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StartseiteCampus & KarriereSchulversuch mit Waldorf-Pädagogik gescheitert12.07.2016

Streit über LernkonzepteSchulversuch mit Waldorf-Pädagogik gescheitert

Der Bundesvorstand der Freien Waldorfschulen hat einer staatlichen Schule in Hamburg-Wilhelmsburg das geschützte "Waldorf"-Label entzogen. Zentrale Methoden der Waldorf-Pädagogik seien nicht umgesetzt worden. Die Schulleitung hält dagegen, der kreative Ansatz überfordere Schüler im sozialen Brennpunkt.

Von Axel Schröder

Ein circa achtjähriger blonder Junge hängt über ein Bild gebeugt und malt eifrig mit Kreiden. Er befindet sich in einer Waldorfschule. (imago / Joker / WalterxG.xAllgoewer)
Waldorf-Pädagogik eigne sich nur für Schüler, die einen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätten, so die Schulleitung einer Schule im Hamburger Problemviertel Wilhelmsburg (imago / Joker / WalterxG.xAllgoewer)
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Der Streit währte schon länger. Dass das Ende aber so plötzlich kam, hat Jochen Grob, den Leiter der Schule Fährstraße dann doch überrascht:

"Ich habe auch nur über meine Behörde die Mitteilung des Bundesvorstands der Freien Waldorfschulen bekommen, dass ab sofort das Label "Waldorf" nicht mehr verwendet werden darf. Bedauerlicherweise hat der Bundesvorstand der Freien Waldorfschulen mit mir das Gespräch nicht gesucht, auch nicht mit dem Elternrat und nicht mit dem Kollegium. Und er hat auch keinen Unterricht hospitiert in diesem Jahr."

Aber im letzten Jahr, erwidert Verbandsvorstand Henning Kullak-Ublick, habe er mit seinen Kollegen durchaus an der Schule Fährstraße hospitiert. Damals hätte er erleben müssen, wie der so genannte Hauptunterricht als Waldorfelement nicht ernst genommen wurde. Die künstlerische und inhaltliche Aneignung des Lernstoffs hätte nicht etwa als Einheit stattgefunden, sondern wurde von den beiden beteiligten Lehrkräften derart voneinander getrennt, dass der originäre Waldorf-Ansatz seine Wirkung gar nicht entfalten konnte:

"Das mag in anderen Klassen besser funktioniert haben. Aber in der Klasse, in der ich hospitiert habe, waren das zwei nicht zueinander in Bezug stehende Unterrichtseinheiten. Und das merkte man natürlich auch an der Methodik. In dem Fall ging es um die Einführung von Buchstaben. Das hatte mit der Waldorfmethode überhaupt nichts zu tun."

Zwar wurde in der Klasse beim Buchstaben "L" auch ein passendes Bild gezeigt, das eines Löwen. Aber das reiche einfach nicht aus, so Henning Kullak-Ublick:

Keine Geschichte, wo die Kinder mit ihrer Phantasie einsteigen können

"Das war erstens ein Löwe, der nicht die Form eines "L" hatte. Und zweitens war es so, dass es eben keine Geschichte war, wo die Kinder mit ihrer Phantasie, mit ihrem, ich sag mal: Vorstellungswillen einsteigen konnten, sondern wo eben einfach ein Bild war und das war eben einfach nur eine Skizze und dann hieß es: "Das ist "L" wie "Löwe"!" Das ist ja ganz legitim, aber es ist eben nicht die Waldorf-Methode."

Zwar hätte es nach der Hospitation auch Gespräche mit den Waldorf-Pädagogen und Eltern, auch mit Schulleiter Jochen Groben gegeben. Aber das Angebot des Bundesvorstands der Freien Waldorfschulen, ihre Ideen besser in den Unterricht zu integrieren, sei ausgeschlagen worden:

"Am Ende dieses Gespräches hat uns der Schulleiter ziemlich deutlich erklärt, dass wir überhaupt nicht beurteilen könnten, was in Wilhelmsburg los sei. Und deswegen auch eigentlich unsere waldorf-pädagogischen Gesichtspunkte für ihn nicht relevant seien im Sinne dessen, was man davon in Wilhelmsburg umsetzen könne."

Tatsächlich, so Schulleiter Jochen Grob, biete die Waldorf-Pädagogik zwar einige positive Aspekte, wie das rhythmische Erlernen des kleinen Einmaleins. Aber die Schule Fährstraße sei nun mal eine, deren Schülerschaft zu einem Großteil aus Kindern von Migranten bestehe. Und Lernkonzepte, die in bildungsbürgerlich geprägten Vierteln greifen würden, könnten eben an anderen Orten scheitern. Zum Beispiel der so genannte "Epochen-Unterricht" der Waldorfschule, bei denen große, mehrwöchige Pausen zwischen den einzelnen Lerneinheiten liegen:

"Aus meiner Erfahrung haben die Schülerinnen und Schüler in den Waldorfschulen ganz offensichtlich einen bildungsbürgerlichen Bildungshintergrund, sprechen alle zumeist perfekt Deutsch. Und das ist bei uns nun anders. Und dann können wir eben nicht umstandslos Didaktik aus so einem Standort an einen sozialen Brennpunkt übertragen. Da geht es um die soziale Ausgangslage der Schülerinnen und Schüler."

Streit über die Lernkonzepte und persönliche Hakeleien

Der Sprecher der Hamburger Schulbehörde bedauert, dass der Bundesverband der Freien Waldorfschulen nun die Kooperation mit der staatlichen Schule aufgekündigt hat. Einerseits läge das sicherlich am Streit über die Lernkonzepte.

"Andererseits hat es vermutlich auch persönliche Hakeleien gegeben. Manchmal ist es einfach so, dass Menschen nicht miteinander zurechtkommen. Und das es trotz aller Versuche es nicht funktioniert und dann kommt man zu einem solchen Ergebnis."

Und so wie einige Lehrer das Kollegium schon zu Beginn des Schulversuchs aus Protest dagegen verlassen haben, werden nun zwei Waldorf-Pädagoginnen die Schule in Wilhelmsburg verlassen. Beide Seiten geben sich alle Mühe, den Frust über den jeweils anderen nicht allzu offen zu zeigen. - Eine gute Nachricht gibt bei all dem Streit aber doch: die an der Schule Fährstraße erfolgreich erprobten waldorf-pädagogischen Elemente werden auch in Zukunft beibehalten. Das einzige, was sich ändert, so Jochen Grob, ist, dass sie nicht mehr so genannt werden.

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