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Streitfall Fracking

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas umweltfeindlich dind vielversprechende Technologie? Heute bezog der Sachverständigenrat für Umweltfragen dazu Stellung.

Von Dieter Nürnberger | 31.05.2013

Der Sachverständigenrat nimmt auf jeden Fall eine abwartende Haltung ein. Von einer Fracking-Euphorie, die vielerorts in der Welt deutlich spürbar ist, etwa in den USA und generell bei einigen Energieversorgern. Davon war heute Vormittag in Berlin wenig zu spüren.

Das Gremium der Wissenschaftler hat vor allem eine energie- und zugleich auch umweltpolitische Bewertung der Schiefergasgewinnung, kurz Fracking, vorgenommen. Vor allem bei der energiepolitischen Beurteilung ist die Zurückhaltung am deutlichsten. Was auch mit den vermuteten Potentialen in Deutschland zusammenhängt. Kann Fracking einen signifikanten Beitrag zur Energiewende hierzulande leisten? Die Antwort von Martin Faulstich, dem Vorsitzenden des Gremiums, lautet eher Nein.

"Wenn man davon ausgeht, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis überhaupt gefracktes Gas hierzulande gewinnen könnte, dann reicht dieses Gas wohl gerade einmal für zehn Jahre. Die Energiewende wird in zehn oder 15 Jahren schon weit sein - der Erdgasbedarf wird sinken. Wir sind somit der Meinung, dass gefracktes Erdgas keinen großen Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten kann."

Diese Aussage beruht natürlich auf der Annahme, dass die Förderung von Schiefergas in Deutschland nur unter angemessenen Umweltauflagen stattfinden kann, es also keine ungebremste Förderung geben wird.

Im Hinblick auf Umweltrisiken sieht das Sachverständigengremium noch viel Klärungsbedarf. Schiefergas ist eine Form von Erdgas. Beim Fracking wird zur Gewinnung des Ganzen ein mit chemischen Zusätzen angereichertes Wasser unter hohem Druck in die Gesteinsschichten gepresst. So entstehen dann Risse, die das Abströmen des Erdgases ermöglichen.

Der Sachverständigenrat will dies erproben - auch in Deutschland, allerdings nur unter Einschränkungen. Vorsitzender Martin Faulstich.

"Fracking muss selbstverständlich, wenn es durchgeführt werden sollte, in Wasserschutz- und Trinkwassereinzugsgebieten verboten werden. Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist auch schon bei der Erkundung erforderlich. Die vorhandenen Daten müssen bundesweit systematisiert werden, und auch der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden."

Im Klartext fordern die Wissenschaftler also mehrere Pilotprojekte in Deutschland, die notwendige Umweltverträglichkeitsprüfungen gewährleisten sollen. Hierbei sollte letztendlich geklärt werden, wie sich die eingesetzten durchaus unterschiedlichen Chemikalien in verschiedenen Gesteinsschichten verhalten, welchen Schaden sie dort eventuell anrichten könnten. Heidi Foth von der Universität Halle-Wittenberg.

"Man kommt immer wieder auf den Punkt, dass verschiedene ungewollte Begleiteffekte eintreten können, wenn die Fluid-Chemikalien beispielsweise Zugang zu wasserführenden Schichten bekommen. Die brauchen wir aber für andere Zwecke - Stichwort: Trinkwassergewinnung. Die Beantwortung von derzeitigen Wissenslücken hängt von den lokalen und geologischen Gegebenheiten ab. Eine kluge Auswahl von Pilotprojekten kann also die Frage klären, welche Wissenslücken generell übertragbar sind, auch technologieimmanent. Es geht auch um die Frage, welche Daten benötigt werden, um jeden einzelnen Standort zu beurteilen."

Fracking ist vor allem in Deutschland nicht unumstritten. So hat das Bundeskabinett in diesem Monat die Verabschiedung eines Gesetzes zur Förderung von Erdgas aus tiefen Gesteinsschichten erst einmal verschoben, einzelne Bundesländer stellen sich hier ohnehin quer.

Der Sachverständigenrat hat heute vor allem die wirtschaftliche Erwartungen an diese Erdgasgewinnung hierzulande deutlich gedämpft und auch mehr Zeit für eine angemessene Prüfung möglicher Umweltfolgen angemahnt.