noch in schlechten hygienischen Verhältnissen lebten, könne die Lepra zuschlagen.

Doch das Stigma der Krankheit ist stärker als medizinische Erkenntnisse. Die 60 hoch betagten Bewohner, die noch in Fontilles leben, könnten alle auch draußen, in ihren Dörfern oder bei ihren Familien wohnen. Doch sie bleiben lieber hier in ihrer eigenen Welt.

Wie Ricardo, der hinter dem Tresen der Dorfbar steht. Vor 13 Jahren, als er gerade Rentner geworden war, kam er nach Fontilles.

"Hier haben wir eine große Ruhe. Es ist wie eine Familie. Es gibt keine Unterschiede, wir sind alle eins."

Und auch wenn diese Familie immer älter und kleiner wird, bleibt für das Personal von Fontilles noch genug zu tun. Seit Jahrzehnten werden hier Ärzte und Pfleger aus aller Welt für die Arbeit mit Leprakranken ausgebildet, außerdem betreuen die Spezialisten zahlreiche Projekte in Entwicklungsländern. Arbeit, die noch lange nötig sein wird.

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