Montag, 27. März 2023

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Supergroup A Perfect Circle
Weinbau und absurder Promikult

Nach 14 Jahren ist die Supergruppe des Alternative Rock zurück: A Perfect Circle. Die Formation aus Mitgliedern der Smashing Pumpkins, Queens of the Stone Age und von Tool veröffentlicht mit dem Album "Eat the Elephant" überraschenderweise kein wütendes Anti-Trump-Statement, sondern ein Medium zur Realitätsflucht.

Von Marcel Anders | 06.05.2018

    Fünf Männer stehen vor einer weißen Wand und schauen in die Kamera
    Nach 14 Jahren Pause wieder gemeinsam aktiv: A Perfect Circle (Tim Cadiente)
    Musik: "Eat The Elephant"
    Billy Howerdel: "Ich wusste immer, dass es ein weiteres Album geben wird - nur nicht, wann. 2004 haben Maynard und ich uns entschlossen, erst einmal unseren Solo-Projekten nachzugehen. Bis 2013/2014 wieder Bewegung in die Sache kam. Aber vom Timing her ließ es sich erst jetzt umsetzen, weil Alben wie diese Monate, wenn nicht Jahre im Voraus geplant werden müssen."
    Für "Eat The Elephant", das vierte Album von A Perfect Circle, hat Billy Howerdel sogar geschlagene zehn Jahre gebraucht. Einfach, weil der ehemalige Roadie von Nine Inch Nails und David Bowie ein echter Perfektionist ist. Und weil er etwas Anderes, Neues wollte: Keinen Alternative-Rock wie Anfang der 2000er, keine infernalen Gitarren-Salven, sondern etwas Ruhiges, Komplexes, Erwachsenes. Das Ergebnis: Eine ebenso eigenwillige wie spannende Mischung aus TripHop, Orchester-Klängen und Prog-Rock. Massive Attack trifft The Verve trifft frühe Genesis.
    Howerdel: "Der Unterschied zu früher ist, dass diese Songs am Keyboard entstanden sind, statt an der Gitarre. Ich habe mit der linken Hand Bass gespielt und mit der rechten die Melodien. Die Gitarre einfach mal zur Seite zu legen und auf andere Weise zu komponieren, war eine wichtige Sache, um mit alten Gewohnheiten zu brechen."
    Musik: "Talk Talk"
    Aufwändiges Klangpuzzle
    Howerdel gibt sich bescheiden. Dabei schreibt der große, schlaksige, kahlköpfige Endvierziger die gesamte Musik von A Perfect Circle im Alleingang. Auch die Produktion übernimmt er selbst - ein aufwändiges Klangpuzzle, mit dem er und seine Mitstreiter eine regelrechte Mission verfolgen. Nämlich die Rettung der Rockmusik. Die stehe vor dem Exitus, weil ihr elementare Qualitäten abhandengekommen seien.
    Howerdel: "Aus irgendeinem Grund ist es immer gefährliche oder zumindest unvorhersehbare Musik, die etwas verändert. Doch genau die gibt es nicht mehr. Der heutige Rock ist extrem berechenbar. Und ich hoffe, da sind wir die Ausnahme - also diejenigen, die etwas lostreten. Ich erinnere mich noch genau, wie ich Maynard Anfang der 90er das erste Mal auf der Bühne erlebt habe - und nicht wusste, wie ich damit umgehen soll. Er trug ein lachsfarbenes Wrestling-Outfit, starrte die Leute regelrecht an und war ein echter Charakter. Er ist da volles Risiko gegangen - was immer weniger Musiker tun. Sie sind nicht mehr bereit, ein bisschen aus der Rolle zu fallen und Persönlichkeit zu zeigen."
    Musik: "By And Down The River"
    Persönlichkeit, Charisma und Geltungsdrang - davon hat Sänger Maynard James Keenan mehr als genug. Der kauzige, kleine Kalifornier ist hauptberuflich Frontmann der Kultband Tool und bei A Perfect Circle zuständig für die Texte und das Artwork. Doch sich und seine Kunst erörtert er nur ungern. Schon gar nicht das merkwürdige Album-Cover mit einem Alien und einem blauen Oktopus. Oder den seltsamen Titel "Eat The Elephant" - Iss den Elefanten. Eine Metapher für den Umgang mit dem Schwerverdaulichen - mit The Donald, dem Hass, dem modernen Amerika.
    Howerdel: "Damit können eine Million Sachen gemeint sein. Und vielleicht ist es nicht das, was so offensichtlich wirkt. Vielleicht handelt es sich ja um reine Ablenkung. Um eine Art roten Hering. Denn da ist definitiv viel Humor im Spiel. Und der muss auch sein, um für einen Kontrast zu sorgen - für Licht und Schatten. Es ist beides vorhanden, genau wie eine deftige Portion Sarkasmus."
    Musik: "Delicious"
    Das Vakuum nach Muhammad Ali und Prince
    Nicht erklären muss Maynard dagegen Inhalt und Anliegen der zwölf Songs. Da geht es um den Zeitgeist und unsere politische Kultur. Mit klaren Worten gegen Dekadenz, Dummheit und Lethargie. Seitenhieben auf die Generation "Soziale Medien", Zitaten aus "Per Anhalter durch die Galaxis" und einer tiefen Verbeugung vor verstorbenen Ikonen der Popkultur - wie Muhammad Ali, Carrie Fisher oder Prince. Die hinterlassen, so sagt Maynard, ein riesiges Vakuum, das er weder stopfen kann noch will. Aber er serviert eine anspruchsvolle musikalische Realitätsflucht. Eine Welt aus Harmonie und Wärme, in der sich für die Dauer von 57 Minuten eintauchen, abschalten und durchatmen lässt.
    Howerdel: "Das hängt vom Hörer ab. Möchte er flüchten, dann ist dieses Album ein gutes Vehikel für ihn. Mag er Puzzle oder taucht gerne in etwas Tieferes ein, dann ist er hier ebenfalls richtig. Es ist also rein subjektiv. Aber natürlich ist jedes Album, an dem ich beteiligt bin, auch eine Reaktion auf die Zeit, in der wir leben."
    Musik: "Disillusioned"
    Maynard selbst hat sein ureigenes Mittel gegen die schnelllebige Welt, den absurden Promikult und den Wahnsinn des Rockstar-Lebens gefunden: Den Weinbau. Seit einer Dekade bewirtschaftet er ein Gut in Jerome, Arizona - mit beachtlichem Erfolg: Seine drei Weine wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Weshalb das Hobby längst zum heimlichen Hauptberuf geworden ist, der ihn erdet, inspiriert und eine Möglichkeit zum familiären Rückzug bietet.
    Howerdel: "Ich musste einfach raus aus Los Angeles. Denn die Stadt ist so laut – und ich habe Platz gebraucht. Schließlich bin ich zwischen Obstgärten aufgewachsen, von daher erschien mir das als ganz natürliche Sache. Eben zu pflanzen und zu ernten. Sich Zeit zu nehmen und wieder einen Sinn für Geduld zu entwickeln. Eine Menge Musiker verlieren sich in ihrem Job, aber in den Weinbergen kann das nicht passieren - da sind alle viel zu beschäftigt mit ihrer Arbeit."