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StartseiteEuropa heute"Das kann man nicht wiedergutmachen"06.05.2020

Sühnearbeit in den Niederlanden"Das kann man nicht wiedergutmachen"

In einem ehemaligen Theater in Amsterdam wurden zur Zeit der deutschen Besatzung niederländische Jüdinnen und Juden eingesperrt und später deportiert. Die Bremerin Johanna Elfers leistet in der heutigen Gedenkstätte Freiwilligendienst. Die Begegnung mit Zeitzeugen beeindruckt sie besonders.

Von Kerstin Schweighöfer

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Johanna Elfers in der Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg in Amsterdam (Deutschlandradio/ Kerstin Schweighöfer)
Die 19 Jahre alte Bremerin Johanna Elfers ist für die „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ ein Jahr lang in Amsterdam (Deutschlandradio/ Kerstin Schweighöfer)
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Eine Wand voller Namen. Tausende sind es: Barend, Daniel. Levi, Katz, Kleef, Polak. Es sind die Familiennamen der 107.000 niederländischen Juden, die den Holocaust nicht überlebt haben, angeordnet in fünf Leisten. Unter jeder Namensleiste ein Fach, in das man Steine legen kann. Sie stehen in einer großen Schüssel auf dem Boden bereit. Denn mit Steinen gedenken die Juden traditionell ihrer Toten. 

Die Namenswand befindet sich in der Hollandsche Schouwburg, einem ehemaligen Theater im jüdischen Viertel von Amsterdam. 1941 hatten die Nazis daraus den Umschlagplatz Plantage Middenlaan gemacht. Von hier aus wurde ein großer Teil der niederländischen Juden in die Konzentrationslager nach Osteuropa deportiert, erklärt Johanna Elfers, eine junge Deutsche aus der Nähe von Bremen, die die Besucher dieser Gedenkstätte empfängt.

"Es ist immer ganz wichtig, dass Leute das auch verstehen. Dass das wirklich dieser Ort war, an dem das passiert ist, wo wirklich über 16 Monate 46.000 Menschen eingesperrt waren und dann deportiert wurden."

Die 19-Jährige ist für die "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" ein Jahr lang in Amsterdam. Sie habe sich schon immer für Geschichte interessiert, besonders für den Zweiten Weltkrieg. Um Schuld geht es ihr nicht, auch nicht um Wiedergutmachung: "Weil das kann man halt nicht wiedergutmachen. Ich gebe etwas Gutes, aber ich erwarte nichts zurück. Ich muss nichts wiedergutmachen, das geht einfach nicht."

Ältere Besucher aus Deutschland fühlen sich öfter unbehaglich

Während der Arbeit spricht sie die meiste Zeit Englisch oder Nederlands, das habe sie ganz schnell gelernt. Unbehaglich gefühlt habe sie sich als Deutsche an diesem Ort noch nie. Im Gegensatz zu älteren Besuchern aus Deutschland. Die würden sich anfangs nicht trauen, hier Deutsch zu sprechen. Auch ihre Eltern nicht: "Meine Mutter kam hier rein und hat auf einmal nicht mehr geredet. Oder ganz leise geredet. Und meinte auch zu mir: Bleibt mal ganz ruhig, wir müssen jetzt nicht unser Gespräch weiterführen."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe 75. Jahrestag der Befreiung - Die Niederlande und das Trauma der deutschen Besatzung.

Nur einmal habe ein Niederländer sie aufgefordert, kein Deutsch zu reden. Als sie das Geld in der Kasse zählte, ganz automatisch auf Deutsch. Aber das sei wirklich eine Ausnahme gewesen, betont Johanna auf dem Weg nach draußen in den Hinterhof, wo ein paar verwitterte Mauerreste in den Himmel ragen.

Hier befand sich damals der Theatersaal mit Bühne, Logen, Balkonen und Sitzreihen. Er bot 800 Theaterbesuchern Platz. Die Nazis entfernten die Stuhlreihen und legten den Boden mit Stroh aus. Auf diese Weise konnten sie fast doppelt so viele Menschen hier zusammentreiben: "Die meiste Zeit waren hier 1.200 bis 1.500 Menschen zur selben Zeit. Für mehrere Tage. Manche sogar mehrere Wochen. Es gab im ganzen Gebäude vier Toiletten für die Anzahl von Menschen."

Ursprünglich hätte die nur einen Steinwurf entfernte portugiesische Synagoge als Deportationszentrum genutzt werden sollen - das Herz des jüdischen Viertels. Doch die Synagoge hat riesige Fenster, die sich nur schwer abdunkeln lassen. Man hätte von draußen sehen können, was drinnen passiert, erklärt Johanna. Doch dann hätten sich die Nazis gesagt: "Moment mal, hier ist ja noch ein Theater. Und so ein Theater hat keine Fenster, weil es ist dunkel und relativ schalldicht. Das ist doch eigentlich der Ort für uns."

Auch Zeitzeugen kommen in die Gedenkstätte

Wie die Schouwburg früher aussah, ist oben im ersten Stock zu sehen, über dem einstigen Foyer. Dort wird die Deportation anhand von Fotos und Filmen dokumentiert. Und dort können auch die Interviews gehört werden, die US-Regisseur Steven Spielberg mit Überlebenden des Holocaust geführt hat; mehr als 200 sind es geworden, in 17 Sprachen. Auch deswegen kommen viele Besucher. So wie im letzten Herbst ein Ehepaar aus den USA, beide schon weit über 80:

"Die sind hier reingekommen und haben richtig erstaunt geguckt. Dann hab ich halt gefragt: Haben Sie eine Karte? Und er guckte mich an und sagte: ‚Ich war hier.….Ich war hier.‘ Dann habe ich gefragt: Also, waren Sie schon mal vorher hier? Und er meinte: ‚Nein, ich war hier als Kind.’ Und das hat mich ziemlich geflasht. Weil das war auch völlig aus dem Nichts, manchmal sieht man das an der Haltung, wie Leute reinkommen, dass sie damit eine persönliche Verbindung haben. Das erkennt man mit der Zeit auch einfach."

Dafür sorgen, dass die Erinnerung lebendig bleibt

Auf der Treppe begegnen wir einem Mann um die 60 aus Amsterdam. Er kommt gerade von der Wand mit den jüdischen Familiennamen. Sein Name stehe auch darauf. Seine Großeltern und deren Familie seien von hier aus in den Tod geschickt worden. Er komme regelmäßig und sei dankbar, dass er diesen Ort als Gedenkstätte aufsuchen kann. 

Und wie findet er es, dass heute junge Deutsche hier in der Schouwburg ehrenamtlich tätig sind? Ist das gut?

"Aber natürlich! Selbstverständlich! Diese Generation hat den Krieg doch nicht mitgemacht. Es wäre Unsinn, sie dafür verantwortlich zu machen. Es war schrecklich, das wissen wir alle. Jetzt geht es darum, gemeinsam dafür zu sorgen, dass die Erinnerung lebendig bleibt!"

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