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StartseiteTag für TagDas Prinzip Glaube und Hoffnung20.12.2016

Studie zur TraumabewältigungDas Prinzip Glaube und Hoffnung

Der Glaube an Gott kann Menschen bei der Bewältigung von Posttraumatischen Belastungsstörungen helfen. Das ist das Ergebnis einer Studie der theologischen Fakultät in Freiburg mit ehemaligen Soldaten, die im Jugoslawien-Krieg gekämpft haben. Doch Religiosität hat nicht in jedem Fall positive Einflüsse auf die psychische Gesundheit.

Von Samuel Dekempe

Eine Frau steht an der Gedenkstätte in Srebrenica in Erinnerung an die Opfer von Bosnien im Jahre 1995. (picture-alliance / dpa / Fehiim Demir)
Postraumatische Belastungsstörungen können auch erst Jahrzehnte nach den belastenden Ereignissen auftreten. Im Bild: Die Gedenkstätte in Srebrenica in Erinnerung an die Opfer von Bosnien im Jahre 1995. (picture-alliance / dpa / Fehiim Demir)
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Vor 25 Jahren begann der Jugoslawienkrieg. Auch Jahrzehnte danach sind die Folgen des Krieges noch spürbar. Alleine in Bosnien-Herzegowina sind rund 400.000 Soldaten, aber auch Zivilsten an sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörungen, kurz PTBS, erkrankt. Eine psychische Krankheit, die durch ein traumatisches Erlebnis ausgelöst wird. Andrijana Glavas ist in Kroatien geboren und hat den Krieg selbst miterlebt. Die Medizinerin erforscht an der theologischen Fakultät in Freiburg den Einfluss von Religiosität und Spiritualität bei der Traumabewältigung von Menschen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Die Ergebnisse der Pilotstudie waren überraschend:

"Bei uns hat sich gezeigt, dass die Religiosität und Spiritualität eine fördernde Rolle für die Gesundheit der PTBS-Patienten in Kroatien und Bosnien hat. Die Patienten, die sich als religiös und spirituell ausgesprochen haben, haben eine bedeutend stärkere altruistische Lebensweise und eine höhere Lebenszufriedenheit und allgemeines Wohlbefinden. Über 60 Prozent der Patienten glaubten, dass sich ihre Beschwerden günstig beeinflussen könnten, wenn sie einen Zugang zu einer spirituellen Quelle haben",

sagt Glavas. Zwei Jahre lang hat sie daran geforscht und mit ehemaligen Soldaten und Zivilisten im Balkan, die an PTBS erkrankt sind gesprochen. Die Krankheit zeigt sich vor allem in Depressionen, Gleichgültigkeit und Schlafstörungen.

 "Für beide PTBS-Patientengruppen war das größte Bedürfnis innere Ruhe zu finden. Zivile Patienten mit PTBS hatten das größte Bedürfnis fühlen zu können, dass sie jemand braucht, dass sie der Gesellschaft und der Familie von Nutzen sind. Während es den ehemaligen Soldaten mit PTBS wichtig war, ihr bisheriges Leben zu rekapitulieren, über ihre Ängste zu reden und ihren Lebenssinn in der Krankheit und im Leben zu finden."

Spiritualität und Glaube als Mittel gegen das Trauma

Die Studie habe gezeigt, dass es in der Traumabewältigung wichtig sei, einen Sinn in der Krankheit zu finden und somit wieder Hoffnung zu schöpfen, sagt Glavas. Spiritualität und der Glaube könnten dabei helfen.

Im Krieg zerstörtes Haus in Mostar (Bosnien-Herzegowina) (dpa / picture alliance / Jerzy Dabrowski)Das Kriegs-Trauma der Väter kann auch auf Kinder und Ehefrau übergehen (dpa / picture alliance / Jerzy Dabrowski)

"Aus den persönlichen Gesprächen mit den Soldaten hatte ich den Eindruck, dass sie wirklich dieses Bedürfnis haben nach Religiosität und Spiritualität. Und ich muss sagen, dass in Kroatien die Soldaten sehr viel in die Messe gehen, dass sie da auch ihren Trost und ihre Kraft finden, bei den Gesprächen bei den Seelsorgern oder den Priestern. Also sie finden einen Sinn in dieser Krankheit und das ist ein erster Schritt für die Traumabewältigung",  

sagt Glavas. Der Freiburger Caritaswissenschaftler Klaus Baumann, an dessen Lehrstuhl die Studie durchgeführt wurde, sieht einen engen Zusammenhang zwischen Traumata und der eigenen Spiritualität. Denn ein Trauma erschüttere nicht nur die eigene Existenz, sondern auch den persönlichen Glauben, also das was einem Halt gegeben hat. Dennoch suchten viele während der Therapie wieder nach Glaube, Religion und Spiritualität.

"Religion wirkt ordnend für das Leben. Religion, das ist nachgewiesen, kann helfen Schwierigkeiten besser zu bewältigen. Religion kann auch Krisen provozieren, durch eine neureligiöse Erfahrung kann auch vieles durcheinander kommen und Religion wirkt üblicherweise auch gemeinschaftsstiftend und in der Gemeinschaft auch konfliktregulierend. Jeder dieser Aspekte kann ins Spiel kommen. Zumal Religion auch, wie andere psychologische Phänomene, sowohl eine kognitive, eine emotionale und eine verhaltensmäßige Seite hat. Und all diese Faktoren können zum Tragen kommen – auf unterschiedliche Weise."

Religion ist nicht immer gesundheitsfördernd

Es hänge also immer von der eigenen spirituellen und religiösen Erfahrung ab, ob sich Religiosität positiv auf die Krankheit auswirkt, erklärt Baumann. Zudem sei Religion nicht immer gesundheitsfördernd.

"Nachteilig können sein: Bestimmte Normen einer Religionsgemeinschaft, die einen hindern ohne Hemmungen bestimmte Dienste in Anspruch zu nehmen, also medizinischer Art. Menschen die deshalb aus religiösen Gründen Medikamente nicht nehmen oder ähnliches. Es kann auch sein, dass aus religiösen Gründen, man sich nicht in die psychiatrische Behandlung gibt, weil man denkt, das dürfe man nicht, es sei ein Zeichen von Schwäche oder wenigen Gottvertrauens, also eine eher fundamentalistische Haltung. Es kann auch sein, dass jemand ein sehr strafendes Gottesbild hat und der Glaube daher weniger von Vertrauen und Hoffnung und Stärkung geprägt ist, als von Angst und Kleinigkeit."

Das Tückische an einer Posttraumatischen Belastungsstörung: Sie kann auch erst Jahre nach dem Erlebnis auftreten. Zudem sei ein großes Problem in den untersuchten Ländern die sogenannten Sekundär-Traumatisierungen, erklärt Andrijana Glavas. Das Trauma des Vaters, der im Krieg war, vererbe sich an Frau und Kinder weiter. Diese zeigten dann die gleichen Symptome.

"Also, dass sie einfach erschöpft ist, Schlafstörungen hat, Angstzustände hat. Das geht soweit, dass die Frauen alkoholabhängig oder drogensüchtig werden. Das Gleiche gilt auch für die Kinder: Jedes zweite Kind von einem PTBS-Erkrankten leidet an diesen Symptomen."

Theologe fordert mehr geeignete Seelsorger

Wie kann den Menschen also geholfen werden? Der Theologe Klaus Baumann sieht nach den Ergebnissen der Studie vor allem die Kirche in der Pflicht sich für traumatisch erkrankte Menschen einzusetzen.

"Und könnte die Kirche mit ihrer Seelsorge und ihren Graswurzelstrukturen in der Breite nicht viel mehr dafür tun, dass es in ihren religiösen Vollzügen nicht so sehr darauf ankommt etwas, sozusagen, richtig zu absolvieren, sei es Gebetspflichten oder Gottesdienstpflichten oder sonstige Normen, sondern dass die innere Glaubenshaltung gestärkt wird. Dass Menschen das erfahren, was viele mit Spiritualität suchen, nämlich dass es durch ein Einüben von Stille und Achtsamkeit und der inneren Ausrichtung zu sich kommen und frei werden dafür, diese vergangenen Erfahrungen des Traumas auf neue Weise anzuschauen."

Es brauche also mehr geeignete Seelsorge, sagt Baumann. Denn nicht jede seelsorgerische Methode die es bisher gibt sei auch für eine Traumabewältigung geeignet. Es brauche neue Formen, die zeigen, wie man die eigene Spiritualität einsetzt um Erlebnisse zu verarbeiten. Ein Versprechen auf Heilung dürfe damit aber nicht verknüpft werden.

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