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StartseiteTag für TagDie Bettel-Mafia 15.01.2019

Straßenkinder in IndienDie Bettel-Mafia

Die Szene gehört zum indischen Alltag: Kinder sitzen am Straßenrand, das Bild von Gott Shiva neben sich, und betteln um ein paar Münzen. Almosen stimmen angeblich die Götter gnädig. Die Mädchen und Jungen sind oft Opfer krimineller Banden, die auch vor Verstümmelungen nicht zurückschrecken.

Von Margarete Blümel

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Vier Bettelnde Kinder in Neu-Delhi strecken ihre Hände durch einen Zaun (Aufnahme vom 02.02.2005)  (imago / Rainer Unkel)
Kinderarmut ist in Indien ein großes Problem (imago / Rainer Unkel)
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Ein Bettler sitzt vorm Eingang einer Metro-Station in Neu-Delhi auf einem Rollbrett und singt. Der kleine Junge mit dem Gesicht eines siebenjährigen Alten schaut kaum von seiner Ziehharmonika hoch. Ab und an streift sein Blick die Bettelschale, die bisher nur ein paar kleine Münzen enthält. Gleich daneben hat der Mann, der den Bettlerjungen morgens hergebracht hat, ein Abbild von Gott Shiva drapiert. Shiva steht für spirituelle Vollkommenheit und symbolisiert den Sieg über das Ego. Der Anblick des populären Hindugottes mit dem Dreizack soll die Passanten besonders mildtätig stimmen, sagen der Soziologe Chittaranjan Mishra und Rajnesh Kumar, Mitarbeiter einer Kinder-NGO.

"Die indische Gesellschaft ist ziemlich abergläubisch. Betteln und die Gabe von Almosen sind Bestandteil unserer Kultur. Wer milde Gaben verteilt, tut das nicht ganz ohne Absicht. Im Gegenteil: Die Gläubigen gehen davon aus, die Probleme, die ihnen zu schaffen machen, dadurch verringern oder sogar völlig eliminieren zu können."

Amputationen sorgen für Profitsteigerung

"Die Bettlerorganisationen hierzulande werden meist von zwei, drei Leuten betrieben, die bis zu hundert Kinder und Erwachsene unter sich haben. Morgens schicken oder bringen sie die Betroffenen in verschiedene Bezirke. Und abends müssen die Bettler dann ihre gesamten Erträge abliefern. Im Gegenzug bekommen sie einen Schlafplatz und etwas zu essen", sagt Chittaranja Mishra.

Von morgens bis abends sitzt der kleine Musikant an seinem Platz vor der Metro-Station. Selbst wenn der Junge wollte - er könnte gar nicht weglaufen. Damit er besonders hilfsbedürftig wirkt, hat man ihm vor vier Jahren beide Beine amputieren lassen.

In den Nachrichten wurde gemeldet: "Narendra Modi hat eine Untersuchung hiesiger Bettlerorganisationen angeordnet. Der Beschluss kam zustande, nachdem ein katholischer Priester dem Premierminister einen Zeitungsausschnitt gesandt hatte. In dem Artikel geht es darum, dass indische Quacksalber Straßenkindern Beine oder Arme abtrennen, damit sie großes Mitleid erregen und besonders viel Geld einbringen."

"Ein Repräsentant des Premierministers hat sich mit der Forderung nach Aufklärung an das Ministerium für die Entwicklung von Frauen und Kindern gewandt. Man wolle wissen, ob dies wahr sei und, wenn ja, was getan werden müsse, um solche Praktiken zu beenden." Der katholische Priester, der Narendra Modi den Zeitungsausschnitt gesandt hatte, zeigte sich erfreut über die Untersuchung. Allerdings tat er seine Überraschung darüber kund, dass man über diese Vorgänge scheinbar nicht informiert gewesen sei.

Rajnesh Kumar sagt: "Wir reden hier von mafia-ähnlichen Strukturen. Wer der Kopf einer solchen Organisation ist, wird eigentlich nie bekannt. Und wenn ein Kind, dem man das Augenlicht geraubt hat oder dessen Gliedmaßen amputiert worden sind, befragt wird, heißt es immer: Eines Tages bin ich so aufgewacht. Oder: Ich hatte einen Unfall und seitdem fehlen mir meine Arme und Beine. Die sogenannten 'Ärzte', die das machen, die Nachbarn, die das tägliche Treiben in der Bettlerorganisation mitbekommen und die Polizei – jeden Tag schützen und konservieren Leute das, was da geschieht. Eigentlich ist Betteln in Indien mal verboten worden. Doch: Schauen Sie sich auf den Straßen um – Bettler allenthalben. Und zugleich wimmelt es von Polizisten, die so tun, als gäbe es sie nicht."

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi steht am Rednerpult auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos (AFP)Die indische Regierung unternimmt zu wenig gegen die Kinderarmut im Land, sagt Rajnesh Kumar (AFP)

Er fügt hinzu: "Das Problem ist: Was tut unsere Regierung? Was hat sie all den Habenichtsen, den Behinderten oder den mutwillig Verkrüppelten zu bieten? Nichts. Und was hat das mit unserer Gesellschaft zu tun, deren Religiosität immer wieder handfester Bestätigung bedarf? Wenn ein Hindu im Tempel betet, fühlt er sich damit wohl, aber ihm fehlt etwas. Spendet er dem Tempel Geld, ist das schon besser. Sorgt er dafür, dass ein Hungriger zu essen bekommt, ist das auf der Skala noch höher angesiedelt. Verwechseln Sie das also bitte nicht mit Mitleid. Oft genug schauen die Leute ja auch weg und geben gar nichts. Und manchmal schwingt sogar Verachtung mit, wenn das Thema Bettler aufkommt. Aber in der Summe ist es dennoch so: Aberglaube und das Verlangen nach einer tiefen religiösen Befriedigung sind es, die letztlich die Mafia-Strukturen in den Bettler-Organisationen schüren."

"Morgens habe ich immer besonders großen Hunger"

Die Straßenkinder Dilip, Lal und Ravi erzählen: Dilip: "Mal geben die Leute mir ein bisschen Geld, mal etwas zu essen – oder sie gucken nur böse und gehen einfach weiter. Deshalb habe ich früher mal versucht, Ballons oder Kugelschreiber zu verkaufen. Doch von mir wollte keiner etwas nehmen. Vielleicht, weil ich keine sauberen Sachen anhatte und weil ich so gezittert habe, wenn es geregnet hat. Ich war ja völlig nass und hatte keine zweite Hose und kein anderes Hemd. Meine Eltern können mir nicht helfen. Sie sind immer mit dem Pulver beschäftigt, das sie durch die Nase schnupfen."

Lal: "Morgens habe ich immer besonders großen Hunger. Erst versuche ich es beim Linsenbrei-Stand hier in der Nähe. Oder ich gehe zum Hanuman-Tempel. Ich setze mich dann mit den Witwen und den Krüppeln auf den Boden. Da fällt zumindest ein Fladenbrot oder eine Banane für mich ab. Manchmal kommen Regierungsleute mit einem großen Bus. Sie sagen dann, dass wir weg müssen aus dem Zentrum, weil die Leute sonst nicht in Ruhe einkaufen können. Sie fahren uns weit raus aus Delhi und bedrohen uns, damit wir ja nicht wieder kommen. Aber wir kommen trotzdem immer wieder zurück."

Ravi: "Die Leute behandeln uns wie Dreck. Und so fühle ich mich auch oft. Deshalb schaffe ich es nicht, vom Klebstoff-Schnüffeln wegzukommen.Aber selbst, wenn es mir gelingen würde... Dann hätte ich keine Freunde mehr, mit denen ich zusammen sitzen kann und die zwischendurch mal ein Auge auf meine Siebensachen werfen. Ich würde wirklich gern mit dem Zigarettenrauchen aufhören, genauso gern wie ich den Klebstoff und das Betteln aufgeben würde. Aber ich weiß, dass daraus nichts wird."

Eine Frau sitzt Old-Delhi in Indien am Straßenrand neben ihrer provisorischen Unterkunft, aufgenommen 2014. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Obdachlosigkeit ist in indischen Metropolen ein häufiger Anblick (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Dilip, Lal und Ravi sind elf, neun und dreizehn Jahre alt. Sie sind nicht verkrüppelt und gehören auch nicht zu einem Syndikat. Die drei Bettlerjungen leben in Neu-Delhi mit einem Teil ihrer Familienangehörigen auf der Straße. Dilip sagt:

"Ich würde gern eine Schule besuchen. Und Arzt werden – und heiraten! Das wird dann eine richtige Hochzeit, mit allem Drum und Dran, mit Pferden und einem Hochzeitszug, der durch die Straßen zieht, bis wir alle vor dem Festzelt eingetroffen sind. Und dann kommt der Priester, einer von denen, die eine halbe Stunde lang, ohne Luft zu holen, Sanskrit singen können."

"Trag den Kopf ganz hoch"

Yoti, ein Mädchen, erzählt: "Ich habe mich immer schmutzig gefühlt, wenn die Männer zum Beispiel sagten: 'Oh, ein Mädchen, das bettelt - so ganz allein. Wenn du Hilfe brauchst, mir fällt schon was ein, wie du mir das zurückzahlen kannst...' In den Momenten hatte ich immer große Angst und ich konnte nachts nicht schlafen. Schließlich habe ich nur noch geweint. Bis meine Mutter eines Tages sagte: 'Schluss jetzt. Kümmere dich nur noch um deine Geschwister, mach sauber und flick unsere Sachen.' Kurz danach bin ich zum ersten Mal hierher, zu 'Chetna', gekommen. Und von da an war es für mich endgültig vorbei mit dem Betteln."

Yoti ist 15 Jahre alt und als Trainerin bei der Kinderhilfs-Organisation "Chetna" tätig. Bei "Chetna" lernen die Kinder, worauf sie beim Leben auf der Straße am meisten achten müssen. Bei den Rollenspielen etwa üben sie, Nein zu sagen, wenn sie sexuell belästigt werden oder wenn man ihnen Drogen anbietet. Sie werden dazu angehalten, möglichst gemeinsam mit anderen Kindern betteln zu gehen, damit sie nicht so leicht in ein Auto gezerrt, entführt oder vergewaltigt werden können. Und bei der Übung "Trag-den-Kopf-ganz-hoch" lernen die Bettlerkinder, dass sie ein Recht darauf haben, sich an die Polizei zu wenden, wenn sie Hilfe benötigen. Yoti sagt:

"Ich habe meiner Mutter gesagt, dass die Kinder sich hier ausruhen dürfen. Sie werden auch getröstet, zum Beispiel, wenn man sie draußen auf der Straße wieder einmal ungerecht behandelt hat. Sie können lesen und schreiben lernen und sich darüber informieren, welche Götter wir hier haben und was der Priester im Tempel macht. Sie können hier auch duschen. Oder einfach nur spielen. Ein paar Mal habe ich meinen kleinen Bruder und meine jüngere Schwester mitgebracht. Aber Mama traut den Leuten hier nicht. Ich sage ihr immer: Seit fast zwei Jahren bekomme ich ein festes Gehalt. Und alle sind so nett und geben sich große Mühe. Doch meine Mutter antwortet darauf nur: 'Was ist, wenn die Leute sich nur so lange verstellen, bis sie nicht nur meine große Tochter, sondern alle meine Kinder haben?'"

"Wir alle können etwas ändern"

"Wir helfen Bettlerkindern, die gern etwas lernen würden. Und wenn sie wollen, dann können sie irgendwann aufhören zu betteln. Wir alle können etwas ändern, wir können etwas Neues anfangen. Ich weiß das, weil ich ja auch hier etwas gefunden habe, was mich froh macht."

Seit knapp zwei Jahren fährt Yoti fünf Mal in der Woche auf ihrem Weg zur Arbeit mit der Metro an der Station Green Park vorbei.

Hier, wo der kleine Junge gleich vorm Eingang auf seinem Rollbrett sitzt und singt. Der Siebenjährige muss seit ein paar Wochen abends etwas länger warten, bis er abgeholt wird. Denn der Boss des Bettlersyndikats, unter dessen Dach er lebt, hat in der Zwischenzeit zwei weitere Kinder zur Operation geschickt. Seitdem muss der Fahrer zu verschiedenen Plätzen, um die Bettlerkinder abzuholen, die keine Beine mehr haben.

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