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StartseiteEuropa heuteSturm im Reagenzglas11.01.2013

Sturm im Reagenzglas

Kirche in Polen kämpft gegen künstliche Befruchtung

Polens Regierung will Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch die künstliche Befruchtung finanzieren. Das Land leidet wie Deutschland unter einer sinkenden Geburtenrate. Während die Bischöfe mit einer Verfassungsklage drohen, übernimmt ausgerechnet die konservative Stadt Tschenstochau schon die Kosten für die künstliche Befruchtung.

Von Sabine Adler

Die Kirche hält die künstliche Befruchtung für unethisch. (Universität Bonn)
Die Kirche hält die künstliche Befruchtung für unethisch. (Universität Bonn)

Polens Geburtenraten zeigt mindestens ebenso steil nach unten wie in Deutschland. Mehr kleine Polen müssen her, zur Not auch künstlich gezeugt. "In vitro" heißt das Zauberwort, das den Kindersegen bringen soll. Ein Sturm im Reagenzglas tobt. Den Retortenkindern will die Regierung auf den Weg helfen, kündigte Premier Donald Tusk an.

"Ich bin dafür, dass Ehepaare, aber auch Paare, die schon lange zusammen sind, sich dieser Prozedur unterziehen können. Bei allein stehenden Frauen gibt es ein Risiko. Mir wäre lieber, wenn die Kinder, die durch die In-vitro-Methode geboren werden, die wir finanzieren, dann auch beide Eltern hätten."

13.000 Zloty, über 3000 Euro, kostet eine künstliche Befruchtung, die nur selten bereits im ersten Anlauf gelingt. Wie die sächsischen Nachbarn und wohl auch die Niedersachsen demnächst sollen auch die Polen, und zwar im ganzen Land, mehrere Versuche bezahlt bekommen. Die Kosten sollen kein Hindernis sein, sagt der konservative Regierungschef.

"Die können zu einem echten Dilemma für Paare werden, die dringend ein Kind bekommen wollen. Es wäre schlecht, wenn die Kosten entscheiden, ob ein Paar glücklich werden kann oder nicht, ob es ein Kind bekommen kann oder nicht. Wir werden nach Möglichkeiten suchen, dass die Finanzierung so erfolgt, dass sie auch elementaren ethischen Auffassungen standhält."

Die in Polen einflussreiche katholische Kirche ist strikt gegen die finanzielle Hilfe. Zum einem, weil sie auch an Paare ohne Trauschein gezahlt werden soll, denn für die Regierung Tusk macht es keinen Unterschied, ob Eltern verheiratet sind oder nicht. Vor dem Gesetz seien alle gleich, könne es keine Regelung nur für Eheleute geben.

In Lodz, vor allem aber in Tschenstochowa, dem Pilgerort mit der Schwarzen Madonna, organisiert die Caritas und zahlt die Stadt die In-vitro-Methode.

In Szczecin wurde die Entscheidung über die In-vitro-Finanzierung nach Protesten von der Organisation Lebensschutz aufgeschoben.

"Von Jahr zu Jahr werden wir mehr, die wollen, dass ungeborene Kinder nicht getötet werden."

Die Kirche hält die künstliche Befruchtung für unethisch, weil auch Nichtverheiratete Unterstützung bekommen, der Wert der Familie in Frage gestellt wird. Ungeklärt sei zudem, was mit nicht benötigten Eizellen geschieht. Der Gesundheitsminister hat das Gesetz angeblich vorbereitet, aber nicht prüfen lassen, ob es verfassungskonform ist. Die katholische Kirche kündigte bereits an, vor dem Verfassungsgericht zu klagen.

Doch längst spricht die Kirche mit ihren Vorbehalten gegen die In-vitro-Methode nicht mehr für die Mehrheit der Bevölkerung. Fast 80 Prozent der Polen sind für die Hilfe aus dem Reagenzglas, 2010 waren immer hin auch schon 60 Prozent für "in vitro".

Dass unsere bislang eher konservativen Nachbarn insgesamt etwas liberaler werden, zeigte eine gestern veröffentlichte Meinungsumfrage unter anderem zur Ehe ohne Trauschein: Nur 43 Prozent der Befragten konnten sie vor zehn Jahren akzeptieren, heute sind es fast zehn Prozent mehr, etwas über die Hälfte der Befragten finden Lebenspartnerschaften heute in Ordnung, genau 51 Prozent.

Ob aber Premier Tusk den In-vitro-Kampf gegen die Kirche durchsteht und gewinnt, die Paare ihre finanzielle Unterstützung wie zugesagt ab Juli erhalten, ist bislang völlig offen.

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