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StartseiteKultur heuteStreit unter Brüdern12.11.2006

Streit unter Brüdern

Wie sich unter deutschen Juden ein Zwist entwickelt hat

Beim 13. Else-Lasker-Schüler-Forum in Zürich sollte eigentlich über Erinnerungskultur und Nationalsozialismus diskutiert werden. Doch es kam zum Eklat. Vorausgegangen war ein Streit um die Einladung von Gästen zur Podiumsdiskussion.

Von Kersten Knipp

Blick in ein jüdisches Wohnhaus. (AP Archiv)
Blick in ein jüdisches Wohnhaus. (AP Archiv)
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"Mein Name ist Evelyn Hecht-Galinski, ich bin die Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden Heinz …"

Henryk M Broder: "Ja, und das ist auch schon alles, was Sie sind: die Tochter!"

Georg Kreisler: "Wer sind denn Sie Herr Broder? Sie sind auch ein Sohn von irgendjemand!"

Evelyn Hecht-Galinski: "Sie sind ein Immigrant, den hier keiner in Deutschland eigentlich haben wollte.""

Ein Immigrant, den man hier nicht haben will. Ein harter Ausspruch, formuliert von Evelyn Hecht-Galinski, der Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, die sich allerdings auf Broders kurz zuvor gehaltenes Plädoyer für eine Einwanderungspolitik bezog, die solche Immigranten ins Land holt, die dem Bedürfnis der Volkswirtschaft entsprechen. Im Hintergrund der Beleidigungen stand aber der Streit um die Teilnahme der Rechtsanwältin Felicia Langer, die sich in Israel für die Belange der Palästinenser engagiert hatte und die man erst eingeladen, dann wieder ausgeladen hatte. Dagegen und gegen die Teilnahme Henryk M. Broders hatte sich eine Protestaktion gebildet, der sich auch Frau Hecht-Galinski anschloss. Warum?

Hecht-Galinski:""Also meine Unterzeichnung des Protests der Ausladung von Felicia Langer, der Friedensaktivistin und Trägerin des alternativen Nobelpreises begründet sich erstens auf der Tatsache, dass die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft unter der Leitung ihres Vorsitzenden Hajo Jahn bewusst die Unwahrheit verbreitet. So ist Felicia Langer wegen überhöhter Forderungen ausgeladen worden, wird von ihm verbreitet. Frau Langer wurde also unter fadenscheinigen, falschen Argumenten ausgeladen und gegen einen bekennenden Islamophoben, nämlich Henryk Broder, ausgetauscht."

Frau Langer, mutmaßt Frau Hecht-Galinski, sei den Veranstaltern politisch nicht genehm gewesen. Unsinn, meint Hajo Jahn, Vorsitzender der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und der Organisator der Veranstaltung: Die Umbesetzung haben schlicht organisatorische Gründe gehabt.

Jahn: "Die Vorbereitungen für das Forum haben zwei Jahre gedauert. Und jeder, der so was gemacht hat oder besucht hat, kann sich vorstellen, dass sich im Laufe von so einer langen Zeit in der Sache das eine oder andere ändert, die Besetzung oder auch die Finanzierung, die ja aus Stiftungen oder öffentlichen Töpfen kommt. In diesem Fall ist die erhoffte Förderung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia ausgeblieben, und das habe ich der von mir eingeladenen Felicia Langer gemailt. Die Honorare hatte ich ihr angeboten, aber das ist das auch, was sie akzeptiert hatte. Als ich ihr im November schrieb, dass ich das Geld nicht habe und dieses vereinbarte Honorar nicht mehr zahlen könne, hat sie nicht mehr geantwortet."

Wohlgemerkt, Jahn spricht vom November 2005. Dennoch formierte sich entschiedener Widerstand gegen die Teilnahme Henrik M. Broders. Der zeigt sich selbst darüber ebenso erstaunt wie amüsiert.

Broder: "Und dann brach irgendwie dieser Zirkus hier los, vier oder sechs Wochen vor diesem Symposium. Und ich war eigentlich erst mal ganz schön überrascht und amüsiert, wie viele Leute ihre Lebensaufgabe darin gesehen haben, mein Auftreten in Zürich auf einer - unter uns gesagt - ziemlich unwichtigen, netten, aber relativ unwichtigen Veranstaltung zu verhindern, als ob davon der Weltfrieden abhinge oder zumindest die Ruhe in Europa. Da haben sich ganz seltsame Genossen zusammengetan, es ist, wenn sie so wollen, … ein psychopathologisches Phänomen."

Ein Fall von Psychopathologie? Evelyn Hecht-Galinski will ihren Protest politisch verstanden wissen.

Hecht-Galinski: "Broder, der Polarisierer, der alle Kritiker nur mit Beleidigungen und persönlichen Diffamierungen überzieht. Daher auch die Umstrukturierung der Themen dieser Tagung auf Broder zugeschnitten, der den Palästinenserkonflikt als Nebensächlichkeit sieht."

Allerdings stand der Palästinenserkonflikt, so Hajo Jahn, auch nie auf der Tagesordnung der Veranstaltung.

Jahn: "Nie war bei all diesen Dingen die Rede davon, dass wir über Probleme des Nahen Ostens diskutieren wollten, sondern um die Täter wie Eduard von der Heydt, der aus Wuppertal stammt wie Else Lasker Schüler aber als reicher Bankier in der Schweiz sofort Wohnrecht bekam, während die Else Lasker Schüler als arme jüdische Dichterin und Exilantin jedes Mal Aufenthaltsgenehmigungen auftreiben musste und zum Schluss nicht mehr bekam. Das treibt mich um – und nicht das Thema Naher Osten, und dazu waren weder Frau Langer noch Henryk M. Broder eingeladen."

Doch auch das eigentliche Thema, der angemessene Umgang mit der NS-Zeit, sorgte für Streit. Wie geht man etwa mit den Bildern des Holocaust um? Stellt man sie an Bahnhöfen aus, wie derzeit im Zusammenhang mit der Deportation jüdischer Kinder diskutiert wird? Ja, meinte der der 1922 geborene Chansonier und Kabarettist Georg Kreisler. Nein, meinte Broder. Darüber entbrannte ein Streit, der sich dann so anhörte.

Kreisler: "Man verharmlost, und Herr Broder will offensichtlich verharmlosen und sagt, man soll diese Bilder nicht zeigen. Ich fände das total falsch."

Broder: "Herr Kreisler, Herr Kreisler, nur der Respekt vor Ihrem Alter hält mich davon ab, Ihnen jetzt zu antworten.""

Kreisler: ""Ich bitte Sie, Herr Broder, diesen Respekt beiseite zu lassen. Trotz meines Alters bin ich völlig imstande, Ihre Rede zu hören. Das hat mit Alter überhaupt nichts zu tun."

Moderator: "Bitte, Herr Broder."

Broder: ""Nein, jetzt nicht.""

Nicht nur diese Frage blieb ohne Antwort. In Zürich trafen rätselhafte Energien aufeinander und verwandelten eine ernst gemeinte Veranstaltung am Ende zur leidenschaftlich ausgetragenen Posse.

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