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StartseiteForschung aktuell"Nebenwirkungsspektrum bei Schwangeren ist dasselbe wie bei Nicht-Schwangeren"10.09.2021

STIKO empfiehlt Corona-Impfung "Nebenwirkungsspektrum bei Schwangeren ist dasselbe wie bei Nicht-Schwangeren"

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt jetzt eine Corona-Impfung auch für Schwangere und Stillende. Grund seien vor allem neue Daten aus Studien, sagte STIKO-Mitglied Marianne Röbl-Mathieu im Dlf. Schwangere hätten ein höheres Risiko, bei einer COVID-19-Erkrankung auch schwer zu erkranken.

Marianne Röbl-Mathieu im Gespräch mit Lennart Pyritz

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(EyeE,m / Jeff McCollough)
"Es konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass die Wirksamkeit gegen eine symptomatische Infektion bei 96 bzw. 97 Prozent lag und die Wirksamkeit gegenüber einer stationären Aufnahme bei 89 Prozent", so Marianne Röbl-Mathieu zur Schwangeren-Impfung (EyeE,m / Jeff McCollough)
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Corona-Impfung und Schwangerschaft Mediziner: Risiko einer schweren Erkrankung größer als Impfrisiko

Das Thema sorgt seit Monaten für Diskussionen: Sollten Schwangere generell gegen COVID-19 geimpft werden? Am Freitag (10.9.2021) ist Bewegung in diese Frage gekommen: "Nach eingehender Beratung und Bewertung der vorhandenen Evidenz" hat die Ständige Impfkommission empfohlen, dass sich Schwangere und Stillende durch eine Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Vakzins gegen Covid-19 schützen sollten. Das hat das Robert Koch-Institut mitgeteilt. Bislang hatte sich die STIKO nicht für eine generelle Impfung in der Schwangerschaft ausgesprochen.

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Veränderte Nutzen-Risiko-Abwägung

Grund dafür, dass die STIKO ihre Empfehlung geändert hat, seien vor allem zusätzlichen Daten, die in den vergangenen Wochen verfügbar geworden seien, erklärt Marianne Röbl-Mathieu, niedergelassene Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in München, Mitglied der Ständigen Impfkommission und dort Sprecherin der AG COVID-19-Impfung in der Schwangerschaft. Das habe zu einer veränderten Nutzen-Risiko-Abwägung geführt.

Für eine Impfung spreche, dass "Schwangere ein höheres Risiko haben, im Falle einer COVID-19-Erkrankung auch schwer zu erkranken", sagte Röbl-Mathieu. Das Nebenwirkungsspektrum hingegen sei bei Schwangeren wie bei nicht Schwangeren dasselbe und die Reaktionen fielen tendenziell sogar etwas schwächer aus. Bei möglichen Nebenwirkungen im Hinblick auf den Schwangerschaftsverlauf habe sich kein erhöhtes Risiko ergeben.

Impfbereitschaft Schwangerer könnte ansteigen

Durch die generelle Impfempfehlung der STIKO könnte jetzt die Bereitschaft Schwangerer ansteigen, sich zu impfen. Denn es habe sich gezeigt, dass die Zustimmung zur Impfung bei Schwangeren sehr stark von der Empfehlung vor allem des behandelnden Frauenarztes abhänge. Der Beschlussentwurf muss noch ein sogenanntes Stellungnahmeverfahren mit den Bundesländern und beteiligten Fachkreisen durchlaufen, bevor er offiziell gültig werden kann. 

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Das Interview in voller Länge:

Lennart Pyritz: Was war ausschlaggebend für die Stiko, jetzt eine generelle Corona-Impfung für Schwangere und Stillende zu empfehlen?

Marianne Röbl-Mathieu: In den letzten Wochen sind zusätzliche Daten verfügbar geworden zu verschiedenen Aspekten, nämlich zum Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf in der Schwangerschaft einerseits, aber auch zur Effektivität und zur Sicherheit der Impfung in der Schwangerschaft und bei Stillenden andererseits, und das hat zu einer veränderten Nutzen-Risiko-Abwägung geführt.

"Wirksamkeit entspricht der außerhalb der Schwangerschaft"

Pyritz: Wenn wir das mal genauer aufrollen und auf die Datenlage schauen – sie haben es schon angesprochen, es gab dazu zum Beispiel in dieser Woche auch noch mal eine große Studie aus Israel im Fachjournal "Nature Medicine" –, was spricht für eine Corona-Impfung für Schwangere und Stillende?

Röbl-Mathieu: Zunächst spricht einfach dafür, dass Schwangere ein höheres Risiko haben, im Falle einer COVID-19-Erkrankung auch schwer zu erkranken, und da haben eben die Auswertungen der letzten Wochen gezeigt, dass da auch die Schwangerschaft per se einen unabhängigen Risikofaktor darstellt. Es gibt diese neuen Daten aus Israel, die sie gerade angesprochen haben. Die haben an einem relativ großen Kollektiv – insgesamt waren es gut 20.000 Schwangere, davon jeweils die Hälfte geimpft beziehungsweise nicht geimpft – zeigen können, dass die Wirksamkeit der Impfung bei Schwangeren in etwa der Wirksamkeit außerhalb der Schwangerschaft entspricht. Es konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass die Wirksamkeit gegen eine symptomatische Infektion bei 96 Prozent lag beziehungsweise 97 Prozent lag und die Wirksamkeit gegenüber einer stationären Aufnahme bei 89 Prozent.

"Im Prinzip dasselbe Nebenwirkungsspektrum wie bei Nichtschwangeren"

Pyritz: Welche möglichen Risiken durch die Impfung für Schwangere und deren Nachwuchs haben Sie auf der anderen Seite dagegen abgewogen?

Röbl-Mathieu: Dazu gibt es vor allem Daten aus den USA, aus der passiven Surveillance nach der Impfung, und da ist zunächst mal untersucht worden, ob da andere oder schwerere Impfreaktionen auftreten nach der Impfung. Und es hat sich gezeigt, dass es im Prinzip dasselbe Nebenwirkungsspektrum bei Schwangeren ist wie bei Nicht-Schwangeren und dass tendenziell diese Reaktionen sogar etwas schwächer ausgefallen sind. Was Nebenwirkungen im Hinblick auf den Schwangerschaftsverlauf anbelangt, hat sich gezeigt, dass sich eben kein erhöhtes Risiko ergeben hat im Bezug auf Fehlgeburten, Frühgeburten, auch nicht auf mögliche angeborene Fehlbildungen, auch nicht auf das Risiko der Präeklampsie und auch nicht auf das Risiko des Kindes, mit einem zu niedrigen Gewicht zur Welt zu kommen.

Empfehlungen erfolgen auf "strenger Evidenzbasierung"

Pyritz: In Deutschland haben medizinische Fachgesellschaften ja bereits im Mai dafür plädiert, Schwangere priorisiert mit mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 zu impfen, seit Mitte August empfiehlt auch die US-Behörde CDC allen Schwangeren und Stillenden die COVID-Impfung. Wieso hat die STIKO erst heute so eine generelle Empfehlung ausgesprochen?

Röbl-Mathieu: Die STIKO-Impfempfehlungen, die entstehen nach einer ganz stringenten Vorgehensweise, die standardisiert ist, und auch auf der Basis einer strengen Evidenzbasierung. Das heißt, eine STIKO-Impfempfehlung setzt voraus, dass wirklich eine systematische Untersuchung der verfügbaren Literatur stattfindet, möglichst qualitativ hochwertiger Daten, und auch einer Zusammenschau dieser Daten, wobei die Kernfragestellung eben die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung ist, aber auch noch zahlreiche andere Aspekte bei der Impfempfehlung eine Rolle spielen, zum Beispiel eben: Wie ist es denn in unserem Land mit der Krankheitslast und mit der Epidemiologie? Wie verändert sich vielleicht auch der Erreger im Laufe der Zeit? Welche Zielgruppen sind besonders gefährdet durch welche Krankheitsverläufe? Und dann wird natürlich immer der Nutzen der Impfung einerseits auf Bevölkerungsebene betrachtet – es ist ja besonders wichtig, im Zusammenhang mit der Pandemie –, aber der STIKO spielt natürlich auch die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung eine Rolle.

"Datenlage zur Sicherheit der Impfung immer noch begrenzt"

Pyritz: Bleiben denn trotz der heutigen Bewertung noch Risiken oder Unklarheiten in der Datenlage, die auch wieder zu einer weiteren Neubewertung der Lage führen könnten?

Röbl-Mathieu: Ich denke, das, worauf ganz klar hingewiesen werden muss, ist einfach die Tatsache, dass insbesondere die Datenlage zur Sicherheit der Impfung immer noch begrenzt ist. Wir haben dazu Daten aus wirklich Studien, wo das gezielt untersucht worden ist, von insgesamt etwa vielleicht 10.000 Schwangeren, und wir haben natürlich keine lange Nachbeobachtungszeit. Das betrifft natürlich auch Kinder geimpfter Mütter. Das trifft aber natürlich auch zu für die Infektion selbst. Wir wissen auch bis heute noch nicht viel über mögliche Langzeitfolgen für Kinder von Schwangeren, die in der Schwangerschaft infiziert worden sind.

Abwägung für Ärzte und Schwangere bisher schwierig

Pyritz: Ärztinnen und Ärzte konnten ja auch bislang schon Schwangere gegen Corona impfen ohne generelle Empfehlung eben. Haben Sie einen Überblick, wie oft dieses Angebot angenommen wurde, beziehungsweise rechnen Sie damit, dass sich jetzt ein Großteil der schwangeren und stillenden Frauen impfen lässt?

Röbl-Mathieu: Ich kann Ihnen dazu keine genauen Zahlen nennen, aber es ist schon so, dass es vielleicht in den letzten Wochen und Monaten eher so war, dass die Schwangeren wirklich impfwillig waren und sich gerne impfen lassen wollten, sich im Prinzip schwergetan haben, wirklich einen Zugang zur Impfung zu bekommen. Das liegt auch daran, dass eben viele Ärzte doch eher unsicher waren über diese eingeschränkte Impfempfehlung, die ja eine Indikationsimpfempfehlung dargestellt hat, und es auch schwierig fanden, da auf dem Boden dieser Kriterien eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung zusammen mit der Schwangeren zu treffen. Ich denke, wenn die Kollegen da jetzt einfach mehr Sicherheit haben durch die generelle Impfempfehlung, dass ihre Bereitschaft zu impfen auch ansteigt – wir haben das ja auch bei der Kinderimpfung gesehen –, und umgekehrt wissen wir, dass die Zustimmung zur Impfung bei Schwangeren sehr stark auch von der Empfehlung vor allem des behandelnden Frauenarztes abhängt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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