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Startseite@mediasresWenn zwei sich streiten21.11.2017

Südkurier gegen Schwäbische ZeitungWenn zwei sich streiten

Vor 20 Jahren blies der "Südkurier" aus Konstanz mit einer neuen Lokalausgabe zum Angriff auf die Konkurrenz der "Schwäbischen Zeitung". Nun ziehen sich beide Zeitungen aus dem Stammland des jeweils anderen zurück. Kritiker befürchten, das könne der journalistischen Qualität schaden.

Von Thomas Wagner

Das Medienhaus des Südkurier in Konstanz am Bodensee. (dpa/ Patrick Seeger)
Das Verlagshaus des "Südkurier" in Konstanz. (dpa/ Patrick Seeger)
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Jürgen Lösselt, regionaler Fernsehreporter im SWR-Studio Friedrichshafen, schaut einen über 20 Jahre alten Beitrag an, den er seinerzeit gedreht hat. Der Anlass: Der Südkurier, die große regionale Tageszeitung mit Sitz im badischen Konstanz, brach mit einer eigenen Lokalausgabe Friedrichshafen in das angestammte Monopolgebiet der nicht minder großen Schwäbischen Zeitung ein.

"Kein Mensch wollte da dran glauben, vor allem, als da diese ganzen Zeitungsausträger zu sehen waren. Es soll sogar zu Tätlichkeiten im Morgengrauen gekommen sein. Wenn die Zeitungsausträger der Schwäbischen Zeitung ihr Blatt in den Kasten stecken wollten, dann war der Schlitz oft versperrt von kostenlosen Südkurier-Werbezeitungen. Das hat die Austräger der Schwäbischen wütend gemacht."

Drei neue Lokalausgaben als "Revanche"

Aber viele Bürgerinnen und Bürger waren begeistert: "Viele Zeitungsleser hatten damals die Faxen dicke: Man fühlte sich bevormundet und belehrt. Nur eine Zeitung und keine Alternative – das hat die Leute damals gestört. Deshalb haben sich viele gefreut, dass der Südkurier in Friedrichshafen die Schwäbische Zeitung angegriffen hat."

Die Schwäbische Zeitung wiederum eröffnete kurze Zeit später als eine Art "Revanche" drei neue Lokalausgaben im Stammgebiet des Südkuriers. Publizistischer Wettbewerb statt Monopol in weiten Teilen der Region Bodensee-Oberschwaben – das allerdings wird schon bald Geschichte sein. Zum Jahresende will der Südkurier nun seine eigenständige Lokalausgabe Friedrichshafen dichtmachen. Die Schwäbische Zeitung wiederum hat die Schließung ihrer drei Lokalredaktionen im Südkurier-Stammgebiet angekündigt. Publizistische Vielfalt – das war einmal.

"Journalistisch stimme ich dem zu. Natürlich sage ich auch als Chefredakteur: Für mich ist die Arbeit im Konkurrenzgebiet selbstverständlich attraktiver. Für die Redaktion ist es spannender: Was haben die anderen? Müssen wir was nachziehen? Sind wir vor den anderen?" So Hendrik Groth, Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung. Allerdings: "Lassen Sie mich das mal flapsig sagen: Wir sind nicht die Caritas. Wir müssen schon auch noch zusehen, dass wir das Geld, das wir ausgeben, verdienen können."

Publizistische Leistung zahlt sich nicht aus

Das aber ist die eigentliche – und aus Lesersicht – bittere Erkenntnis aus dem "Zeitungskrieg" im Bodenseeraum: So groß die Freude über den publizistischen Wettbewerb auch gewesen sein mag – in wirtschaftlichen Erfolg ließ sich das für die beteiligten Verlagshäuser nicht ummünzen. Die Gleichung 'Gute publizistische Leistung gleich Umsatz mit vielen Abos und Anzeigen' ist, so Hendrik Groth, nicht aufgegangen.

"Die stimmt nicht mehr, wenn man Zweitzeitung ist. Wir waren klar die Nummer Zwei hinter dem Südkurier. Und da ist ja denn ein ganzer Rattenschwanz von wirtschaftlichen Überlegungen hinten dran, inklusive Anzeigen, Vertrieb, Zustellung. Und wenn da ganz nüchtern gerechnet wird, war das ein Geschäft, wo wir draufgezahlt haben."

Ähnlich dürfte es auch dem Südkurier mit seiner Lokalausgabe Friedrichshafen ergangen sein. Eine Stellungnahme gegenüber dem Deutschlandfunk lehnte der Konstanzer Verlag allerdings ab. Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Schönbach sieht es so, dass die bevorstehende 'publizistische Flurbereinigung' durch neue regionale Online-Angebote begünstigt wurde. Schönbach hat früher am Bodensee geforscht und kennt die Situation vor Ort. Er beklagt, "die Gewöhnung daran, dass man Nachrichten heutzutage für die meisten Leute auch ausreichend kostenlos bekommt und dafür überhaupt keine Zeitung braucht. Selbst die lokalen Nachrichten – da gibt es dann einen lokalen Blogger oder das Rathaus zum Beispiel. Das sendet auch Informationen aus."

Weniger Konkurrenz, weniger Qualität

Klaus Schönbach sieht den Trend zum kostenlosen Medienangebot durchaus kritisch. Viele neue Online-Nachrichten seien zwar gratis, dafür suche man hier aber oft vergeblich nach gut recherchierten Geschichten. "Als Blogger können Sie jetzt kein großes Geld ausgeben, um an Informationen heranzukommen, Archive zu wälzen. Wer kann sich das leisten? Eine Tageszeitung hat das früher übernommen und auf diese Weise eine sehr wichtige kritische und analytische Funktion übernommen."

Hinzu kommt: Die Pressekonzentration wird im Bodenseeraum nicht ohne Konsequenzen bleiben. So sieht es jedenfalls Siegfried Heim vom baden-württembergischen Landesfachverband Medien der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: "Die Erfahrung ist – das sagen alle Kollegen, die in solchen Ein-Redaktions-Kreisen tätig sind – dass da sehr schnell ein indirekter Druck auf die Redaktionen ausgeübt wird, nicht mehr so intensiv zu recherchieren. Weil: Es gibt ja keinen Grund teure Recherchezeit zu verschwenden, wenn keine Konkurrenz mehr am Ort ist. Und das führt damit automatisch dazu, dass den Bürgermeistern, den Landräten, wichtigen Firmen nicht mehr so genau auf die Finger geschaut wird, wie in Kreisen, wo mehrere Zeitungen am Platz sind."

Anspruchsvolles digitales Angebot

Also weniger publizistische "Man-Power" im Ein-Zeitungs-Kreis, im publizistischen Monopolraum? Zumindest für die Schwäbische Zeitung weist Chefredakteur Hendrik Groth dieses Szenario zurück: Einerseits soll die Printausgabe Friedrichshafen genau dann aufgestockt werden, wenn die Konkurrenz durch den Südkurier wegfällt. Andererseits sollen die Ressourcen, die nach der Schließung der drei Lokalredaktionen frei werden, in das digitale Angebot der Regionalzeitung investiert werden. "Wir wollen im Digitalbereich auch die entscheidende Informationsquelle sein. Das heißt ich brauche viel mehr Man-Power, viel mehr Ressourcen, um ein anspruchsvolles digitales Produkt anzubieten. Oder auch ein anspruchsvolles digitales Angebot zu haben. Und da sind wir sehr, sehr ehrgeizig."

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