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StartseiteSonntagsspaziergangSüßes Lebenselexier14.08.2011

Süßes Lebenselexier

Das Zuckerrohr von Barbados

Auf Barbados kultivierten die europäischen Kolonialherren eine neue Pflanze in großem Stil: Das Zuckerrohr, das der karibischen Insel zu Reichtum verholfen hat und bis heute untrennbar mit ihr verbunden ist – auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung nachlässt.

von Helmut Stapel und Nicole Schulze-Aissen

Sunbury House ist eine der wenigen Plantagen auf der Insel, die original erhalten ist und noch bewirtschaftet wird. (Helmut Stapel)
Sunbury House ist eine der wenigen Plantagen auf der Insel, die original erhalten ist und noch bewirtschaftet wird. (Helmut Stapel)
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Aus dem Palmenwald neben dem Taxi klingt ein Insektenkonzert, 30 Grad im Schatten, die Kleidung klebt am Körper - tropischer als auf Barbados könnte die Atmosphäre nicht sein. Auf dem Weg zu einer der letzten großen Plantagen, fährt Inselführer Neville Wiltshire an mannshohen Pflanzen auf den Feldern vorbei: Zuckerrohr:

"Vor gut 300 Jahren wurde zum ersten Mal Zuckerrohr auf der Insel angepflanzt. Der Grund war aber nicht die Produktion von Zucker, sondern von Rum. Dann kamen einige Einwanderer aus Brasilien und die erst zeigten den Farmern wie man Zucker aus Zuckerrohr herstellen kann."

Vieles, sagt er, hat sich inzwischen geändert. Die ursprüngliche Handarbeit auf den Feldern wird größtenteils von Maschinen erledigt. Doch obwohl alles schneller geht, ist die jährliche Menge des Barbados-Zuckerrohrs längst nicht mehr so groß wie in früheren Zeiten:

"In den 60er-Jahren haben wir noch rund 100.000 Tonnen Zucker jährlich hergestellt. Heutzutage produzieren wir nur noch rund 30.000 Tonnen jährlich und der Grund dafür ist, dass es inzwischen andere große Länder gibt, die ebenfalls Zucker herstellen – wie Venezuela oder Guayana und die verkaufen den Zucker zu einem wesentlich günstigeren Preis."

Während die Klimaanlage im Taxi auf Hochtouren läuft und fast für Gänsehaut sorgt, gleiten draußen im hellen Sonnenlicht kahle Rasenflächen vorbei, auf denen vereinzelt kleine Fertigbau-Häuser aus Holz stehen. Dort, wo noch vor einigen Jahren Zuckerrohr angebaut wurde, sagt Neville Wiltshire:

"Über die Jahre wurde immer mehr Ackerland in Baugebiet umgewandelt. Der Zuckeranbau hat sich für die Farmer nicht mehr gelohnt. Das ursprüngliche, traditionelle Landschaftsbild auf Barbados verändert sich dadurch. Es gibt wesentlich mehr Häuser und auch mehr Straßen. Die Landschaft hat sich extrem verändert."

Angebaut wird Zuckerrohr auf Barbados aber immer noch. Rund 270.000 Menschen leben auf der Insel. Viele Barbadians arbeiten zwar mittlerweile im Tourismus - gut ein Viertel verdient den Lebensunterhalt aber immer noch auf den Zuckerrohr-Feldern. Sunbury House ist eine der wenigen Plantagen auf der Insel, die original erhalten ist und noch bewirtschaftet wird. Als Neville Wiltshire auf den Hof fährt, fühlt man sich ins 17. Jahrhundert zurück versetzt. Ein großes Herrschaftshaus mit weißer Freitreppe und geschwungenem Geländer, davor glänzen schwarze Kanonen auf dem Rasen in der Sonne, auf der schattigen Veranda stehen Schaukelstühle und ein Tisch mit Gläsern darauf. Die Plantagenbesitzer wohnen längst komfortabler in Strandnähe. Das alte Haus aus dem Jahr 1660 wurde zum Zuckerrohr-Museum umfunktioniert. Führerin Sharleen Witwright erzählt stolz von der Vergangenheit und Gegenwart des Zuckerrohrs.

"Guten Morgen, meine Name ist Sharleen Witwright und ich führe Sie durch das Haus. Es wurde mit Steinen aus England und aus Korallengestein gebaut. Mit diesen dicken Mauern war das Haus dazu in der Lage, drei Hurricanes und zwei Feuer zu überstehen."

So dass Besucher im Sunbury House den gesamten Wohlstand der Zuckerrohr-Farmer vom wertvollen Kristall-Glas über das Tafelsilber und die Standuhr bis hin zu den Zimmern sehen können.

"Das hier ist das Gästezimmer. Wenn Händler kamen, um Zucker zu kaufen, dann übernachteten sie hier – in diesem Bett. Es ist alles original vom Waschtisch bis zu dieser Fliegenfalle aus Glas. Man tut etwas Süßes hinein, die Fliege fliegt hinein, ist gefangen und stirbt. Das ist um Längen besser als die heutigen Insektizide."

Sagt es und schließt das Fenster, an dem helle Vorhänge im leichten Wind wehen. Sunbury Plantation ist ein wahre Schatzkammer. Über knarrende Treppenstufen geht es vorbei an Gemälden und Marmorbüsten hinunter in den riesigen Keller. Hier stehen verschiedenste Kutschen und Arbeitsgeräte der Zuckerrohr-Ernte. Trotz der sichtbaren Vergangenheit – Sunbury Plantation ist noch längst nicht Geschichte, sagt Sharleen Witwright:

"Es ist immer noch eine Plantage, auf der gearbeitet wird. Wir haben gerade die Zuckerrohr-Ernte beendet. Für das Schneiden der Pflanzen benutzen wir Maschinen. Gesetzt wird Zuckerrohr aber immer noch per Hand. Man kann es nicht mit Maschinen pflanzen. Zuckerrohr ist eine wundervolle Agrarpflanze. Wenn es einmal gepflanzt ist, wächst es praktisch von selbst – und wenn es geschnitten wird, dann schießt es wieder in die Höhe. Man braucht es also nicht noch mal pflanzen. Allerdings verbrennen wir die Felder nach zwei oder drei Jahren, um den Boden zu düngen und neue Pflanzen zu setzen."

Ein Kreislauf, der auf den Barbados-Zuckerrohr-Feldern seit Jahrhunderten immer wieder von Neuem beginnt und jedes Jahr mit der Ernte endet. Und auch, wenn vieles von der Arbeit im Zuckerrohr längst von Maschinen erledigt wird – gefeiert wird das Ende der Zuckerrohr-Ernte immer noch groß. Sharleen Witwright:

"Barbados ist durch den Zucker groß geworden und die Sklaven mussten damals sehr hart arbeiten. Um das Ende der Ernte zu feiern, haben sie das Crop-Over-Festival erfunden. Unsere Mütter haben auf den Feldern gearbeitet, unsere Großmütter und die Plantagen gehören zu unserer Geschichte. Es ist in unserem Blut, es ist in unseren Wurzeln und deshalb genießen wird jedes Jahr das Crop-Over-Festival, um das Ende der harten Arbeit zu feiern."

Jeden Sommer feiern die Barbadians Cropover-Festival – ein Erntedankfest, das sich über mehrere Wochen hinzieht (Helmut Stapel)Jeden Sommer feiern die Barbadians Cropover-Festival – ein Erntedankfest, das sich über mehrere Wochen hinzieht (Helmut Stapel)Nämlich mit Open-Air-Konzerten, Kunst-Ausstellungen und der jährlichen Kadooment-Parade – einem bunten Karnevals-Zug, bei dem mehr als 40.000 Einheimische und Touristen in Kostümen singend durch die Straßen der Hauptstadt Bridgetwon ziehen.

"Das macht einfach Spaß, dass ist die Kultur und das Leben von Barbados, ich freue ich das Ganze Jahr auf das Crop-Over-Festival, hier ist dann mehr auf der Insel los als zu Weihnachten et cetera."

Und – wen wundert´s – passend zum Crop-Over-Festival trinken die Barbadians ein Getränk, das es ohne Zuckerrohr gar nicht geben würde: Mont Gay-Rum, der älteste Rum der Welt. Er wird seit1703 auf der Insel produziert und ist untrennbar mit Barbados und der Zuckerrohr-Ernte verbunden, sagt Mitarbeiterin Rear Holder:

"Das spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Herstellung von Mont Gay Rum, weil wir ein Nebenprodukt der Zuckerrohr-Pflanze nutzen. Ohne das würde es keinen Mont Gay Rum geben. Wir benutzen die Melasse, eine klebrige Masse, die entsteht, wenn der Zucker erhítzt wird."

Mehr als 10.000 Flaschen Rum werden täglich produziert und von Barbados aus in die ganze Welt verschickt. Die Zuckerrohr-Produktion allerdings sinkt weiter. Auf Barbados selbst gibt es nur noch eine große industrielle Zuckermühle und eine einzige erhaltene historische Zuckermühle. Junge Barbadians arbeiten lieber in der Tourismus-Branche als in der sengenden Sonne auf den Feldern und eigene Zuckerrohr-Felder hat Mont Gay nicht. Doch die Gefahr, dass es einmal kein Zuckerrohr, keine Mont Gay Rum und kein Crop-Over-Festival mehr auf Barbados gibt, sieht Rear Holder nicht:

"Da muss man sich keine Sorgen machen. Es wird nicht passieren, dass wir kein Zuckerrohr mehr auf Barbados anbauen. Crop-Over Festival ist Barbados und unsere Kultur. So lange wir das bewahren und uns daran erinnern, woher wir kommen, wird das niemals verschwinden. Wir werden dieses Festival immer haben. Das gibt es jetzt seit 300 Jahren und wir werden es auch die nächsten 300 Jahre haben."

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