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Studentische Raserei

Genau an der Stelle von Schumis letztem Formel-1-Erfolg begaben sich am Wochende Studis auf die Spuren des Rennfahrers. Konkret: 40 Hochschulmannschaften aus ganz Deutschland hatten sich in den vergangenen Monaten ihren eigenen Rennwagen gebaut - und traten am Wochenende zum bundesweit ersten "Formula-Student"-Contest an, veranstaltet vom Verein Deutscher Ingenieure.

Von Thomas Wagner |
    Von 0 auf 100 beschleunigen sie gerade mal in fünf Sekunden. 170 Stundenkilometer schaffen sie spielend. Dabei sehen sie mit ihren aerodynamischen Heck- und Frontspoilern aus wie eine Art Mischung zwischen Seifenkiste und Formel-1Bolide: Rennautos, die Studenten in den vergangenen Monaten in den Hochschulwerkstatten zusammenschraubten.

    "Die hohe Geschwindigkeit ist gar nicht so das Erlebnis, sondern eher die Beschleunigung - sowohl die Querbeschleunigung in der Kurve als auch das Beschleunigen von 0 auf 100. Da wirken Kräfte, das ist so ein richtig cooles Feeling, wenn man in dem Auto drinsitzt und natürlich das Auto noch alles macht, was man will, weil's einfach so gebaut worden ist, dann ist es noch ein bisschen schöner."

    Günther Riedel ist Student an der TU München - und seit ein paar Monaten auch noch Rennfahrer. "Too Fast" heißt das TU-Racing Team, das gut drei Dutzend Rennsportbegeisterte der Technischen Universität vor drei Jahren gegründet haben. In zahlreichen Ländern wie den USA oder England ist es längst üblich, dass Studierende ihren eigenen Rennwagen bauen und damit um die Wette fahren - ein faszinierendes Hobby nach der Vorlesung, findet Florian Mühlbauer, der als Maschinenbaustudent bereits Chefmechaniker des Münchner Teams ist:

    " Man sieht von der ersten Prinzipskizze bis zum fertigen Auto alles. Man bekommt den ganzen Prozess mit, und das innerhalb von einem Jahr. Und dann am Schluss kann man seine Lorbeeren, das Ergebnis abholen - das ist einfach genial!"

    Genau darauf kommt es an - auf das studentische Teamwork. Denn Bedingung beim "Formula-Student"-Contest ist: Die Autos müssen selbst gebaut werden. Und wer das kann, der wird auch später, im Berufsleben, ein guter Ingenieur. So jedenfalls lautet der Idee, die zum ersten "Formula-Student-Contest" auf dem Hockenheimring führte. Professor Ludwig Vollrath vom Verband Deutscher Ingenieure:

    " Der VDI macht das aus einem ganz wichtigen Grunde: Wir sehen, dass wir in Zukunft sinkende Studentenzahlen haben, Wir werden in Zukunft mehr Ingenieure brauchen. Wir wollen in Zukunft mehr Ingenieure einstellen. Und gerade ein solches Projekt zeigt: Hiermit kann man sehr viele neue Studenten gewinnen, die Spaß an der Arbeit haben und gleichzeitig die selbe Ernsthaftigkeit. Das heißt: Es ist eine Nachwuchsförderung ganz extrem."

    So sehen das auch viele Studierende, die in ihren jeweiligen Rennteams mitgemacht haben - sei es als Fahrer, als Mechaniker oder als Organisatoren. Wer hier mitmacht, lernt viel fürs spätere Berufsleben. Michael Rössler vom Rennteam der Hochschule Konstanz:

    " Das ist genau die Praxis, die man braucht. Das haben mir jetzt auch ganz viele von den Jurys gesagt: Genau in solchen Projekten wird wirklich was gelernt. Viele unserer Studenten haben gemeint, sie hätten in dem einen Jahr viel mehr gelernt als im ganzen Studium bisher."

    Das hat damit zu tun, dass es bei der "Formula Student" um viel mehr geht als bloß aufs Gas drücken. In die Punktewertung am Ende fließen eine ganze Reihe von Kriterien ein; Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Beschleunigung - aber auch die Art und Weise, wie die Teams ihre bis zu 50 000 Euro teuren Mini-Boliden finanziert haben. Professor Ludwig Vollrath:

    " Dazu gibt es einen Business-Plan. Das heißt: Hier müssen die Studenten innerhalb von 10 Minuten einer fiktiven Investorengruppe erklären, warum gerade sie das beste Team sind, diese Aufgabe zu lösen - nämlich in einem Jahr ein solches Fahrzeug auf die Beine zu stellen."

    Das geht nicht ohne Sponsoren. Zahlreiche Automobilzulieferer finden sich mit ihren Logos auf den Spoilern der kleinen Rennwagen wieder. Sie helfen mit Geld, aber auch mit Teilen wie Stoßdämpfer, Getriebe und Reifen. Das geschieht nicht ganz uneigennützig. Frank Ross, Hochschulbeauftragter des Automobilzulieferers ZF:

    " Der Hintergrund ist, dass wir hier relativ gute Leute rekrutieren können, indem hier Studenten sind, die über das Normale hinaus etwas leisten. Das heißt: Technisch fasziniert sind über das Formular Racing, aber nicht nur Technisch, sondern auch betriebswirtschaftlich und im Marketing unterwegs sein werden, um so einen Rennwagen auf den Weg zu bringen."

    Im Umkehrschluß heisst das: Wer in einem "Formula-Student-Team" mitmacht, hat bessere Einstellungs- und Karrierechancen. Manuele Rössler von der Hochschule Konstanz:

    " Das ist absolut karrierefördernd. Also viele Firmen, auch die hier sind, schreiben e-Mails, wo sie wirklich auf die Formula-Student-Teams zugehen, weil Sie wissen: Das sind Teams , die sich wirklich viel Zeit genommen haben, um so etwas zu machen. Also wenn etwas karrierefördernd ist, dann so etwas."

    Und noch eines ist bemerkenswert beim ersten deutschen "Formula-Student-Contest" : Der Zusammenhalt zwischen den Teams. So war eine Mannschaft sogar aus Australien nach Hockenheim gereist. Dort mussten die Studierenden feststellen: Der Motor lief nicht mehr. Prompt half ein deutsches Team mit seinem Ersatzmotor aus - kein Einzelfall. Michael Bock vom Team der Fachhochschule Dortmund:

    " Wie organisiere ich was ? Wo ich krieg ich Zeugs her ? Hier auf dem Event noch, nachts um halb drei, bei einem anderen Team 20 Muttern gegen zwei Gelenkaugen eingetauscht, die uns gefehlt haben. Wir haben's geschafft!"