Donnerstag, 29. Februar 2024

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Striptease. Die Geschichte der erotischen Entkleidung

Natürlich ist der Striptease, wie Lucinda Jarrett ihn in ihrer gleichnamigen Kulturgeschichte darstellt, ein Anachronismis. Die Kunst der erotischen Entkleidung hat sich erledigt. Sie ist einerseits abgesunken in die Pornographie und in professionelle Umfeld der Prostitution, und wurde andererseits vom nudistischen Alltag banalisiert. Wer heutzutage nackte Frauen sehen will, muß keine teure Eintrittskarte für ein Revuetheater erstehen, keine Schummerlichtbühne, keine zwielichtige Nachbar aufsuchen, er muß nur bei warmem Sommerwetter einen Spaziergang im Stadtpark irgendeiner bundesdeutschen Großstadt unternehmen. Zwei, drei Jahrzehnte und eine mittlere Kulturrevolution haben ausgereicht, um die Grenze der Anstößigkeit derart zu verschieben, daß Nacktheit ihren Zauber und ihren Schock und der Striptease sein Prestige verloren haben. Die gängige Art des Striptease findet seit den 70er Jahren in billigen Sex- und Peepshows statt. Die legendären Pariser Revuepaläste wie das Moulin Rouge oder das Crazy Horse sind nurmehr Attraktionen für Touristen, die den Geschmack einer vergangenen Zeit kosten wollen.

Ursula März | 24.06.1999
    Ihre Haltung gleicht ein wenig der der englischen Publizistin Lucinda Jarrett. Sie sieht, was sie sehen will, ihr etwas blauäugiger Blick auf die Geschichte der öffentlichen Entblößung des weiblichen Körpers und das Geschäft damit, verrät einen gesunden, etwas seltsamen Idealismus. "Stripperinnen", schreibt sie im Vorwort, "sind starke Frauen, die auf ihre sexuelle Ausdruckskraft stolz sind, eine Ausdruckskraft, für die die Formalismen des klassischen Tanzes kaum Raum lassen". Man fühlt sich bei diesem und vielen ähnlichen Zitaten ein wenig an die Phraseologie eines bestimmten Trivialfeminismus erinnert, der in allem Unüblichem und Unangepaßtem im Leben von Frauen sofort Zeichen kämpferischen Widerstandes zu entdecken glaubt. "Zu all diesen Zeiten", interpretiert Jarrett an einer anderen Stelle, "ist es außer gewöhnlichen Frauen gelungen, aus der Anonymität herauszutreten und sich für den erotischen Tanz stark zu machen. Und doch finden sie in den Annalen der Tanzgeschichte kaum Erwähnung. Dieses Buch dokumentiert das Leben jener Frauen, die die Geschichte des Striptease am stärksten prägten. Es sind Frauen, die ihre Fähigkeiten und Talente nur in oder an der Peripherie der Sexindustrie einsetzen konnten, die in ihrem Streben nach Unabhängigkeit aber stets um die Würdigung ihrer künstlerischen Arbeit rangen."

    Das stimmt und stimmt nicht. Es stimmt, daß die Tätigkeit von Frauen, die sich in einer tänzerischen Bühnendarbietung leicht oder gar nicht bekleidet dem Publikum zeigen, immer schon gesellschaftlich entwertet wurde, es stimmt aber wohl nicht, daß ungebändigter, unterschätzter Kunstwille sie zu dieser Tätigkeit brachte - im seltensten Fall steckt in einer Striptease-Tänzerin eine Josephine Baker. Denn in der Regel sind die sozialen Verhältnisse die Vorraussetzung für ein Strip-Karriere. Daß in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts die meisten der Pariser Can-Can- und Revuetänzerinnen vom Montmartre stammten, hat nicht damit zu tun, daß dort das fröhliche Tanzen und Singen besonders gepflegt worden wäre, sondern damit, daß der Montmartre traditionell das Viertel der Wäschereien war. Junge Mädchen begannen mit elf, zwölf, dreizehn Jahren als Wäscherinnen zu arbeiten, oft die ganze Nacht lang über heiß dampfende Kessel gebeugt. Verglichen mit dieser Schinderei war die Alternative, abends in einer Revue aufzutreten und beim Abgang von der Bühne die Miederknöpfe zu öffnen, natürlich reizvoll.

    Bei der Lektüre dieses Buches braucht man ein Art polizeilichen Instinkt, man muß zu spüren lernen, wo man der Autorin glauben darf und wo man ihr mißtrauen muß. In bester angelsächsisch-empiristischer Art trägt Lucinda Jarrett eine Fülle von Geschichten und Details aus der Kulturgeschichte des Striptease zusammen, sie begründet, warum dessen Vorläufer nicht im Abendland, sondern im hinduistischen Tempeltanz und im islamischen Bauchtanz zu finden sind, wie und weshalb Nachkriegszeiten Blüteepochen des Striptease darstellen und wie sich dessen Entwicklung seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts zwischen Europa und Amerika, zwischen Zensur und Liberalität hin- und herbewegte.

    Aber inmitten ausführlicher und interessanter Passagen, die Lucinda Jarrett als verläßliche Forschern ausweisen, tauchen verdächtige Sätze auf, bei denen der Autorin offensichtlich die Phantasie durchging. In einem Kapitel, in dem sie das erotische Milieu der belle epoque darstellt und den Typus der Mätresse von dem der Kurtisane unterscheidet, schreibt sie über diese: "Die Kurtisane war eine sinnliche Frau mit üppigem Körper, die es genoß, Männer zu verführen." Einmal dahingestellt, wie groß der Genuß war - aber sollte wirklich keine der betreffenden Damen des 19. Jahrhunderts schmal gewesen sein ?