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StartseiteUmwelt und VerbraucherErderwärmung bedroht ein Drittel der endemischen Landtierarten09.04.2021

Studie zum ArtensterbenErderwärmung bedroht ein Drittel der endemischen Landtierarten

Bei einer Erderwärmung um mehr als drei Grad sind ein Drittel der auf dem Land lebenden endemischen Arten vom Aussterben bedroht, stellt eine aktuelle Studie fest. Der Unterschied beim Artensterben zu einem Temperaturanstieg von 1,5 Grad sei dramatisch, sagte der Co-Autor der Studie, Wolfgang Kiessling, im Dlf.

Wolfgang Kiessling im Gespräch mit Jule Reimer

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Schneeleopard (Panthera uncia or Uncia uncia), in Montana, USA (picture alliance / All Canada Photos)
Endemische Arten kommen nur in einem bestimmten Gebiet vor - so wie der Schneeleopard (picture alliance / All Canada Photos)
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Laut einer aktuellen Studie wird der Klimawandel insbesondere in Regionen, in denen viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten leben, großen Schaden anrichten: Bei einer Erderwärmung um mehr als drei Grad Celcius sind demnach ein Drittel (34 Prozent) der auf dem Land lebenden endemischen Arten und etwa die Hälfte (46 Prozent) der im Meer lebenden endemischen Arten vom Aussterben bedroht. Auf Bergen sind sogar 84 Prozent bedroht, auf Inseln steigt diese Zahl auf 100 Prozent an. Zu endemische Arten werden Arten oder Gattungen gezählt, die nur in einem bestimmten Gebiet vorkommen. Dazu gehören zum Beispiel die Lemurenarten, der Blaue Kranich oder der Schneeleopard.

Aktuell steuert die Welt auf mindestens drei Grad Erwärmung zu. Die Forscher schätzen, dass das Risiko für das Aussterben endemischer Arten um mehr als das Zehnfache steigt, wenn die im Pariser Abkommen festgelegten Klimaziele von 1,5 Grad bis maximal zwei Grad verfehlt würden. Bei 1,5 Grad Erderwärmung seien nur zwei Prozent der endemischen Arten an Land und zwei Prozent im Meer vom Aussterben bedroht, bei zwei Grad erhöht sich die Zahl auf jeweils vier Prozent. Wenn die Länder aber ihre Emissionen im Einklang mit dem Pariser Abkommen reduzieren, werden laut der Studie die meisten endemischen Arten überleben.

Weitere Ergebnisse der Studie:

  • Bei drei Grad drohen insgesamt 92 Prozent der an Land lebenden und 95 Prozent der im Meer lebenden endemischen Arten zumindest negative Folgen, wie zum Beispiel eine Verringerung ihrer Anzahl.
  • Endemische Arten sind bei einem ungebremsten Temperaturanstieg 2,7mal häufiger vom Aussterben bedroht als weiter verbreitete Arten.
  • In Europa sind unter anderem einheimische Bienenarten, Seevögel wie Papageientaucher und Fische wie Lachs und Kabeljau sowie die große Pflanzen- und Schmetterlingsvielfalt in den Alpen betroffen. Arten, die im Mittelmeer leben, werden besonders stark beeinträchtigt.

Die Studie erscheint in der Zeitschrift "Biological Conservation". Sie basiert auf der Analyse hunderter Studien zu diesem Thema. Wolfgang Kiessling ist Meeresexperte an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg und Co-Autor des Berichts. Im Deutschlandfunk hebt der Paläobiologe hervor: Bei endemischen Arten bedeute ein lokales Aussterben auch ein globales Aussterben.

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Jule Reimer: Das Pariser Klimaabkommen strebt das Ziel an, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir die 1,5 Grad schon bis 2024 erreichen oder sogar überschreiten werden. Welchen Effekt hat eine stärkere Erderwärmung auf die Artenvielfalt?

Wolfgang Kiessling: Das sind dramatische Unterschiede in der Tat, wenn wir 1,5 Grad einhalten, dann werden sich die Aussterberaten sehr in Grenzen halten, die Klima-induzierten Aussterberaten. Aber was unsere Studie jetzt gezeigt hat, ist eben, dass bei mehr als drei Grad Celsius wir mit bis zu einem Drittel Artenverlusten von endemischen, also auf Regionen begrenzten Arten rechnen müssen an Land und bis zur Hälfte im Meer. Und das ist natürlich dramatisch.

"Lokales Aussterben ist globales Aussterben bei endemischen Arten"

Jule Reimer: Sagen Sie ganz kurz, was heißt endemische Art und was sind zum Beispiel endemische Arten?

Kiessling: Also, endemische Arten sind Arten, die nur in einer Region vorkommen. Wie groß die Region ist, das variiert. Aber wenn wir zum Beispiel mal das Mittelmeer nehmen, da gibt es ganz viele Fischarten, die nur im Mittelmeer vorkommen. Der adriatische Stör beispielsweise, aber das sind auch viele unscheinbare Fischarten, Grundeln, Schleimfischen und so weiter, auch Rochen, auch Seegräser, die nur im Mittelmeer vorkommen. Und an Land gibt es natürlich ikonischere Arten, die man mehr vor Augen hat, Schneeleopard im Himalaya beispielsweise, der eben nur dort vorkommt. Und wenn er dort keine klimatische Nische sozusagen mehr hat und nirgendwo anders hin kann, wird er eben aussterben – und zwar eben nicht nur in der Region, sondern dann auch global. Globales Aussterben ist eben identisch mit lokalem Aussterben bei diesen endemischen Arten.

Ein adriatischer Stör (Acipenser naccarii) im Wasser (picture alliance / Blickwinkel)Nicht so beliebt wie der Schneeleopard, aber auch von der Erderwärmung bedroht: der adriatischer Stör (picture alliance / Blickwinkel)

"Die Welt wird ärmer durch den Verlust an Artenvielfalt"

Reimer: Normalerweise hat die Natur ja, sagen wir mal, immer wieder auch für Ersatz gesorgt, wenn eine Art ausgestorben ist. Zumindest wirkt das erst mal auf den Laien so. Was verändert sich, wenn diese Arten aussterben?

Kiessling: Man muss jetzt ganz ehrlich sagen, endemische Arten haben selten wirklich Schlüsselrollen in Ökosystem. Man muss ehrlich sagen, es ist unwahrscheinlich, dass dann das ganze Ökosystem kollabiert, wenn diese endemischen Arten aussterben. Aber was auf jeden Fall passiert, ist, dass die Welt deutlich ärmer wird, dass wir einen Verlust haben an Artenvielfalt, die eben nicht mehr so leicht aufzuholen ist, zumindest nicht auf menschlichen Zeitskalen. Wenn wir jetzt in Jahrmillionen denken, wie ich es als Paläobiologe gewohnt bin, dann natürlich schon. Aber zunächst mal wird über Generationen hinweg nur der Verlust da sein, der Verlust von evolutionärem Potenzial, also Erholung von den Ökosystem anschließend wieder. Und dieser Verlust dieser endemischen Arten ist auch irgendwie wie ein Kanarienvogel in der Kohlemine, es ist ein Warnsignal, was bevorstehen kann, wenn eben Klimawandel noch schlimmer wird.

Zurück bleibt "Brachland, was nicht mehr genutzt werden kann"

Reimer: Dann spinnen Sie es mal weiter!

Kiessling: Dass dann eben irgendwann auch Arten aussterben, betroffen sein werden, die sehr viel weiter verbreitet sind, eben nicht nur auf eine Region begrenzt sind, und dann eben tatsächlich Verluste von funktionaler Diversität bevorstehen und ganze Ökosysteme dann kollabieren werden, das ist eben dann tatsächlich an der Basis dann schon.

Reimer: Was heißt funktionale Diversität?

Kiessling: Na ja, dass eben dieses Netzwerk sozusagen, also diese Nahrungsnetze von Pflanzen zu den Verbrauchern sozusagen nicht mehr aufrecht erhalten werden können und dass dann eine Brachwelt, artenarme Brachwelt, die auch keine Produktivität mehr liefert, zurückbleibt.

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Reimer: Haben Sie da noch mal ein praktisches, ganz praktisches Beispiel für so eine Kette?

Kiessling: Also, wenn tropischer Regenwald verschwindet beispielsweise, dann können wir begrenzt erst mal noch Ackerbau betreiben, aber irgendwann sind die Nährstoffe draußen und es ist kein Ackerbau mehr möglich, es ist praktisch Brachland, was zurückbleibt, was nicht mehr genutzt werden kann. Der Boden verhärtet, Lateritboden bleibt zurück – und Sie können damit dann nichts mehr anfangen.

Reimer: Wir reden hier von Temperaturunterschieden, die uns im Alltag sehr winzig vorkommen. Warum ist ein halbes Grad Unterschied in der weltweiten mittleren Durchschnittstemperatur so gravierend in der Wirkung?

Kiessling: Weil es eben ein Mittelwert ist. Was bei diesen Mittelwerten oft verschleiert wird, ist, dass natürlich da Extremtemperaturen drinstecken, die deutlich höher sein können. Wenn Sie jetzt hier an Deutschland denken, wir sind jetzt in Deutschland gerade bei 1,5 Grad ja schon jetzt, und an die Hitzesommer denken, die wir in den letzten Jahren hatten, dass wir eben durchaus auch mal 40 Grad Celsius erreichen könnten mit entsprechenden Sterberaten unter den Menschen, da sehen Sie eben, was 1,5 Grad schon ausmachen können.

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Endemische Arten gezielt schützen – durch Korridore

Reimer: Warum können wir die Arten nicht züchten, also in Zoos bewahren und anders für deren Weiterleben sorgen?

Kiessling: Sie können Arten schon in Zoos aufbewahren, aber das werden immer eben nur so ikonische Arten sein wie eben so etwas wie Schneeleoparden, die Dutzende und Hunderte und Tausende Arten, die auch endemisch sind und eben nicht so diesen Beliebtheitswert haben, wie wollen Sie die denn schützen? Da müssten Sie eine ziemlich große Arche bauen. Lieber nehmen wir doch die natürliche Arche, die schon da ist, und erlauben diesen Arten durch gezielten Schutz und auch durch Korridore, dass sie eben zum Beispiel mit dem Klimawandel mitwandern können, da ein Überleben in ihrer Natur.

"Die Politik hört, aber handelt nur begrenzt"

Reimer: Wie würde so ein Korridor praktisch aussehen?

Kiessling: Sie haben, wenn wir von Meeren reden, Sie haben ja jetzt schon geschützte Meeresgebiete, wo Fischereiverbot besteht, wenn Sie diese geschützten Bereiche vernetzen, sodass eben Arten dann tatsächlich geschützt wandern können, dann haben Sie schon etwas erreicht. Aber das ist jetzt die Anpassung an den Klimawandel. Besser wäre es, doch gleich die Minderung zu schaffen und das Ruder doch noch rumzudrehen, die Temperatur nicht höher als 1,5 Grad ansteigen zu lassen.

Reimer: Haben Sie das Gefühl, Sie werden in der Politik gehört?

Kiessling: Zunehmend, auf jeden Fall. Es geht immer noch zu langsam, die Politik hört, aber handelt eben nur begrenzt.

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Rohstoffabbau im Meer möglichst nachhaltig

Reimer: Sie sind spezialisiert auf die Meere, gleichzeitig haben wir ja im Augenblick einen Run auf Rohstoffe in den Meeresböden. Wie betrachten Sie diese Entwicklung?

Kiessling: Na ja, es werden Rohstoffe gebraucht und es wird sicher am mittelozeanischen Rücken mittelfristig zum Rohstoffabbau auch kommen, wenn es sich rentiert. Wichtig ist eben, von vorneherein darauf zu achten, dass das nachhaltiger Rohstoffabbau wird und dass dann auch zunehmend auf Recycling gesetzt wird. Aber es lässt sich wohl kaum vermeiden, dass dort auch nach Rohstoffen gesucht wird.

Reimer: Der Kompromiss wäre: Großflächig auf der einen Seite Meeresschutzgebiete und begrenzt auf bestimmte Bereiche Rohstoffabbau.

Kiessling: Ja, das sind nicht überlappende Bereiche auf jeden Fall.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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