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StartseiteWissenschaft im BrennpunktZufall oder Zwang?09.09.2018

Streit um das Wesen der EvolutionZufall oder Zwang?

Es ist eine der größten Fragen der Biologie: Ist das Auftreten des Menschen ein unwahrscheinlicher Zufall in der Evolution? Oder musste es auf die eine oder andere Weise zwangsläufig auf die Entwicklung der menschlichen Spezies hinauslaufen?

Von Dagmar Röhrlich

Dem Einschlag des Asteroiden wird nicht nur die Verantwortung für das Ende der Dinosaurier zugeschrieben, er formte auch den 180 Kilometer weiten Chicxulub-Krater (imago / Leemage)
Dem Einschlag eines Asteroiden wird nicht nur die Verantwortung für das Ende der Dinosaurier zugeschrieben, er formte auch den 180 Kilometer weiten Chicxulub-Krater (imago / Leemage)
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Harry Whittington war fassungslos. Der Cambridge-Forscher hatte 1972 in einem Vortrag ein Fossil aus einer berühmten Fundstätte in den kanadischen Rocky Mountains vorgestellt, den Burgess-Shales. Die Schiefer sind mehr als 500 Millionen Jahre alt und stammen aus der Zeit der Kambrischen Explosion. Damals tauchten große Tiere scheinbar aus dem Nichts auf. Und eines war Opabinia, dessen Rekonstruktion das Publikum gerade mit einem Lachkrampf bedacht hatte. Denn Opabinia hatte fünf Augen auf dem Kopf und einen Rüssel mit Greifzange an der Spitze.

"Als in den 70er- und 80er-Jahren die ersten Rekonstruktionen der Fossilien aus den Burgess-Shales vorgestellt wurden, schienen die Körperpläne der Tiere vollkommen anders zu sein als alles, was wir kennen."

Die Tiere erschienen fremdartig, erinnert sich Simon Conway Morris von der University of Cambridge. Und auch er war der Überzeugung, dass es von ihnen keinerlei Nachfahren gebe. Und dieser Gedanke war der Grundstein für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, die bis heute nachhallt:

"Stephen Jay Gould hat aus dieser Überzeugung dann die berühmte Frage entwickelt: Wenn wir zur Lebenswelt der Burgess Shales zurückkehrten und von da an das Band des Lebens neu abspielen könnten: Würde es sich zu den Formen entwickeln, die wir heute sehen? Würde es Menschen geben? Für ihn - und damals auch für mich - lautete die Antwort: Nein. Der Mensch wäre sozusagen ein Unfall in der Geschichte."

Die vielfältigen Wege der Evolution

Die Geschichte des Lebens, so die Position, war vom Zufall bestimmt: Ob Hai oder Mensch - die Evolution besteht aus unwahrscheinlichen Ereignissen, die sozusagen aus einem unermesslichen Meer von Möglichkeiten entstehen.

"Doch seit damals ist viel Zeit vergangen, und die Forschung ist weitergelaufen. So wissen wir inzwischen, dass viele dieser rätselhaften Tiere in Wirklichkeit doch zu heute existierenden Gruppen gehören."

So erwies sich die fünfäugige Opabinia als Vorläufer der modernen Gliederfüßer, zu denen die Krebstiere ebenso gehören Insekten oder Spinnen. Die Evolution hat also doch die Lebenswelt weiterentwickelt, die mit der kambrischen Explosion sichtbar geworden ist und nicht noch einmal von vorne angefangen.

"Seit damals habe ich unter anderem aus diesem Grund meine Meinung um 180 Grad gedreht. Wenn wir - um mit Stephen Jay Gould zu sprechen - das Band des Lebens neu ablaufen lassen würden, käme meiner Meinung nach irgendwann wieder so etwas heraus wie ein Mensch oder ein Elefant, es spielt keine Rolle, was wir betrachten. Die Zahl der Lösungen, die die Evolution einsetzt, ist eigentlich überraschend begrenzt.

Der Mensch - ein Produkt des puren Zufalls

Morris zufolge geben physikalische und chemische Bedingungen sozusagen den Rahmen für die Evolution vor. Auch stammesgeschichtlich weit voneinander entfernte Gruppen entwickeln danach ähnliche "Lösungen" für bestimmte Aufgaben.

Das beste Beispiel sind die Linsenaugen, die im Lauf der Evolution mindesten siebenmal unabhängig voneinander entstanden sind - unter anderem bei Wirbeltieren und Kraken. Für Morris wiegt dieses Prinzip der sogenannten Konvergenz sehr viel schwerer als der Zufall. Für Stephen Jay Gould hingegen war die Rolle des Zufalls weiterhin zentral:

"Die Dinosaurier haben die Ökosysteme an Land über 150 Millionen Jahre dominiert - bis ein Asteroid sie von der Erde fegte. Die Säugetiere sind ungefähr gleich alt und blieben doch während dieser ganzen Zeit winzige Wesen im Schatten der Dinosaurier. Erst nach dem Asteroideneinschlag wurden sie zu dem, was sie heute sind. Hätte es diesen Einschlag nicht gegeben, wären die Dinosaurier meiner Meinung nach immer noch die Herrscher der Welt - und die Säugetiere die kleinen Kreaturen am Rande."

Menschliche Intelligenz hätte sich dann nie entwickelt. Die Antwort von Simon Conway Morris hingegen fällt anders aus. Unter anderem ließen sich viele der Gene, die in unserem Gehirn aktiv seien, bereits in der Hefe nachweisen, obwohl sie eindeutig kein Gehirn hat.

Die - wenn man so will - Wurzeln unserer Intelligenz reichten weit zurück in die Erdgeschichte.

Und so ist er überzeugt, dass sie auch ohne den Asteroiden irgendwann entstanden wäre - nur sehr viel später.

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