Montag, 26.10.2020
 
Seit 14:10 Uhr Deutschland heute
StartseiteKalenderblattSucher der kastilischen Seele02.03.2007

Sucher der kastilischen Seele

Vor 40 Jahren starb der spanische Dichter Azorín

Nirgends offenbart sich das spanische Wesen so sehr wie in seinem geografischen Kernland Kastilien. Eine Reihe von Dichtern schrieb Loblieder auf ein zeitloses, legendäres Spanien, das sie im Zentrum des Landes ausmachten. Namensschöpfer jener Gruppe und einer ihrer bedeutendsten Vertreter war der Dichter Azorín.

Von Kersten Knipp

Azorín gab der "Generation von 1898" ihren Namen. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Azorín gab der "Generation von 1898" ihren Namen. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Das Jahr 1898 nahmen die Spanier als politische Katastrophe wahr: Im Krieg mit den USA hatte das ehemalige Weltreich seine letzten lateinamerikanischen Kolonien verloren. Der Verlust offenbarte die politische Stagnation, die auch der ökonomischen Entwicklung des Landes seit Jahrzehnten im Weg stand und große Bevölkerungsteile in bedrückender Armut hielt. Zu dieser desolaten Situation wollte der 1873 geborene Jurist und Dichter Azorín, mit bürgerlichem Namen José Martínez Ruiz, eine geistige Gegenposition entwerfen. Zunächst dem Anarchismus nahe stehend, schrieb er an gegen das Elend seines Landes. So sehr wirkte der Schock des Kolonieverlusts nach, dass Azorín einem 1913 erschienenen Essay einen Titel gab, der als Bezeichnung für eine Reihe namhafter Schriftsteller seines Alters in die Literaturgeschichte einging: "Die Generation von 1898". Wollte diese Generation mit der vorhergehenden brechen? Azorín sah es nur bedingt so:

"Die Generation von 1898 hat die ideologischen Bewegungen der vorhergehenden Generation, ihre Leidenschaft, ihre Kritik, ihren Realitätssinn durchaus übernommen. Aber die intellektuelle Neugier auf das Ausland und der Zusammenbruch der spanischen Politik haben ihre Sensibilität entfacht und sie in eine Richtung gelenkt, die es vorher in Spanien nicht gab."

Doch diese neue Sensibilität blieb politisch wirkungslos. Sie verflüchtigte sich in dem Ansinnen, dem Land nicht mit Reformen, sondern mit einer neuen Ästhetik zu helfen. Eine Reihe Schriftsteller der Generation von 1898, Miguel de Unamuno etwa, Antonio Machado und Pio Baroja, stimmten in berühmt gewordenen Büchern ein Loblied auf das geografische und kulturelle Zentrum Spaniens an, suchten in ihren Texten das, was sie die "alma castellana", die "kastilische Seele" nannten. In dieser melancholisch anmutenden Landschaft, hoffte Azorín in seinem Buch "Castilia", "Kastilien", würde Spanien sich finden, Erlösung vom Druck der Geschichte erfahren.

"Kastilien. [...] Die grünen Felder erstrecken sich bis in die Ferne, um sich dann im Horizont zu verlieren. Eine Schwalbe singt [...] Minuten unvergleichlicher Gelassenheit, in denen sich die Geschichte mit der Natur vereint. In der Ferne erheben sich die Türme einer Kathedrale; eine Glocke läutet, dann wird es wieder still. Die Wegstrecke dehnt sich vor dem Auge bis ins Unendliche. Alles ist gleichförmig und flach. [...] Kastilien! Kastilien!"

So sehr er die Landschaft auch literarisch idealisierte, so sehr nahm Azorín zugleich die Stagnation des realen Landlebens wahr. In einem seiner bekanntesten Romane, dem 1902 erschienen "La Voluntad", "Der Wille", führte er jene literarische Figur ein, nach der er sich fortan selbst benannte: den jungen Dichter Antonio Azorín. In einem Brief beschrieb er seinen zutiefst pessimistischen Protagonisten als durchaus repräsentativ für die eigene Generation:

"Azorín ist geradezu ein Symbol. Seine Angst, seine Sehnsucht, seine Verzweiflung stehen für eine ganze Generation ohne Willen, Energie und Entschlossenheit. Azorín ist typisch für die spanische Jugend: Ein Schriftsteller von eigenständigem Urteil, heute versunken in einem Dorf in der Mancha."

Azorín selbst befreite sich aus der Provinz. 1924 wurde er in die Königliche spanische Akademie gewählt, die vornehmste kulturelle Institution des Landes. Vor dem Bürgerkrieg floh er nach Frankreich, anschließend kehrte er nach Franco-Spanien zurück, das er nicht sonderlich mochte, aber auch nicht übermäßig kritisierte. Bis zu seinem Tod am 2. März 1967 schrieb er noch zahlreiche Romane, deren oft allzu introvertierter Stil aber an die wache Beobachtungsgabe der früheren Werke nicht heranreicht. Die berichten auf um so eindrucksvollere Weise davon, wie Menschen reagieren, wenn sie in einer Krise stecken, eine Stagnation durchlaufen, die er durch seinen verhaltenen Erzählfluss auch stilistisch nachzubilden versuchte.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk