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StartseiteCampus & KarriereStreik gegen Studiengebühren05.10.2009

Streik gegen Studiengebühren

Fachhochschulen in Hannover und Holzminden besetzt

In dieser Woche wird es an den Fachhochschulen in Hannover und in Holzminden keine regulären Veranstaltungen geben - die Studierenden streiken. Die Protestaktion richtet sich gegen die Studienbeiträge, die in Niedersachsen gezahlt werden müssen.

Von Susanne Schrammar

Für den Herbst sind zahlreiche Aktionen gegen Studiengebühren geplant. (AP)
Für den Herbst sind zahlreiche Aktionen gegen Studiengebühren geplant. (AP)

Eine dicke Metallkette verschließt die Glastür zum Vorlesungsgebäude, an anderer Stelle verhindern aufgetürmte Tische und Stühle den Zugang zu den Unterrichtsräumen. Seit heute Morgen um neun Uhr halten Studierende die Fakultät V der Fachhochschule Hannover besetzt. Initiiert vom sogenannten "B-Team" – einer Aktionsgruppe gegen Studiengebühren in Niedersachsen. Sprecher Paulo Dias:

"Der Grund dieser Besetzung ist, dass wir diese katastrophale Bildungspolitik, die hier in Niedersachsen betrieben wird, nicht länger mitmachen und dem auch nicht tatenlos zusehen wollen."

Deshalb finden heute und in den nächsten vier Tagen an der hannoverschen FH-Fakultät, an der die Fachbereiche Diakonie, Gesundheit und Soziales angesiedelt sind, keine regulären Lehrveranstaltungen statt. Stattdessen ein Alternativprogramm für alle, die sich mit den Themen "Studiengebühren und Protest" auseinandersetzen wollen. Während auf dem sonnigen Campus Musik aus dem Lautsprecher dröhnt, werden in Zelten und einzelnen Räumen Workshops und Diskussionen abgehalten:

"Wir hatten heute schon mal eine Vorlesung, die das Thema behandelt hat: 'Studiengebühren – die USA als Vorbild', dann haben wir eine Vorlesung zum Beispiel zum Versammlungsrecht, weitere Vorlesungen zu den 68er-Bewegungen, dass die Menschen einfach mal wieder lernen müssen, für ihre Rechte zu kämpfen. Wir haben hier erstklassige Referenten und Referentinnen, um diese Woche inhaltlich auch gut zu gestalten."

Unter freiem Himmel, auf zwei zusammengeschobenen Tischen, soll zum Beispiel in den nächsten Tagen der bisher längste Protestbrief gegen Studiengebühren entstehen. Michael Kammler, der im fünften Semester Religionspädagogik und Diakonie studiert, entrollt eine 20 Meter lange Papierspule und liest den Anfang des Briefes vor.

"Lieber Christian!"

Adressat: Christian Wulff, Ministerpräsident in Niedersachsen, dessen Landesregierung die Einführung der Semesterbeiträge im Jahr 2006 verantwortlich ist.

"Fakt ist, dass Studiengebühren jungen Menschen aus bildungsfernen Familien den Weg zu den Hochschulen versperren. Ich fordere, diese Bildungsbarrieren einzureißen. Bildung ist ein Menschenrecht und muss deswegen kostenlos sein. Die Studierenden und Schüler der Stadt Hannover werden, wie auch weitere Mitstreiter aus Holzminden, so lange kämpfen, bis Du unsere Forderungen erfüllst."

500 Euro Gebühren müssen Studierende in Niedersachsen für jedes Semester bezahlen. Viele nehmen dafür einen Studienkredit auf, den das Land anbietet. Auch Michael Kammler, der nach dem Studium Diakon in der Jugendarbeit werden will.

"Ich komme aus einem Elternhaus, das mich leider finanziell nicht unterstützen kann und ich weiß, ich werde in meinem späteren Beruf nicht viel Geld verdienen, es ist ein sozialer Beruf und dadurch weiß ich, dass ich am Ende meines Studiums mit ungefähr knapp 4500 Euro belastet bin, die ich an Studiengebühren bezahlen muss. Dazu kommen noch 6,25 Prozent Zinsen. Wenn ich darüber nachdenke, was ich da nachher für einen Schuldenberg für die Studiengebühren aufbaue, wird mir schlecht."

Michael Kammler und die Mitstreiter vom B-Team fordern die Abschaffung der Studienbeiträge in Niedersachsen sowie kostenlose Bildungs- und volle Lehrmittelfreiheit. Doch obwohl seit fast drei Jahren immer wieder gegen die Gebühren protestiert wird, gebe es von der Landesregierung bislang keine Reaktion, ärgert sich der Diakoniestudent. Anders beim Dekan der Fakultät V an der FH Hannover. Obwohl Prof. Thomas Große durch die besetzten Gebäude in dieser Woche einiges umorganisieren muss, zeigt er für das Anliegen der Studierenden Verständnis. Wenn auch begrenzt:

"Grundsätzlich ist es so, dass wir im Moment in einer Phase sind, wo ich es nicht ganz glücklich finde, denn ich denke zu Semesterbeginn gibt es viele Studierende, die ihr Studium gerade begonnen haben, die sich noch orientieren müssen, die auch Fragen haben, die wirklich auch lernen wollen, erstmal. Und für die ist das, glaube ich, keine ganz glückliche Situation. Insofern hätte ich über den Zeitpunkt im Vorfeld gerne diskutiert."

Einstellen kann sich der Dekan und andere Hochschulprofessoren bereits jetzt auf den 17. November, dann soll bundesweit ein Aktionstag für bessere Bildungspolitik einstimmen auf einen heißen Herbst, kündigt Paulo Dias vom B-Team an.

"Das wird die nächste größere Aktion sein und darüber hinaus werden noch weitere folgen."

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