Studierende in der TürkeiProteste an den Hochschulen - nicht nur wegen der Mietsituation

Nach eineinhalb Jahren Coronapause öffnen die türkischen Universitäten wieder im Regelbetrieb. Doch viele junge Menschen können nicht an ihren Studienort, weil sie sich dort keine Unterkunft leisten können. Studierende, die dagegen protestieren, werden als Terroristen bezeichnet - von Präsident Erdogan.

Von Filiz Kükrekol | 19.10.2021

Studierende demonstrieren und halten Plalate hoch
Studierende der Bosporus-Universität protestieren gegen den Rektor, der von Präsident Erdogan eingesetzt wurde (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Murat Baykara)
Aufwühlende Momente auf dem Campus der Bosporus Universität in Istanbul. Die Studierenden schneiden ihrem Rektor, ein von der AKP installierter Mann, den Weg ab. Sein Auto fährt Zentimeter um Zentimeter auf die Studierenden zu. Im Gerangel prügeln die Polizisten die Studierenden zur Seite, ein junger Mann steigt auf das Autodach. Dann wird er runtergerissen und stürzt. Das geschah am 4. Oktober.
Einen Tag später sagt der türkische Präsident Erdogan bei der feierlichen Eröffnung des Akademischen Jahres: "Euer Rektor sitzt im Auto, ihr schneidet ihm den Weg ab, steigt auf sein Auto und trampelt darauf herum. Das können nur Terrorristen sein, die die Universität unterwandert haben." Und wieder einen Tag später werden zehn Studierende festgenommen. Ein Kommilitone sagt dazu: "Er hat damit sowohl die Polizisten angewiesen, was zu unternehmen, als auch die Staatsanwaltschaft und was noch schlimmer ist, er hetzt auch das Volk auf." Der junge Mann saß selbst 47 Tage in Gewahrsam. Eine Kunstaktion auf dem Campus, an der er teilgenommen hatte, hatte offenbar religiöse Gefühle verletzt.

Polizei in Kampfmontur regelmäßig vor der Hochschule

Die Stimmung an Bosporus-Universität ist denkbar schlecht. Seit Jahren demonstrieren Studierende und Professoren dagegen, dass die AKP-Regierung die Rektoren ernennt. Sie werfen der Regierung vor, Parteigänger zu installieren, Einfluss in Lehre und Forschung zu nehmen. Polizei in Kampfmontur, Barrikaden und Wasserwerfer vor dem Eingang gehören mittlerweile zum Stadtbild rund um die Hochschule.
"Wir sagen etwas, das sehr richtig ist. Wir wollen, dass die Wissenschaft frei ist, überlegen uns was, um auf unser Thema aufmerksam zu machen und stellen Forderungen. Und anstatt sich unser Anliegen anzuhören, überlegen sie, wie sie uns so schlecht wie möglich darstellen können. Wann immer wir vor unsere Universität treten, um unser Anliegen zu demonstrieren, stehen wir der Polizei gegenüber, werden in Gewahrsam genommen."

Studierende fordern Recht auf Wohnraum

Dieser Beoabachtung schließt sich auch die junge Studentin einer anderen Istanbuler Uni an. Ihre Rektorin, auch von der Regierung eingesetzt, sagt sie, treffe Entscheidungen ohne wie üblich zuvor darüber zu informieren. "Diese Rektoren erhalten ihre Macht aus dem Palast, von Erdogan. Deshalb können sie die Universität wie ihren eigenen Hinterhof gestalten. Und als Studierende gehen wir für die Rechte unserer Universitäten auf die Straßen."
Nicht nur die Ernennung regierungsnaher Rektoren ist ein Thema. Seit Wochen veranstalten Studierende Aktionen, um auf die Wohnsituation aufmerksam zu machen. Keine 800.000 Wohnheimbetten auf acht Millionen Studierende. Mieten sind enorm gestiegen, die Türkische Lira verliert an Wert. Die Studierenden kampierten aus Protest auf Bänken. Das ist jetzt verboten, doch die jungen Menschen sind kreativ. Mit einem Flash-Mop gehüllt in Decken sind sie Anfang Oktober durch die Haupteinkaufsstraße in Istanbul gelaufen – haben Recht auf Wohnraum eingefordert.
"Wir bekommen 650 Lira Studienkredit, zahlen für die Unterkunft 500 Lira, bleiben 100 Lira übrig, wie kann ein Student davon überleben? Außerdem gibt es seit 2018 eine Wirtschaftskrise, wir machen weiter aufmerksam, dass wir so nicht studieren können, keine Miete zahlen können, und dass hierfür Erdogans Palast die Verantwortung trägt und das werden wir weiter kritisieren."

Erdogan: Studierendenwohnheim "wie in einem Hotel"

100 Lira im Monat zum Überleben – in einem Land, in dem ein Döner schon 20 Lira kostet. Doch der Präsident bezeichnet auch diese Studierenden als Terroristen. "Das sind Terroristen, die wie bei den Gezi-Protesten von außen gekommen sind und terrorisieren."
Erdogan schwärmt von Studierendenwohnheimen mit Vier-Bett-Zimmern, das sei ja wie in einem Hotel, sagt er. Darüber kann der Student der Bosporus Universität nur lachen – wenn man sich heute auf eine Warteliste selbst für ein Vier-Bett-Zimmer setzen lasse, stünden doch schon 10.000 andere Studenten auf der Liste. Nein, man habe es in jeder Hinsicht sehr schwer dieser Tage als junger Mensch in der Türkei, sagt der Student und: "Andere Ansichten, freies Denken, Kritik, das alles kommt bei der Regierung wie eine Kriegserklärung an."
Es gehe der Regierung darum, Kritiker zum Schweigen zu bringen, sagen die Studierenden und bedauern, dass die Rechnung zum Teil aufgeht. Wer kritisiert, bekommt sein Stipendium gestrichen, wird aus dem begehrten Wohnheim rausgeworfen. Mit Reportern zu sprechen, trauen sich die allerwenigsten und deshalb auch nur anonymisiert.

EU-Botschafter gibt sich diplomatisch

Man spreche mit der türkischen Regierung regelmäßig über Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte, sagt Nicolaus Meyer-Landrut. Der Botschafter der Europäischen Union aber bleibt auch in diesem Fall ganz Diplomat:
"Die Entwicklung um die Menschenrechte, um die Einhaltung von Rechtstaatlichen Standards von Unabhängigkeit der Justiz hier im Land machen uns Sorge. Wir artikulieren diese Sorge auch. Man muss vorsichtig sein mit pauschalen Vorwürfen glaube ich von allen Seiten. Diese Universität hat einen großen Ruf eine große Tradition auch als Forschungsstätte und ich hoffe, dass sie von allen respektiert wird."