Karin Fischer: Navid Kermani, Publizist, Autor, Islamwissenschaftler und interessierter Beobachter der Konfliktlagen dieser Welt, war auf Einladung der Nato in Afghanistan unterwegs und uns Herr Kermani interessiert natürlich vor allem wovon nicht viel in den Zeitungen steht. Die Lebensverhältnisse der Menschen, die Kultur im Land. In Kabul hat sich ja so hören wir zumindest, so etwas wie zivilgesellschaftliches Leben etabliert.
Navid Kermani: Es gibt Leben, es gibt Stadtleben, wenn man tagsüber unterwegs ist gibt es viel Autos, es gibt Stau, zivilgesellschaftliches Leben, es gibt das Parlament, da gibt es Debatten natürlich, aber allein schon die Tatsache, dass die Kabulis pro Tag durchschnittlich zwei bis drei, allenfalls vier Stunden Strom haben in einer Millionenstadt, das macht schon deutlich, dass die Probleme andere sind, als die Probleme deutscher Kulturfunktionäre. Das heißt, das zivilgesellschaftliche Leben, so wie wir uns das vorstellen, also von den normalen Zuständen ist man noch weit entfernt. Es ist keineswegs so gewalttätig und bedrohlich, wie man sich das vielleicht vorstellt. Es ist nicht Irak, also man kann sich da frei bewegen auch als "Westler". Man kann einfach Taxi fahren, Leute treffen, also all das ist in Kabul schon eine gewisse Normalität. Aber die Leute sind damit beschäftigt zu überleben und auch die Intellektuellen, die ich getroffen habe - ich habe hier und dort eine Kaligrafieschule besucht, die unter den Taliban nicht erlaubt war. Die Leute nehmen schon wahr, dass es mehr Freiheit gibt als vorher, aber die Bedingungen wie Wasser wie Strom, wie Gesundheit sind so schlecht, dass alles andere einfach zu kurz kommt.
Fischer: Es gibt ja in Afghanistan militärische und zivile Organisationen vor Ort und beide stehen sozusagen quer zu einander immer wieder auch in der Diskussion hier im Westen. Darüber sollten ihre Untersuchungen unter anderem stattfinden.
Kermani: Ja, mich hat beschäftigt diese Schnittstelle von militärischem und humanitärem Engagement, hat ja seit dem Ende des Warschauer Paktes, also dieser Auflösung dieser beiden Blöcke, hat die Nato ihre Strategie verändert. Als neues Zielgebiet wurden auch diese so genannten "failing states" anerkannt, als Drohszenario, - das sind Staaten in denen die Ordnung zusammengebrochen ist - in die sollte man hineingehen und dann das Konzept nicht dort militärisch erobern, sondern vor allem eben staatliche Strukturen aufbauen. Und wenn man in Afghanistan mit britischen Generälen redet, dann wirkt das in der ersten Viertelstunde so, als würden Friedensaktivisten der 70er Jahre reden, denn sie sagen, also all das, was von ihnen erwarten würde, dass jeder getötete Zivilist hundert neue Feinde bedeutet, dass es darum geht, dass das Problem nicht militärisch zu lösen ist, dass man nicht mehr Militär braucht, sondern mehr zivile Aufbauhilfe, also all das ist zunächst einmal als Formulierung, subjektiv durchaus glaubwürdig von den Soldaten, von den Generälen. Das Problem in Afghanistan ist kein militärisches, sondern es ist die Art und Weise, wie dieser Aufbau betrieben worden ist, das heißt es ist nicht das Konzept falsch, sondern die Umsetzung. Es ist in weiten Teilen so skandalös, weil einfach so viel Geld was ja auch Afghanistan versprochen worden ist, nicht in Afghanistan ankommt aus strukturellen Gründen, weil der Wiederaufbau Firmen belohnt, die im Westen tätig sind, bis hin zum Baumaterial werden keine afghanischen Fachkräfte, keine afghanischen Materialien, sondern alles wird eingeflogen und diese ganze Struktur des Wiederaufbaus ist zum Teil auch pervers und da sind die Soldaten, zumindest die die ich kennen gelernt habe, auch in Kabul selbst, eigentlich am wenigsten Schuld. Die Art und Weise wo es hapert ist das Konzept eines des "nation buildings".
Fischer: Wir haben während der letzten Kriege die weltweit stattgefunden haben, viel über "embedded journalism" gehört. Sie sind jetzt in einer für Sie ja auch ziemlich ungewöhnlichen Rolle in Afghanistan unterwegs gewesen. Inwiefern hat das Ihre Perspektive, Ihre journalistische Perspektive auch mit beeinflusst?
Kermani: Es beeinflusst einen, ich war neun Tage unterwegs, ich habe vieles erlebt, ich war beeindruckt, muss ich wirklich sagen, von vielen Soldaten. Wir mussten nicht notlanden, aber wir mussten im usbekischen Nowhere 60 Stunden verbringen in der Kälte. Man lernt diese Soldaten kennen und die haben mich schon wirklich zum Teil sehr, sehr beeindruckt und dieses Feindbild, was ich nicht hatte, aber zumindest dieses Fremdbild Soldat hat sich aufgelöst. Ich habe großen Respekt, vor einzelnen Leuten und zum Teil auch Offizieren, habe verdammt oft das Wunschbild eines Staatsbürgers in Uniform durchaus angetroffen, aber und das ist eben auch meine Aufgabe gewesen, immer zu wissen, das darf mich jetzt nicht beeinflussen, dass ich jetzt nette oder glaubwürdige Menschen treffe heißt ja nicht, dass ich das Land, die Lage rosiger sehen würde.
Fischer: Das Problem ist, das relativ viele Journalisten nur diese Perspektive vermutlich haben.
Kermani: Ja und vor allem, das ist ja noch nicht einmal das Schlimme. Das Schlimme ist ja, dass sie es noch nicht einmal merken. Für mich, wenn ich über die Lage schreibe, finde ich, dann gehört es zur Notwendigkeit dazu zu sagen, wie ein Bericht zustande gekommen ist. Also so zu tun, man hätte das Land bereist, aber nicht kenntlich zu machen, dass man das Land in Schutzweste und in Helm bereist hat, finde ich journalistisch und ethisch nicht korrekt. Wir hatten die Möglichkeit heraus zugehen, also wir konnten die gleiche Straße die wir mit der Patrouille hoch bewaffnet in Helm und in Schutzweste konnte ich eine halbe Stunde später alleine mit dem Fotografen durchlaufen und das war natürlich ein völlig anderes Bild. Und weil die Afghanen ganz normal guckten und weil es überhaupt nicht gefährlich wirkte. Aber dieser Wechsel, dass würde auch mal einen Bericht ausmachen, von innen des Panzers und auf den Panzer drauf. Also diese beiden Perspektiven muss man deutlich machen, wenn man über so Länder schreibt.
Navid Kermani: Es gibt Leben, es gibt Stadtleben, wenn man tagsüber unterwegs ist gibt es viel Autos, es gibt Stau, zivilgesellschaftliches Leben, es gibt das Parlament, da gibt es Debatten natürlich, aber allein schon die Tatsache, dass die Kabulis pro Tag durchschnittlich zwei bis drei, allenfalls vier Stunden Strom haben in einer Millionenstadt, das macht schon deutlich, dass die Probleme andere sind, als die Probleme deutscher Kulturfunktionäre. Das heißt, das zivilgesellschaftliche Leben, so wie wir uns das vorstellen, also von den normalen Zuständen ist man noch weit entfernt. Es ist keineswegs so gewalttätig und bedrohlich, wie man sich das vielleicht vorstellt. Es ist nicht Irak, also man kann sich da frei bewegen auch als "Westler". Man kann einfach Taxi fahren, Leute treffen, also all das ist in Kabul schon eine gewisse Normalität. Aber die Leute sind damit beschäftigt zu überleben und auch die Intellektuellen, die ich getroffen habe - ich habe hier und dort eine Kaligrafieschule besucht, die unter den Taliban nicht erlaubt war. Die Leute nehmen schon wahr, dass es mehr Freiheit gibt als vorher, aber die Bedingungen wie Wasser wie Strom, wie Gesundheit sind so schlecht, dass alles andere einfach zu kurz kommt.
Fischer: Es gibt ja in Afghanistan militärische und zivile Organisationen vor Ort und beide stehen sozusagen quer zu einander immer wieder auch in der Diskussion hier im Westen. Darüber sollten ihre Untersuchungen unter anderem stattfinden.
Kermani: Ja, mich hat beschäftigt diese Schnittstelle von militärischem und humanitärem Engagement, hat ja seit dem Ende des Warschauer Paktes, also dieser Auflösung dieser beiden Blöcke, hat die Nato ihre Strategie verändert. Als neues Zielgebiet wurden auch diese so genannten "failing states" anerkannt, als Drohszenario, - das sind Staaten in denen die Ordnung zusammengebrochen ist - in die sollte man hineingehen und dann das Konzept nicht dort militärisch erobern, sondern vor allem eben staatliche Strukturen aufbauen. Und wenn man in Afghanistan mit britischen Generälen redet, dann wirkt das in der ersten Viertelstunde so, als würden Friedensaktivisten der 70er Jahre reden, denn sie sagen, also all das, was von ihnen erwarten würde, dass jeder getötete Zivilist hundert neue Feinde bedeutet, dass es darum geht, dass das Problem nicht militärisch zu lösen ist, dass man nicht mehr Militär braucht, sondern mehr zivile Aufbauhilfe, also all das ist zunächst einmal als Formulierung, subjektiv durchaus glaubwürdig von den Soldaten, von den Generälen. Das Problem in Afghanistan ist kein militärisches, sondern es ist die Art und Weise, wie dieser Aufbau betrieben worden ist, das heißt es ist nicht das Konzept falsch, sondern die Umsetzung. Es ist in weiten Teilen so skandalös, weil einfach so viel Geld was ja auch Afghanistan versprochen worden ist, nicht in Afghanistan ankommt aus strukturellen Gründen, weil der Wiederaufbau Firmen belohnt, die im Westen tätig sind, bis hin zum Baumaterial werden keine afghanischen Fachkräfte, keine afghanischen Materialien, sondern alles wird eingeflogen und diese ganze Struktur des Wiederaufbaus ist zum Teil auch pervers und da sind die Soldaten, zumindest die die ich kennen gelernt habe, auch in Kabul selbst, eigentlich am wenigsten Schuld. Die Art und Weise wo es hapert ist das Konzept eines des "nation buildings".
Fischer: Wir haben während der letzten Kriege die weltweit stattgefunden haben, viel über "embedded journalism" gehört. Sie sind jetzt in einer für Sie ja auch ziemlich ungewöhnlichen Rolle in Afghanistan unterwegs gewesen. Inwiefern hat das Ihre Perspektive, Ihre journalistische Perspektive auch mit beeinflusst?
Kermani: Es beeinflusst einen, ich war neun Tage unterwegs, ich habe vieles erlebt, ich war beeindruckt, muss ich wirklich sagen, von vielen Soldaten. Wir mussten nicht notlanden, aber wir mussten im usbekischen Nowhere 60 Stunden verbringen in der Kälte. Man lernt diese Soldaten kennen und die haben mich schon wirklich zum Teil sehr, sehr beeindruckt und dieses Feindbild, was ich nicht hatte, aber zumindest dieses Fremdbild Soldat hat sich aufgelöst. Ich habe großen Respekt, vor einzelnen Leuten und zum Teil auch Offizieren, habe verdammt oft das Wunschbild eines Staatsbürgers in Uniform durchaus angetroffen, aber und das ist eben auch meine Aufgabe gewesen, immer zu wissen, das darf mich jetzt nicht beeinflussen, dass ich jetzt nette oder glaubwürdige Menschen treffe heißt ja nicht, dass ich das Land, die Lage rosiger sehen würde.
Fischer: Das Problem ist, das relativ viele Journalisten nur diese Perspektive vermutlich haben.
Kermani: Ja und vor allem, das ist ja noch nicht einmal das Schlimme. Das Schlimme ist ja, dass sie es noch nicht einmal merken. Für mich, wenn ich über die Lage schreibe, finde ich, dann gehört es zur Notwendigkeit dazu zu sagen, wie ein Bericht zustande gekommen ist. Also so zu tun, man hätte das Land bereist, aber nicht kenntlich zu machen, dass man das Land in Schutzweste und in Helm bereist hat, finde ich journalistisch und ethisch nicht korrekt. Wir hatten die Möglichkeit heraus zugehen, also wir konnten die gleiche Straße die wir mit der Patrouille hoch bewaffnet in Helm und in Schutzweste konnte ich eine halbe Stunde später alleine mit dem Fotografen durchlaufen und das war natürlich ein völlig anderes Bild. Und weil die Afghanen ganz normal guckten und weil es überhaupt nicht gefährlich wirkte. Aber dieser Wechsel, dass würde auch mal einen Bericht ausmachen, von innen des Panzers und auf den Panzer drauf. Also diese beiden Perspektiven muss man deutlich machen, wenn man über so Länder schreibt.