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StartseiteForschung aktuellSturmwarnung per Handy28.04.2009

Sturmwarnung per Handy

Was wurde aus Unwetter-Prognosen als Mobilfunk-Service

<strong>Technik. - Sie heißen Lothar oder Kyrill und verursachen Schaden in Millionenhöhe. Den Prognosen der Klimaforscher zufolge werden extreme Wetterereignisse wie Orkantiefs, kräftige Sommergewitter und Starkregen immer häufiger, weshalb präzise Unwetterwarnungen an Bedeutung gewinnen. Einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit sollte ein neuer Mobilfunkservice liefern, den Nutzer seit einigen Jahren abonnieren können.</strong>

Von Ralf Krauter

Noch mangelt es offenbar an Interessenten an der Sturmwarnung per SMS. (AP)
Noch mangelt es offenbar an Interessenten an der Sturmwarnung per SMS. (AP)

Weather Information on Demand, kurz WIND, das war der Name des Unwetterwarnsystems, das der Informatiker Ulrich Meissen gemeinsam mit Partnern entwickeln wollte. Das Ziel war ambitioniert. Wenn Sturm oder Starkregen im Anmarsch sind, wollte man Menschen in den akut betroffenen Gebieten rechtzeitig warnen – per E-Mail, Fax oder SMS. Ulrich Meissen vom Berliner Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik hat das Projekt koordiniert und zieht heute eine positive Bilanz.

"WIND ist seit 2001 vom Fraunhofer-Institut gemeinsam mit Meteomedia und der Versicherungswirtschaft entwickelt worden. Und ist jetzt eigentlich sehr erfolgreich. Es ist in Deutschland und Österreich im Einsatz mit etwa 420 000 Kunden. Und es sieht auch so aus, dass sich das auch in anderen Ländern durchsetzen wird."

Seit November 2003 können sich Nutzer nach Angabe ihrer Postleitzahl für ein paar Euro im Monat für den kommerziellen Unwetter-Warndienst registrieren. Doch die Anmeldungen blieben hinter den Erwartungen zurück. Bis 2008 wollte man eigentlich schon 80 000 Abonnenten mehr haben, als heute angemeldet sind.

"Das ist kein Selbstläufer. Wir selbst benutzen das System und sind natürlich davon begeistert und dachten uns: Naja, dann wird auch jeder andere sofort begeistert sein."

Doch die teils mangelnde Genauigkeit der Unwetter-Prognosen von WIND dämpfte bei manchem die Euphorie. Denn ein Autohändler, der als Reaktion auf Hagelwarnungen dreimal alle Wagen vom Hof in die Garage fuhr, ohne dass bei ihm danach je ein Eiskorn vom Himmel gefallen wäre, ist eher genervt als begeistert. Noch sind solche Fehlalarme häufig. Um sie künftig zu vermeiden, tüfteln die Forscher im vom Bundesforschungsministerium geförderten Nachfolgeprojekt SAFE seit zwei Jahren daran, Unwetter lokal noch präziser vorhersagen zu können.

"Ein entscheidender Ansatz bei SAFE besser zu werden, ist die Fernerkundungsdaten - Satelliten- und Radardaten - durch lokale Sensorik zu ergänzen. Uns geht es darum, lokal genau kurzfristig vorherzusagen: Schlägt es wirklich bei mir zu?"

Weil heftige Sommergewitter und Hagelschauer in der Regel lokale Phänomene sind, kann das nur mit sehr engmaschigen Sensor-Netzwerken gelingen. Und genau solche bauen die Forscher derzeit an zwei Pilotstandorten in Bayern auf, im Umfeld der Kleinstadt Mering und des Chemieunternehmens Wacker in Burghausen. Dabei kommen eigens entwickelte Unwettersensoren einer Göttinger Firma zum Einsatz.

"Dieser Sensor ist einfach wie ein kleines UFO, zehn mal 20 Zentimeter, auf so einem kleinen Stab befestigt, und eigentlich relativ unscheinbar. Und in diesem Sensor sind verpackt die Sensoriken für verschiedene Messparameter: Barometrischer Luft, Hagelerkennung, Niederschlagserkennung, Winderkennung, etc. Aber es gibt keine beweglichen Teile mehr an diesem Sensor. Das macht ihn extrem kostengünstig auch in der Produktion."

Aus den per Mobilfunk übertragenen Daten der Sturm-Fühler errechnet der Wetterdienst Meteomedia lokale Unwetterprognosen, die minutengenau vorhersagen sollen, wann und wo es in Mering und Burghausen brenzlig wird – und zwar 20 Minuten bevor der Sturm losbricht. Welche Schutzmaßnahmen die Nutzer dann ergreifen, entscheiden sie selbst. Hausbesitzer könnten die Markise einrollen und ihr Auto in die Garage fahren. Bei moderner Haustechnik soll das teils automatisch passieren - etwa das Schließen der Dachfenster in der Turnhalle. Um alle akut Betroffenen zu erreichen, testen die Forscher neben Textbotschaften fürs Handy auch Einblendungen ins Fernsehprogramm und eine Unwettersirene im Taschenformat. Die Notfall-Piepser haben eine Stummelantenne und ein großes Display. Ulrich Meissen legt einen auf den Tisch und löst von seinem Laptop aus einen Probealarm aus.

"Hier hört man dann mal das Signal. Eine SAFE-Pilotwarnung: Schweres Gewitter aus Nordwest, ab etwa 18 Uhr 50 an ihrem Wohnort, Kirchplatz 4. Man kann das dann alles lesen und dann entsprechend den Alarm bestätigen. Das heißt, dieses Gerät wird solange sich melden, bis man den Alarm bestätigt hat. Deshalb setzen wir’s auch nur ein bei extremsten Unwetterlagen, das heißt ab der Warnstufe violett, wie wir das nennen, dann ist wirklich etwas los."

Bewährt sich die Technik bei den Feldversuchen in Bayern, bräche dort – zumindest für die Nutzer - künftig kaum noch ein Unwetter aus heiterem Himmel herein.

Weblinks:
http://www.isst.fhg.de/fhg/Images/SAFE-Produktblatt-deutsch-v042_tcm418-128474.pdf

http://www.welt.de/webwelt/article1945058/Warnung_vor_Gewitter_und_Glatteis_per_SMS.html

http://www.handelsblatt.com/archiv/unwetterwarnung-per-handy;660766

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0522/wissenschaft/0004/index.html

http://www.ecityruf.de/article-112-news-244-aktuelle-meldungen.html

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