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StartseiteEine WeltAngetreten, um mehr Jobs zu schaffen12.05.2018

Südkoreas Präsident Moon Jae-inAngetreten, um mehr Jobs zu schaffen

In seiner einjährigen Präsidentschaft kann Moon Jae-in viele außenpolitische Erfolge vorweisen. Ein wichtiger Punkt auf seiner innenpolitischen Agenda ist, Jobs für junge Menschen zu schaffen. Die Umfragen sprechen für ihn - die Arbeitslosenzahlen allerdings bislang nicht.

Von Kathrin Erdmann

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An exam inspector (L) enters an exam room for the annual College Scholastic Ability Test, a standardised exam for college entrance, at a high school in Seoul on November 23, 2017. An annual hush descended upon South Korea on November 23 as hundreds of thousands of students sat the crucial collegue entrance exam, delayed for a week by a rare quake. / AFP PHOTO / JUNG Yeon-Je (AFP)
Lernen für die anschließende Arbeitslosigkeit? Viele junge Menschen in Südkorea finden keinen Job. Präsident Moon Jae-in ist mit dem Ziel angetreten, das zu ändern. (AFP)
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Vor dem Gipfeltreffen der beiden Koreas Hoffnung auf Entspannung

Das Jobcenter als Hörsaal – mitten in Südkoreas Hauptstadt Seoul sitzen an einem heißen, sonnigen Nachmittag knapp 100 junge Erwachsene auf treppenförmig angelegten Bänken. 

"Hier erklären Mitarbeiter vom der Arbeitsagentur den jungen Leuten, wie sie eine Stelle finden können, wie man eine Bewerbung schreibt, welche Anforderungen gestellt werden. So können die Arbeitssuchenden herausfinden, ob sie die nötigen Qualifikationen haben", sagt Ryu Biau-ri. Sie hat die dreistündige Veranstaltung organisiert.

Gerade hat der Mitarbeiter vom "letzten Tunnel auf dem Weg zum Erwachsenwerden" gesprochen – gemeint ist die eine Bewerbung, die zum Vollzeitjob führt.

Darauf hofft Min-Jong. Die 29-Jährige ist eigentlich Englischlehrerin. Seit vier Monaten ist sie arbeitslos, sucht jetzt eine Stelle im Bildungsbereich in der Verwaltung und braucht Hilfe: 

"Ich habe noch nie für ein privates Unternehmen gearbeitet und weiß gar nicht, wie man sich da bewerben muss. Deshalb bin ich hergekommen."

Arbeitslosigkeit bei knapp zwölf Prozent

Die berufliche Neuorientierung kommt nicht von ungefähr und wirft auch ein Schlaglicht auf andere Probleme Südkoreas:

"Es ist total schwierig, eine Stelle als Englischlehrerin zu finden, denn erstens gibt es bei uns immer weniger Kinder und zweitens hat Englisch auch an den weiterführenden Schulen an Bedeutung verloren. Wenn sich die Jugendlichen für die Unis bewerben, müssen sie wettbewerbsfähig sein – und da geht es eher um Mathe oder die koreanische Sprache."

Ob sie jetzt schnell fündig wird: Min-Jung ist skeptisch, denn in der Branche gebe es nur wenige freie Stellen. Die Arbeitslosenquote der 15- bis 29-Jährigen ist seit dem Amtsantritt des liberalen Moon sogar gestiegen und liegt jetzt bei knapp zwölf Prozent.

Das drücke auf die Stimmung der Jugend, stellt Ryu Biau-ri von der Arbeitsagentur fest:

"Die fehlenden Jobs führen dazu, dass die jungen Bewerber resignieren, wir versuchen sie wieder zu motivieren und ihnen zu sagen: Es ist nicht Deine Schuld, dass es so wenige freie Stellen gibt."

Arbeitslosengeld ausgeweitet

Das sagt sich auch die 24-Jährige Min-Jung. Sie ist seit einem halben Jahr arbeitslos, findet aber – wie 83 Prozent der Südkoreaner in einer aktuellen Umfrage auch – dass die Regierung im ersten Jahr gute Arbeit gemacht hat. Und das liegt nicht nur an dem aktuellen Programm im Jobcenter:

"Es gibt jetzt auch eine bessere finanzielle Unterstützung vom Staat."

Ein halbes Jahr lang bekommt sie umgerechnet 380 Euro pro Monat, früher gab es diese Hilfe nur einen Monat lang. Min-Jung ist pessimistisch, schnell einen Job zu finden:

"Ich habe ein bisschen Angst, denn ich habe vor zwei Jahren mein Studium beendet, und jetzt habe ich natürlich viel wieder vergessen."

Ein Jahr war sie danach in Australien, ein Jahr hat sie nichts gemacht.

Mutig in einem Land wie Korea, wo beruflicher Erfolg von der richtigen Schule, der richtigen Uni und damit vom Geld abhängt und Großkonzerne alles diktieren. Präsident Moon war angetreten, diese Verbindung von Politik und Wirtschaft aufzubrechen.

"Ich nenne Korea manchmal eine Kapitaldiktatur"

Aus Sicht von Kim Nury, Professor für Deutsche Literatur und Kulturwissenschaften an der Chung-Ang Universität in Seoul, muss noch mehr passieren:

"Ich nenne Korea manchmal eine Kapitaldiktatur. Moon Jae In will so einigermaßen reformieren, aber das ist unzulänglich."

So ist es ihm eben noch nicht gelungen, die große Schere zwischen Arm und Reich zu verringern. Mehr als die Hälfte der Geringverdiener gaben in einer Umfrage des koreanischen Gallup-Instituts sogar an, ihre wirtschaftliche Situation habe sich im vergangenen Jahr verschlechtert.

Kim Nury nennt als Beispiel auch die Hochschullandschaft:

"In Korea machen staatliche Universitäten nur 13 Prozent aus, 87 Prozent der Universitäten sind privat, Weltspitze, diese Privatisierung der Universitäten, weil die Politik ausschließlich in Richtung freie Marktwirtschaft geht."

Höherer Mindestlohn – für die, die einen Job haben

Aber das zu ändern, sagt auch Nury, geht eben nicht so schnell. Immerhin hat die Regierung den Mindestlohn im ersten Jahr angehoben – ein erster wichtiger Schritt für Korea, findet der Professor.

Im Jobcenter für junge Arbeitssuchende ist inzwischen der letzte Vortrag beendet – zum Abschluss gibt es nach dem Applaus noch Orangensaft und ein Sandwich für die Teilnehmenden.

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