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StartseiteForschung aktuellStrahlenopfer08.03.2013

Strahlenopfer

Fukushima und das Tumor-Risiko

Strahlenmedizin. - Die Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi ist die bislang zweitschlimmste Havarie in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Große Mengen an radioaktivem Jod wurden freigesetzt, das Schilddrüsenkrebs auslösen kann. Und so fürchten nun auch in Japan Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder. Doch wie hoch ist das Risiko tatsächlich?

Von Dagmar Röhrlich

Wegen erhöhter Strahlenwerte im Trinkwasser ist blieb im April 2011 das Wasser aus dem Hahn tabu für Kinder und Babys in Tokio. (AP)
Wegen erhöhter Strahlenwerte im Trinkwasser ist blieb im April 2011 das Wasser aus dem Hahn tabu für Kinder und Babys in Tokio. (AP)

Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 war die Gefahr nur den Experten bewusst: Die Bevölkerung traf es aus heiterem Himmel, als fünf Jahre später immer mehr Kinder und Jugendliche an Schilddrüsenkrebs erkrankten. Ursache war Jod-131, das in den ersten Tagen und Wochen nach der Havarie die Luft belastete, in die Nahrungskette gelangte - und so in die Schilddrüsen der Kinder:

"Die Schilddrüse ist, was Strahlung angeht, bei Kindern sehr empfindlich. Einmal ist das kindliche Gewebe strahlenempfindlicher als das Gewebe von Erwachsenen. Zum andern sind auch die Strahlendosen aufgrund der geringen Größe der Schilddrüse bei Kindern wesentlich höher als bei Erwachsenen."

Wolfgang-Ulrich Müller ist Strahlenbiologe am Universitätsklinikum Essen und Vorsitzender der Strahlenschutzkommission. Auch in Fukushima spielte Jod-131 bis zu seinem vollständigen Zerfall etwa Mitte April 2011 eine zentrale Rolle, belastete sogar einige Tage lang im rund 200 Kilometer entfernten Tokio das Trinkwasser. Diesmal jedoch waren alle gewarnt:

"Deswegen hat man - richtigerweise - sowohl evakuiert, als auch das Verzehren von Nahrungsmitteln unterbunden. Man hat dann bei den Kindern, von denen man vermutet hätte, dass sie über Einatmung der Luft, in der Jod-131 war, [Jod-131 aufgenommen hätten, die Redaktion] einfache Schilddrüsenmessung gemacht, und das waren 1080 Messungen aus den höher belasteten Dörfern. Und man hat da, das ist die gute Nachricht, gefunden, dass die Werte, die man gemessen hat, mindestens eine Größenordnung unter denen lagen, wie nach Tschernobyl."

Das Risiko für die Kinder sollte also gering sein, urteilt Wolfgang Weiss, Vorsitzender der Unscear, die sich im Auftrag der Vereinten Nationen mit den Auswirkungen atomarer Strahlung beschäftigt. Einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge erhöht sich durch Fukushima das lebenslange Schilddrüsenkrebsrisiko nur in einigen Hotspots, in Gebieten, die erst Wochen nach dem Unfall evakuiert worden waren. Allerdings soll dieser Anstieg aufgrund der geringen Fallzahlen für normale epidemiologische Studien zu gering sein, so die WHO-Experten. Demgegenüber stehen andere Einschätzungen: Die Ärzteorganisation IPPNW hält die veröffentlichen Risiken für viel zu gering und ging jetzt auf einer Pressekonferenz davon aus, dass es zusätzliche 117.000 Krebsfälle durch Fukushima geben könnte. Was sollen die Betroffenen glauben?

Die widersprüchlichen Zahlen sorgen für Verwirrung. Handwerkliche Fehler schüren die Angst zusätzlich. Schon im Sommer 2011 ließ die japanische Regierung im Rahmen des Medical Health Survey die Schilddrüsen von 360.000 Kindern aus der betroffenen Region untersuchen. Wolfgang Weiss:

"Jetzt nicht auf die Radioaktivität von Jod-131 in der Schilddrüse hin, sondern mit Ultraschallmessungen auf Abnormalitäten der Schilddrüse."

Das veröffentlichte Ergebnis: Bei 40 Prozent der Kinder fanden sich Knötchen. Die Betroffenen sind höchst beunruhigt. Allerdings: Für sich allein bedeute ein solcher Befund noch nicht viel, erklärt Weiss:

"Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte man Null Ahnung, ob dies nicht im ganzen Land der Fall ist. Inzwischen weiß man das, dass das an anderer Stelle genauso ist."

Inzwischen sind in den vom Fall-out betroffenen Gebieten drei Kinder an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind. Bei sieben weiteren Kindern besteht der Verdacht auf eine bösartige Veränderung. Den Erfahrungen aus Tschernobyl zufolge wäre das ein oder zwei Jahre zu früh, denn Tumoren brauchen Zeit, sich zu entwickeln. Aber die Debatte läuft, ob ein Teil dieser Fälle auf die Strahlung zurückzuführen ist. Das Problem, so Wolfgang Weiss:

"Für die Krebse, für die wir uns nun besonders interessieren, Schilddrüsenkrebs bei Kindern, gibt es erst seit jüngstem Krebsregister. Das heißt, wir können das nicht qualifiziert einordnen, weil das einfach die baseline nicht gibt."

Und so laufen die Diskussionen weiter.

Hinweis: Am Sonntag, 10.03, 16:30 Uhr, sendet der Deutschlandfunk in der Sendung "Wissenschaft im Brennpunkt" das Feature Dosis der Angst zum Thema.

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