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StartseiteCampus & KarriereKlimaschutz statt Karriere15.03.2019

Sunrise BewegungKlimaschutz statt Karriere

Die Sunrise-Bewegung besetzt Politikerbüros, fordert einen „Green New Deal“ und vergibt ein Stipendien für Klimagerechtigkeit. Mit derzeit 150 Untergruppen will sie nicht weniger, als Trumps Anti-Klimaschutzpolitik komplett umzukrempeln. Dafür stellen manche Studenten ihren Berufsstart hinten an.

Von Heike Wipperfürth

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New Yorker demonstrieren gegen Trumps Kabinett, zu dem auch Personen gehören, die bestreiten, dass es einen Klimawandel gibt. Eine Frau hält ein Schild in der Hand, auf dem steht: "Earth needs thinkers not deniers". Die Erde braucht Denker, keine Leugner.  (imago /  Erik McGregor)
Am 15. März organisieren junge Menschen in 59 Ländern Climate Youth Strikes. (imago / Erik McGregor)
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In einem Hörsaal der Columbia Universität in New York: 15 Mitstreiter proben Protestlieder für die heutige Kundgebung - und prägen sich die Leitlinien der Klimaschutzbewegung Sunrise Movement ein. "Wir schließen uns zusammen, um die Klimaveränderung zur obersten Priorität in den USA zu machen" zum Beispiel. Oder: "Die Welt verändern ist ein Vorgang, der uns erfüllt und fröhlich macht." Und Naomi Hollard spricht eine oft gehörte Forderung aus:

"Unsere Politiker müssen endlich Klimaschutzmaßnahmen ergreifen."

Sit-In bei Nancy Pelosi

Die 21-jährige Studierende der Neuro-Wissenschaft hat die Columbia Sunrise Bewegung im Januar gegründet – eine von mehr als 150 Untergruppen der Bewegung. Sie war vor anderthalb Jahren von Studienabgängern mehrerer Universitäten gegründet worden.

Ihr Ziel? Das Anti-Klimaschutzprogramm der Trump Regierung völlig umzukrempeln. Große Aufmerksamkeit erregte im vergangenen November ein Sit-In der Sunrise Bewegung in dem Büro der mächtigsten Politikerin in den USA, Nancy Pelosi.
 
"Nachdem das Video von dem Sit-In auf Youtube hochgeladen und in den Medien gezeigt wurde, wurden viel mehr Leute aktiv. Vorher war in unserem Land nicht viel los. Aber nach dem Video sagen die Leute: Mein Gott, es wird ja etwas unternommen – da müssen wir unbedingt mitmachen".

Etwa 200 junge Mitstreiter der Sunrise Bewegung und Alexandria Ocasio-Cortez, die 29-jährige Starpolitikerin der demokratischen Partei, hatten sich in Pelosis Büro versammelt und wollten, dass die demokratische Sprecherin des US Repräsentantenhauses ihre Resolution unterstützt. Darin fordern sie, dass die gesamte US Wirtschaft auf den Schutz des Klimas ausgerichtet wird – und alle Amerikaner im Zuge der ökologischen Wende der Industrie eine Arbeitsplatzgarantie, eine Krankenversicherung und eine Wohnung bekommen: Das ist der so genannte Green New Deal. 

Forderung nach "New Green Deal"

Das ist eine Referenz an den New Deal, der in den 1930er-Jahren dabei half, die nach der Grossen Depression brachliegende US-Wirtschaft mit Sozialprogrammen wieder flott zu machen, erklärt Varshini Prakash, eine der zwölf Gründer der Sunrise-Bewegung – und ihre Sprecherin. Kritik konservativer Politiker, ein Green New Deal sei Träumerei und sozialistischer Populismus, stört die 26-jährige nicht. Im Gegenteil.

"Bei uns steht neben dem Klimaschutz die Suche nach ökonomischer Gerechtigkeit an oberster Stelle. Da machen wir keine Zugeständnisse. Das gilt auch für arme Gegenden, die jetzt schon unter der sich erwärmenden Welt leiden. Wir müssen sie mit massiven Finanzierungsspritzen unterstützen."
 
Varshini Prakash bestreitet nicht, dass planwirtschaftliche Eingriffe des Staates notwendig seien, um eine klimaneutrale Stromerzeugung schon innerhalb der nächsten zehn Jahre zu erreichen. Zustimmendes Kopfnicken von Daniel Aldana Cohen, Soziologieprofessor an der Universität von Pennsylvania – und Experte für Klimapolitik und soziale Bewegungen. Aber er warnt: 

"Es kommt zu großen Veränderungen, wenn Millionen von Menschen auf die Straße gehen und es unmöglich machen, dass das normale Leben so weiter geht wie vorher. Aber Sunrise ist eine viel kleinere Bewegung. Sie will die enge Beziehung zwischen der fossilen Brennstoffbranche und der Politik, zumindest ihre finanzielle Unterstützung vieler demokratischer Politiker beenden. Sie wird sehr erfolgreich sein. Aber eine Klimabewegung, die das Land verändern will, muss viel weitreichender und umfassender sein."

Stipendien für Klimaschutz

Vor einem Jahr hat die Sunrise-Bewegung ein Stipendienprogramm aufgelegt. Damit fördert sie die Ausbildung junger Menschen in den Bereichen Klimaschutz und Umweltgerechtigkeit. Auch die Columbia-Sunrise-Movement-Gründerin Naomi Hollard will nach ihrem Uniabschluss im Mai ihr Stipendium wahrnehmen. Die Welt vor einer Klimakatastrophe zu retten, ist ihr wichtiger als eine Karriere als Neuro-Wissenschaftlerin, sagt sie.

"Dies ist ein historischer Augenblick in der Geschichte der Menschheit. Es heisst, jetzt oder nie. Soll meine Karriere der Mitarbeit an solch einem historischen Projekt im Wege stehen?"

Die Sunrise Bewegung will in diesem Jahr 100 Bürgerversammlungen abhalten, um den Green New Deal voranzubringen. Was das Engagement letztlich bewirkt, ob sich die Wirtschaft verändert und neue Gesetze zum Klimaschutz verabschiedet werden, ist ungewiss. Vermutlich müssen Amerikas Wähler am 3. November 2020 erst einmal Donald Trump abwählen – und einen demokratischen Präsident oder eine Präsidentin und einen demokratischen Senat nach Washington schicken.

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