Archiv

Streit um Chopins Herz

Zwar wurde der Komponist Frédéric Chopin 1849 in Paris bestattet, sein Herz aber sollte auf eigenen Wunsch in seine Heimat Polen zurückkehren. Dort ruht es seither in der Warschauer Heilig-Kreuz-Kirche. Jetzt wollen Wissenschaftler das wie ein Heiligtum verehrte Organ erforschen. Eine DNA-Analyse soll beweisen, dass Chopin nicht wie angenommen an Schwindsucht gestorben ist, sondern an der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose.

Von Martin Sander | 02.08.2008

"An dieser Säule steht geschrieben, daß Chopins Herz in ihrem Inneren aufbewahrt wird, daß Chopin ein Weltbürger war - im Herzen aber Pole. Und das hat vor allem mit seiner Musik zu tun, in der es ja so viele polnische Akzente gibt","

erklärt Magdalena Foland-Kugler, Dozentin für polnische Sprache und Kultur an der Universität Warschau. Polnische Wissenschaftler wollen diesem wie ein Heiligtum verehrten Organ nun mit ihren Instrumenten zu Leibe rücken. Denn seit einiger Zeit kursiert die Vermutung, das musikalische Genie sei nicht an der Schwindsucht gestorben, wie lange angenommen, sondern an der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose. Um eine genetische Untersuchung von Chopins Herz konkurrieren sogar mehrere Forschergruppen.

So hat ein Team um den in Breslau lehrenden Gerichtsmediziner Tadeusz Dobosz im März dieses Jahres offiziell die "Exhumierung" mit dem Ziel einer DNA-Analyse beim polnischen Kulturministerium beantragt. Der Breslauer Antrag wurde allerdings Ende vergangener Woche abschlägig beschieden. Der wissenschaftliche Wert der Aktion bliebe unklar. Im Übrigen, teilte das Presseamt des Ministeriums mit, hätten die Nachfahren Chopins protestiert.

Unabhängig von Dobosz arbeitet seit längerem ein Team von Kinderheilkundlern der Medizinischen Akademie Posen an einem Chopin gewidmeten Forschungsprogramm. Die Posener Ärzte wollen sich von dem Dämpfer, den der Breslauer Konkurrent durch das Warschauer Kulturministerium erhielt, keineswegs entmutigen lassen und demnächst eigene offizielle Schritte einleiten, um die DNA-Analyse zur Erhärtung des Mukoviszidose-Verdachts doch noch durchführen zu lassen.

""Die Untersuchungen am genetischen Material würden es uns erlauben, die Existenz dieser Krankheit bei Frédéric Chopin zu bestätigen","

erklärt Wojciech Cichy, Professor für Kinderheilkunde und ehemaliger Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Sein Posener Team hat die Krankheitsgeschichte von Chopin neu gedeutet. Nicht nur die bekannten, viel beschriebenen Symptome, an denen der Musiker litt - Untergewicht, Dauerhusten, Lungenentzündungen - sind für Cichy und seine Mitarbeiter ein klares Indiz für Mukoviszidose. Hinzu kommt ihrer Ansicht nach der Umstand, dass Chopins lange und leidenschaftliche Beziehung zu der französischen Schriftstellerin George Sand kinderlos blieb. Von dem zähflüssigen Schleim, der sich im Falle einer Mukoviszidose in Lunge, Dünndarm und Bauchspeicheldrüse sammelt, bleibt auch die Samenleiter nicht verschont.

Die Hüter der Chopin-Legende beeindruckt das nicht, im Gegenteil. Mit dem Argument, das Herz könnte durch die DNA-Analyse in Mitleidenschaft gezogen und der mit ihm verbundene Mythos Schaden nehmen, haben sie einen regelrechten Kulturkrieg gegen die medizinischen Aufklärer entfesselt. Schließlich hat Chopins Herz nicht nur mehrere polnische Aufstände unbeschadet überstanden, sondern sogar die Verwüstungen im Zweiten Weltkrieg. Damals wurde das Herz von einem Priester in einem Vorort von Warschau versteckt. Auch Magdalena Foland-Kugler graust es beim Gedanken an eine Sezierung des Nationalheiligtums.

""Eine solche Art der Exhumierung, durchgeführt am Herzen von Chopin, erscheint mir ungewöhnlich geschmacklos, sinnlos und absurd."

Die Posener Kinderheilkundler führen allerdings - über ihr Forschungsinteresse hinaus - allgemeine aufklärerische Argumente ins Feld, mit denen sie auf lange Sicht zu überzeugen hoffen. Sie wollen allen Mukoviszidose-Patienten, aber auch ihren Ärzten und der Öffentlichkeit zeigen, dass man mit dieser schweren Krankheit so ungewöhnliche Leistungen vollbringen kann wie der große polnische Musiker, erklärt Wojciech Cichy.

"Die Aufgabe von uns Kinderärzten besteht darin, zu zeigen, dass jeder das Recht hat, auf unterschiedliche Weise an einer Krankheit zu leiden. Und wenn wir heute um das Leben eines jeden Patienten mit Mukoviszidose kämpfen, kämpfen wir womöglich auch um das Leben eines Genies. Das ist es, was wir allen Kollegen auf der ganzen Welt vermitteln wollen: Unter denen, die an Mukiviszidose leiden, verbirgt sich womöglich ein Genie wie Chopin."