Mittwoch, 26.09.2018
 
Seit 05:35 Uhr Presseschau
StartseiteDlf-MagazinEin Hügel mit NS-Vergangenheit08.03.2018

Streit um den BückebergEin Hügel mit NS-Vergangenheit

In der NS-Zeit wurden am Bückeberg im Landkreis Hameln-Pyrmont rauschhafte "Reichserntedankfeste" inszeniert. Jetzt soll der Hügel zum Dokumentations- und Lernort werden. Doch dagegen gibt es Widerstände – und das von mehreren Seiten.

Von Alexander Budde

Ein Foto eines Modells aus dem Jahre 1934, zeigt das Gelände auf dem Bückeberg in Emmerthal bei Hameln, auf dem die Erntedankfeste der Nationalsozialisten gefeiert wurden. Auf einer Fläche so groß wie 25 Fußballfelder feierten die Nationalsozialisten hier auf dem Bückeberg bei Emmerthal von 1933 bis 1937 ihre Erntedankfeste. Bis zu eine Million Menschen aus ganz Deutschland kamen jedes Jahr in den Landkreis Hameln.  (picture-alliance / dpa / Peter Steffen / Bernhard Gelderblom)
So wie auf diesem Modell von 1934 sah das Gelände auf dem Bückeberg aus, auf dem die Nazis ihre "Reichserntedankfeste" inszenierten (picture-alliance / dpa / Peter Steffen / Bernhard Gelderblom)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Zeitgeschichte im Museum Zwischen Dokumentation und Inszenierung

KZ Mittelbau-Dora NS-Raketenproduktion unter Tage

NS-Euthanasie-Tötungsanstalt in Bernburg Verschwiegen und verdrängt

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Kritik an politischer Bildung mit Zeitzeugen

Hamburg Gedenkort Hannoverscher Bahnhof eingeweiht

"Die Leute kamen zum Teil im Morgengrauen. Singend marschierten sie als Volksgemeinschaft hier zum Bückeberg."

Am Bückeberg, einem grasgrünen Hügel, krächzen an diesem Morgen nur die Krähen. Von hier, wo der Hang sanft in die beackerte Ebene übergeht, zieht sich die von Bäumen gesäumte Wiese in Hufeisenform 800 Meter hinauf bis zur Hügelkuppe.

"Das Gelände bot sich an, es hat fast eine Theaterform. Ein Abhang, auf dem die Leute stehen, und dann hier unten eine Rednertribüne. Es gibt den Vorschlag, da einen Schriftzug 'Propaganda' aufzustellen. Das ist noch in der Diskussion, ob das eine glückliche Formulierung ist."

"Wo die Begeisterung für das Regime grundgelegt wurde"

Denn die Menschen ließen sich gern begeistern, sagt Bernhard Gelderblom. Die "Reichserntedankfeste", die die Nationalsozialisten hier 1933 bis 1937 inszenierten, waren rauschartige Veranstaltungen, erzählt der 74-jährige Historiker. Er hat Dokumente ausgegraben und Zeitzeugen dazu befragt, führt immer wieder Schulklassen auf das rund 20 Fußballfelder große Gelände.

"Wer an so einem Fest teilnimmt, der kann sich ihm nicht entziehen."

Vor seiner Rede schritt Adolf Hitler diesen Hügel hinauf und wieder herunter, unten im Tal gab es eine Waffenschau mit Panzern und Kanonen.

Für Gelderblom ist der Bückeberg nördlich von Hameln, dicht an der Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, von nationaler Bedeutung, vergleichbar mit Erinnerungsstätten wie dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg:

"Hier ist der Ort, wo die Begeisterung für das Regime, auch letztlich dann die Bereitschaft, Hitler bis in Verbrechen hinein zu folgen, grundgelegt wurde."

Gegner halten Gedenkort-Entwurf für unzeitgemäß

Der geduldige Tonfall des pensionierten Gymnasiallehrers täuscht. Gelderblom will den denkmalgeschützten Bückeberg in einen Lernort verwandeln. In einem Wettbewerb ist das Konzept entstanden: Wegenetz, Schautafeln mit Texten und Fotografien. Gegen diese seit Jahren diskutierten Pläne wächst jedoch in der Region der Widerstand.

Timo Schriegel, Inhaber eines Fahrradladens, ist Mit-Initiator eines Bürgerprotests. Die Gegner streiten vor allem über die Kosten: schätzungsweise 450.000 Euro, die sich der Landkreis Hameln-Pyrmont, die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und weitere öffentliche Geldgeber teilen wollen. Er habe nichts gegen politische Bildung am Bückeberg, betont Schriegel. Aber die gewählte Form hält er für "maßlos" und "nicht zeitgemäß":

"Das ganze Konzept ist meiner Meinung nach nicht durchdacht! Das Denkmal ist für eine junge Generation. Ich bin 35, so mitten im Leben, aber, die wir da holen wollen, sind noch viel Jüngere. Wie holen die sich die Informationen? Nicht auf dem Weg, dass sie einen Berg hoch und runterlatschen!"

Inzwischen haben sich mehr als 2.000 Bewohner der Gemeinde Emmerthal der Unterschriftenaktion angeschlossen. Und die zeigt Wirkung: Eine konservative Mehrheit aus CDU, Freien Wählern und AfD im Emmerthaler Gemeinderat lehnt den Dokumentationsort ab.

"Erinnerungskultureller Paradigmenwechsel"?

"An Details dieses Entwurfes wird man sich sicherlich noch reiben können", signalisiert Jens-Christian Wagner Gesprächsbereitschaft. Doch der Stiftungs-Geschäftsführer fühlt sich an die klassischen Abwehrreflexe der Zeitzeugen- und Tätergeneration erinnert.

"Mittlerweile haben wir es mit einer anderen Generation zu tun. Ich glaube allerdings, dass die Geisteshaltung so unterschiedlich nicht ist. Letzten Endes glaube ich schon, dass wir in Deutschland – vielleicht auch bedingt durch die Erfolge rechtspopulistischer Parteien und ihrer rassistischen Hetze – einen erinnungskulturellen Paradigmenwechsel erleben."

Landrat Tjark Bartels zeigt sich von den Protesten unbeeindruckt. Der Sozialdemokrat will das Projekt mit der knappen rot-rot-grünen Mehrheit im Kreistag durchdrücken. Ob ihm das auf der Sitzung kommende Woche gelingt, ist allerdings ungewiss. Denn nicht nur die CDU, die AfD und zuletzt auch die FDP im Kreistag legen sich quer. Auch in den Reihen der SPD-Fraktion sind frühere Projektbefürworter inzwischen wankelmütig.

Wenn Gelderblom und seine Projektpartner die Pläne auf Bürgerversammlungen in der Region vorstellen, schlägt ihnen – wie hier in Hameln – geballte Ablehnung entgegen.

"Solange ich da oben wohne, sehe ich vielleicht im Jahr zwei Schulklassen da oben. Die Wandertage finden überall statt, nur nicht am Bückeberg!"

"Ich finde es vielleicht ein bisschen besser, wenn Sie erst daran arbeiten, dass die Leute da im Ort sich damit so auseinandersetzen, dass sie das Ding selber bauen!"

Projekt kann noch kippen

Die Gegner finden neue Argumente: Etwa, dass Emmerthal zum Schauplatz eines Gedenktourismus für Ewiggestrige werden könnte. Dafür sei Geld da, für die Instandhaltung der Schulen hingegen nicht.

Der Kreistag könnte das Projekt noch kippen, doch der Pädagoge Bernhard Gelderblom hofft auf die Einsicht aller Beteiligten. Es sei wichtig, dass der Berg für die Nachgeborenen lesbar wird.

"Ich glaube, das ist einfach nicht ersetzbar, der originale Ort. Mein Vater war noch ein sehr handfester und sehr aktiver Nazi – und das ist klar: Das habe ich auch als Aufgabe meiner Generation betrachtet, auf diesem Gebiet aktiv zu sein. Wir müssen die jungen Lehrer ermutigen, hier doch am Ball zu bleiben!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk