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Streitschrift wider die Studentenbewegung

In der Weimarer Republik war er einer der Anführer der kommunistischen Studenten: Richard Löwenthal. Doch als in den späten 1960er-Jahren die Studentenrevolte ausbrach, erkannte er darin eine "rückwärts gewendete Revolution".

Von Johano Strasser |
    Ich war, als Richard Löwenthals Buch Der romantische Rückfall 1970 erschien, bereits im Bundesvorstand der Jungsozialisten und längst auch Mitglied der SPD. Ich erinnere mich, dass mich seine kluge Argumentation schon damals beeindruckte. Zugleich ärgerte ich mich aber darüber, dass dieser kenntnisreiche Autor im Eifer des Gefechts dazu neigte, alle Strömungen der Studentenbewegung in einen Topf zu werfen. Jetzt, 40 Jahre später, geht es mir bei der nochmaligen Lektüre ganz ähnlich. Aber inzwischen sind andere Kritikpunkte hinzugekommen, die vor allem mit dem aus heutiger Sicht allzu orthodoxen, allzu schlichten Fortschrittskonzept zu tun haben, von dem der Autor sich leiten ließ. Löwenthals zentrales Argument lautete, dass die Kritik der damals jungen Generation "in ihrem geistigen Kern ... nicht auf die konkreten, spezifischen Schwächen der Bundesrepublik, ihre bürokratischen Verhärtungen und autoritären Zöpfe, ihre kommerzialisierte Massenpresse und ihre nationalen Lebenslügen" ziele, "sondern auf die Grundtatsache der Industriegesellschaft selbst."

    Genau darin glaubte er den romantischen Grundzug der Bewegung zu erkennen, die sich mit den unvermeidlichen Zwängen der Arbeitsteilung und der "kalten" Rationalität zwischenmenschlicher Beziehungen in der modernen Gesellschaft nicht abfinden könne, sondern wie die Romantiker und in ihrer Folge die Anarchisten von unvermittelter Gemeinschaftlichkeit und lebendiger Ganzheitlichkeit träume. Es ist nicht zu leugnen, dass es, besonders in der Neuen Linken und in den Gruppen, die sich an den Aufstandsbewegungen in der Dritten Welt orientierten, diese Tendenz gab. Freilich ist auch unbestreitbar, dass der weitaus größte Teil der rebellierenden Studenten mit solchen Vorstellungen nichts zu tun hatte, sondern in der Tat mit ihrem Protest auf ganz konkrete Missstände zielte.

    Was Löwenthal nicht sah, vielleicht damals auch noch nicht sehen konnte, ist, dass die Dynamik des wissenschaftlich-technisch-ökonomischen Fortschritts selbst zunehmend katastrophische Folgen erzeugte, wie es sich uns heute an der Doppelkrise des außer Kontrolle geratenen Weltfinanzsystems einerseits und der schnell wachsenden Zerstörung der Biosphäre andererseits zeigt. Von heute aus gesehen, kann die Ergänzung der Kritik am Kapitalismus durch die Kritik am Industrialismus, wie sie sich Anfang der 70er-Jahre allmählich herausbildete, auch als der Vorschein eines modernen, durchaus rationalen ökologischen Bewusstseins gedeutet werden und nicht als romantischer Rückfall.

    Vollends abwegig war Löwenthals boshafte Beschreibung der Neuen Linken als ein "Proletariat im Sinne des alten Rom, ohne Beziehung zur Produktion", das allenfalls bereit sei, "zu dem auf Staatskosten gelieferten Brot seine eigenen Zirkusspiele beizutragen". Ein später denunziatorischer Nachhall dieses offenbar sehr deutschen Vorurteils färbte kürzlich auch noch Guido Westerwelles Kommentierung des Verfassungsgerichtsurteils zu den Hartz-IV-Sätzen: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein". Die Neue Linke, so scheint Westerwelle uns glauben machen zu wollen, hat mit 40-jähriger Verspätung nun auch noch das Bundesverfassungsgericht erobert.

    Richard Löwenthals Buch Der romantische Rückfall ist eine Streitschrift, verfasst mitten im Getümmel einer kulturellen und politischen Auseinandersetzung, deren Grundmotive ich auch im nachhinein immer noch für berechtigt ansehe, obwohl ich heute, vier Jahrzehnte danach, vieles natürlich weitaus distanzierter und nüchterner betrachte als damals. Was in mir aber geradezu nostalgische Gefühle erzeugt, ist das geistige Niveau, auf dem der Streit, jedenfalls in diesem Buch, geführt wurde. Angesichts des gegenwärtigen Verfalls der öffentlichen Debattenkultur möchte man zuweilen mit Karl Kraus ausrufen: "Größere Gegner gesucht!"

    Johano Strasser war das über Richard Löwenthal: Der romantische Rückfall. Wege und Irrwege einer rückwärts gewendeten Revolution, erschienen 1970 im Kohlhammer Verlag. Der Band ist heute nur noch in Antiquariaten erhältlich, ISBN 978-3170825505.