Montag, 16. Mai 2022

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Suche nach der Quelle wird immer schwieriger

Medizin. - Der für die gefährlichen Darminfektionen verantwortliche Erreger ist bisher zwölf Ländern aufgetreten. In Deutschland gibt es über 1200 Fälle der EHEC-Infektion, darunter mehr als 500 mit einem schweren Verlauf. Anfang der Woche wurde aus Münster die Entwicklung eines Schnelltests zum Nachweis des EHEC-Erregers gemeldet, gestern dann die Entschlüsselung dessen Genoms. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide bewertet beide im Gespräch mit Uli Blumenthal.

Martin Winkelheide im Gespräch mit Uli Blumenthal | 03.06.2011

Blumenthal: Martin Winkelheide, Wissenschafts- und Medizinjournalist für unsere Redaktion, was bedeuten diese beiden Entwicklungen, der Schnelltest und die Entschlüsselung des Genoms?

Winkelheide: Besonders wichtig ist natürlich der Schnelltest, um herauszufinden, was ist die Quelle für die Infektion. Mediziner aus Hamburg hat hier zum Beispiel sehr schnell angemerkt, dass der Schnelltest für die Diagnose von Patienten wohl erst einmal, zumindest in dieser akuten Phase, nicht viel helfen wird, denn die meisten Patienten oder fast alle Patienten, die mit schweren Durchfällen in die Klinik kommen, haben eben diesen Stamm, das heißt, da erübrigt sich der Schnelltest. Der Schnelltest sucht ja nach vier typischen Genen des Erregers und man hat sozusagen so etwas wie ein Fahndungsfoto. Wenn man jetzt die Sequenz, also das Erbgut des Erregers genauer kennt, das haben Hamburger und chinesische Forscher gemacht, auf der einen Seite, aber auch die Münsteraner zusammen mit Darmstädter Forschern, und die sind im Moment dabei die Daten zu vergleichen. Wenn man jetzt die Genom-Daten hat, dann kann man ein genaueres Bild von dem Erreger bekommen. Was man heute schon sagen kann, ist, das ist eben ein seltener Stamm, O104:H4, das bestimmt zwei Eigenschaften auf der Oberfläche des Erregers. Und dieser Stamm hat noch zusätzliche Genen von einem anderen Erregertyp in sich einverleibt. Das ist aber an sich nichts Ungewöhnliches bei Bakterien. Man weiß bei Bakterien, dass sie sehr regen Genhandel betreiben, und man weiß auch, dass sie damit sehr unangenehme Eigenschaften gewinnen können, vor allem wenn es darum geht, wie empfindlich oder unempfindlich diese Bakterien gegen Antibiotika sind.

Blumenthal: Im Zusammenhang mit diesem Genomen ist immer wieder die Rede davon, innerhalb einer Woche sei eine Behandlung, ein neuer Schutz möglich. Wie berechtigt und wie richtig ist eine solche Aussage?

Winkelheide: Das ist sehr schwierig. Ich glaube, das ist auch sehr optimistisch gedacht. Man kann jetzt in zwei Richtungen denken. Wenn man den Erreger genau kennt, könnte man einen Impfstoff entwickeln, das wird aber sicherlich sehr viel länger dauern. Man kann auch denken an eine Antikörpertherapie, also eine, die gezielt gerichtet ist gegen die Gifte, die der Erreger produziert. Das ist dann, da hilft die Sequenz dann natürlich weiter, weil man dann genau das Gen kennt, das für die Produktion dieses Giftes, das Toxins, an verantwortlich ist. Man kann dann ein Antigen herstellen, kann das in Tiere spritzen, die Tiere werden nach einigen Tagen Abwehrmoleküle dagegen bilden, so genannte Antikörper. Diese Antikörper kann man dann ernten und dann wie ein Medikament spritzen. Und dann wäre die Hoffnung da, dass die Antikörper dafür sorgen, dass das Toxin außer Gefecht gesetzt wird und es damit nichts zu diesen unangenehmen Folgen kommt, dass die roten Blutzellen zerfallen und vor allen Dingen, dass es nicht zu neurologischen Effekten kommen.

Blumenthal: Ermöglicht die Entschlüsselung des Genoms jetzt irgendwelche Aussagen, gibt es Möglichkeiten zu sagen, wo die Quelle ist dieser Infektion? Ist diese Quelle noch offen? Und dritte Frage, was die Mensch zu Mensch Infektion anbetrifft?

Winkelheide: Also man hat sich ja gefragt, können das wirklich Lebensmittel sein, die für die Übertragung verantwortlich sind, oder spielt nicht inzwischen doch mehr eine Rolle, dass das Bakterium von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Im Moment sieht es so aus, dass es tatsächlich viele Einzelinfektionen sind. Das heißt, Hygienemaßnahmen helfen schon, sich zu schützen vor einer Infektion. Die Frage, was ist die Quelle, die wird mit zunehmender Zahl von Infizierten immer schwieriger zu beantworten. Die Quelle ist nach wie vor unbekannt und die Sequenzdaten, die genetischen Daten, die helfen auch nicht weiter die Quelle zu finden. Hier hilft wirklich nur, Proben zu nehmen, möglichst breit, sowohl von Gemüsen als auch von tierischen Produkten, als auch zum Beispiel von Trinkwasser.

Blumenthal: Und von Mensch zu Mensch? Kurze Antwort bitte!

Winkelheide: Es spielt nicht so die große Rolle, auch bei diesem Erreger nicht. Anders als bei anderen Durchfallerregern.