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StartseiteKultur heuteUmstrittenes Lüpertz-Fenster darf in die Kirche14.12.2020

Streit um Geschenk von Altkanzler SchröderUmstrittenes Lüpertz-Fenster darf in die Kirche

Dicke Fliegen auf einem Kirchenfenster - die Idee des Künstlers Markus Lüpertz hat manche in Hannover verstört. Dabei will Altkanzler Gerhard Schröder der Marktkirche das Fenster schenken. Der Stiefsohn des Architekten der Kirche zog jetzt sogar vor Gericht. Doch er verlor.

Agnes Bührig im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Entwurf des von Markus Lüpertz gestalteten und von Altkanzler Gerhard Schröder gestifteten Kirchenfensters für die Marktkirche in Hannover. (imago images / epd)
Der Entwurf von Markus Lüpertz für das Kirchenfenster der Marktkirche in Hannover (imago images / epd)
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Was wiegt schwerer - das Urheberrecht des Architekten oder das Selbstbestimmungsrecht der Kirche? Diese Frage musste das Landgericht Hannover beantworten. Und es entschied zugunsten der Kirche und für das neue Kirchenfenster.

Damit darf das von Altkanzler Gerhard Schröder gestiftete "Reformationsfenster" für die evangelische Marktkirche in Hannover im kommenden Jahr wie geplant eingebaut werden. Das 13 Meter hohe Kunstwerk wurde vom Künstler und Schröder-Freund Markus Lüpertz entworfen.

Geklagt hatte Georg Bissen, der Stiefsohn des Architekten Dieter Oesterlen, der die Marktkirche in Hannover nach dem Zweiten Weltkrieg neugestaltet hatte. Er forderte, dass keine Veränderung an der Kirche vorgenommen wird und pochte dabei auf das Urheberrecht. "Dem Architekten Dieter Oesterlen waren Schlichtheit und Geschlossenheit der Kirche wichtig", betonte die Kulturjournalistin Agnes Bührig im Dlf. "Für Bissen spielte die einstige mittelalterliche Gestaltung des Gotteshauses eine Rolle. Und dazu gehörten keine bunten Fenster und Geschichten."

Keine Ablenkung für die Gläubigen

Die fünf hohen Fenster an beiden Seiten der Kirche hatte der Architekt Oesterlen mit schlichtem Milchglas ausgestattet. Emporen gibt es dort nicht. Dadurch wirke die Kirche fast schon karg, so Bührig. "Wer hinein kommt, wird wenig abgelenkt, wenn er seinen Glauben ausüben will." 

Die Kirchengemeinde hielt dagegen: Sie wolle selbst über das Fenster bestimmen und das Jubiläum "500 Jahre Reformation" mit einem Kunstwerk feiern. Der Streit hatte schon im Jahr 2016 begonnen, ein Jahr vor dem Reformationsjubiläum. Im Prozess machten Kirchenvertreter dann auch geltend, dass die Kirche kein Museum sei, sondern dem gelebten Glauben diene.

Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD, r) und Künstler Markus Lüpertz lachen am 27.05.2016 in Duisburg-Ruhrort (Nordrhein-Westfalen) bei der Enthüllung der Skulptur "Echo des Poseidon" auf der Mercatorinsel. (Ina Fassbender/dpa) (Ina Fassbender/dpa)Luther, die Fliegen und das Böse Altkanzler Schröder will der Marktkirche Hannover etwas schenken: ein vom "Malerfürsten" Lüpertz gestaltetes Fenster, das sich mit Luther auseinandersetzt. Darauf sind auch fünf große Fliegen zu sehen – Symbole des Bösen. Das gefällt nicht jedem.

Nicht nur der Stiefsohn des Architekten hatte mit dem Kirchenfenster Probleme. Manche störte die Nähe von Altkanzler Schröder zu Russlands Präsident Putin. Außerdem sorgte der Entwurf von Markus Lüpertz bei einigen für Empörung. "Unten am Bildrand steht eine barfüßige Gestalt im weißen Hemd, die Luther symbolisiert. Aber es gibt auch fünf überdimensionierte Fliegen, deutlich sichtbar, die den Teufel symbolisieren sollen. Und das wirkte am Anfang auf viele verstörend", erklärt Agnes Bührig. Diese Details hätten für das Gericht allerdings keine große Rolle gespielt.

Pastorin erleichtert über Gerichtsentscheid

Der Kirchenvorstand der Marktkirche hatte die Herstellung des Fensters bereits vor Monaten bei der Glasmanufaktur Derix im hessischen Taunusstein in Auftrag gegeben. Es ist also schon halb fertig. Altkanzler Schröder hat als Ehrenbürger von Hannover die bisherigen Kosten für die Herstellung nach Angaben der Marktkirche bereits beglichen. Die Gesamtkosten für das Fenster werden auf rund 150.000 Euro geschätzt. Schröder wollte dafür Vortragshonorare weitergeben.

Die Pastorin der Marktkirche, Hanna Kreisel-Liebermann, zeigte sich erleichtert über die Entscheidung des Gerichts. Sie sieht ihre Kirche nicht als verstaubtes Museum, in dem man nichts verändern darf. Kunst im Kirchenraum ist für sie Anregung zum Dialog. Und das erhofft sie sich jetzt durch das neue Kirchenfenster.

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