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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Superkapitalismus25.02.2008

Superkapitalismus

Robert Reich sieht den "Wettbewerbskapitalismus" in einer Legitimationskrise

Robert Reich ist Wirtschaftswissenschaftler und eine politische Figur in den USA. Unter Bill Clinton war er vier Jahre Arbeitsminister. Er tritt nun literarisch gegen eine Wirtschaftslehre an, die mit Milton Friedman behauptet, der sogenannte Wettbewerbs-Kapitalismus sorge auch für politische Freiheit. Seine Organisationsform trenne die politische von der wirtschaftlichen Macht, die sich nun neutralisieren würden. Seit Jahren wird diese Ideologie landauf landab gepredigt und von Medien-Akteuren häufig nachgebetet. Seitdem allerdings Hedgefonds und Finanzjongleure ganze Volkswirtschaften ruinieren, seit auch in reichen Ländern Arbeitslosen die Wurstscheiben einzeln aufs Brot gezählt werden, während sich eine sogenannte Elite von Leistungsträgern von gesellschaftlicher Verantwortung offensichtlich verabschiedet hat, gerät dieser "Wettbewerbskapitalismus" in eine Legitimationskrise. Der Superkapitalismus untergräbt unsere Demokratie, lautet denn auch die These von Robert Reich. Was es mit seiner Kapitalismuskritik auf sich hat, hat Barbara Eisenmann für uns erkundet:

Von Barbara Eisenmann

Superkapitalismus erzeugt auch  in reichen Ländern Arbeitslosigkeit. (AP)
Superkapitalismus erzeugt auch in reichen Ländern Arbeitslosigkeit. (AP)

Ein roter Buchumschlag und drauf in großen Lettern das Wort "Superkapitalismus". Ein wenig kleiner drunter: "Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt". Man erwartet jetzt also Kapitalismuskritik, und zwar von keinem geringeren als dem ehemaligen Arbeitsminister in Bill Clintons erstem Kabinett. Robert Reich unterrichtet heute als Professor für "Public Policy" an der Universität von Kalifornien in Berkeley und auf seiner Webseite liest sich die eigene Vita wie die eines linken Sozialreformers. Aber man wird nicht fündig auf den folgenden gut 300 Seiten, so viel vorab.

Der Autor hat ein Buch geschrieben zur Lage der Dinge im beschleunigten globalen Kapitalismus der Gegenwart und wie es dazu gekommen ist. Eine Geschichte, die freilich nicht zum ersten Mal erzählt wird, dennoch widmet er ihr weite Teile seines Buchs, so als ob seine Version überraschende Erkenntnisse berge. Die Jahrzehnte von 1945 bis etwa 1975, als die Dinge noch schön geordnet waren und ein "Gleichgewicht zwischen Demokratie und Kapitalismus" herrschte, nennt Reich das "beinahe goldene Zeitalter" oder eben den "demokratischen Kapitalismus". Demokratie, einer der zentralen Begriffe seiner Argumentation, erfährt am Anfang eine kurze pragmatische Minimaldefinition.

Demokratie, so wie ich sie verstehe, ist ein System, das Dinge ermöglicht, wie sie nur die Gemeinschaft leisten kann: Spielregeln zu schaffen, die auf das Gemeinwohl abzielen.

Vergleichbar begriffsarm und schablonenhaft ist das ganze Buch. Über die aggressive Demokratie-Rhetorik der amerikanischen Politik, zumal der vergangenen Jahre, verliert er kein Wort. Dass man einen Begriff wie Demokratie erst einmal bestimmen muss, um zu verstehen, wie er hier gebraucht wird, ficht Reich nicht an. Über weite Seiten wird in der Vergangenheit geblättert, im Zeitalter des demokratischen Kapitalismus also, in dem ein austariertes System aus Big Business, Big Labour, Big Government dafür gesorgt habe, dass der Wohlstand gleichmäßig verteilt wurde. Effizient und innovativ war dieses hochgradig regulierte und protektionistische Wirtschaftsmodell allerdings nicht, schreibt Reich, der nicht ohne einen gewissen Stolz von sich behauptet, einer der "wirtschaftsfreundlichsten" Regierungen "in der gesamten Geschichte der USA" angehört zu haben. Seiner Faszination für die Innovationspotentiale einer ungeregelten Wirtschaft verleiht er allenthalben Ausdruck.

Mitte der 70er Jahre habe dann der Wandel begonnen. Der Anstoß dazu sei von der zivilen Nutzung von Technologien ausgegangen, die während des Kalten Krieges vom Verteidigungsministerium - staatlich gefördert also - entwickelt worden waren. Mit Container, Satellit, Computer und Internet seien neue Verkehrs- und Kommunikationsformen entstanden, die einen weltweiten Wettbewerb eröffnet hätten. Die Stunde des Superkapitalismus hat geschlagen. Gleichsam wie eine Naturgewalt ist er in Form eines technologischen Determinismus in Reichs Geschichte hereingebrochen. Vorbei die Zeit komfortabler Verhältnisse für alle, in denen der freie Markt nicht mehr als ein ideologisches Lippenbekenntnis war. Jetzt regiert die unsichtbare Hand, entfesselte Märkte, kreative Zerstörungsprozesse, Innovationsschübe und beispielloser neuer Reichtum. Dass die freien Märkte so dereguliert allerdings gar nicht sind, die US-Notenbank pumpt seit Jahren Geld ins Finanzsystem, taucht in Reichs Lesart nicht auf. Die Kehrseite dieser neuen Phase des Kapitalismus blendet er nicht aus und beschreibt mit viel Dramatik und unter Aufbietung allerhand statistischen Materials, dass der immense Reichtum, den diese neue Produktivität generiert, sich nunmehr ganz oben in den Händen weniger konzentriere.

Doch die Schuld haben nicht die Superreichen. Es ist der Markt, der diese überirdischen Einkünfte schafft. Und dieser Markt wird von uns, den Verbrauchern und Anlegern angetrieben.

In einer seltsamen gedanklichen Bewegung wird der Markt hier einerseits zu einer unpersönlichen, nicht zu beeinflussenden Kraft, man kennt das aus der neoliberalen Theorie, andererseits macht der Autor dahinter eine gleichsam persönliche Kraft aus, die Figur des Anlegers-Verbrauchers nämlich. Und hier kommt nun seine im Lauf des Buches bis zum Überdruss ausbuchstabierte Dilemma-Formel ins Spiel. Zwei Herzen schlügen in "unserer" Brust, so formuliert er es. Das des Verbrauchers und Anlegers einerseits, der vom Superkapitalismus eben durchaus profitiere, das des Bürgers andererseits, der sich politisch zunehmend machtlos fühle. "Wir", das sind offenbar die Bewohner der westlichen Welt. Von der Mehrheit der anderen in der zweiten und dritten Welt ist nicht die Rede. Und von den vielen, die auch in der ersten Welt nicht zu den Nutznießern von Globalisierung und technischem Wandel gehören, ebenfalls nicht.

Wir sollten die Spielregeln vorgeben, und zwar solche, die unsere Werte als Bürger genauso widerspiegeln wie unsere Werte als Verbraucher und Anleger. Wir haben unsere Zukunft zu einem großen Teil selbst in der Hand. Wir müssen den Superkapitalismus daran hindern, auf die Demokratie überzugreifen.

Fast scheint es also so, als ob es in Reichs deterministischer Welt, in der der Superkapitalismus zwar wie eine historische Notwendigkeit daherkommt, doch noch ein kollektives, allerdings in sich gespaltenes Subjekt gäbe, nämlich die durch Discounter als Kaufkraft gebündelten Verbraucher und durch Fonds gebündelten Anleger, die eine nicht zu unterschätzende Rolle als das Wirtschaftssystem antreibende Kraft spielten. Um diese Anleger-Verbraucher auch politisch ernst zu nehmen, müsste allerdings erst der in ihnen korrumpierte Bürgeranteil remobilisiert und organisatorisch gebündelt werden. Aber da beißt sich die Katze in den Schwanz. Zumal diese Bürger keine Vorstellung mehr vom Gemeinwohl hätten und es auch keine Institutionen mehr gäbe, die ihre Interessen formulieren und bündeln könnten. Die nämlich seien vom Superkapitalismus rücksichtslos hinweggefegt worden, ein System, das offenbar einer unkontrollierbaren Eigendynamik unterliegt.

Und genau da liegt der springende Punkt. Niemand kann zur Verantwortung gezogen werden. Die üblichen Verdächtigen scheiden bei Reich aus. Weder die Unternehmen, deren Aufgabe einzig und allein die Profitsteigerung zu Gunsten von Anlegern und Verbrauchern sei, noch die Lobbyisten, die legislative Entscheidungen zu Gunsten ihrer Auftraggeber zu beeinflussen hätten. Auch die Politiker nicht, die auf Wahlkampfspenden mehr denn je angewiesen seien. Sie alle seien selber nur Spielbälle in einem zunehmend schärfer werdenden Wettbewerbssystem verselbstständigter Märkte. Mit halbherzigen Appellen an einen zwischen materiellen Zugewinnen und sozialen Ängsten hin und gerissenen Bürger wird man diesem einwandimmunen System nicht beikommen. Das weiß der Autor selber, der seinem Bürger zwar einerseits die ganze historische Verantwortung einer Domestizierung des Superkapitalismus auf die Schultern legt, ihm andererseits aber wenig zutraut.

Wir haben einen Faustischen Pakt geschlossen. Die heutige Wirtschaft kann uns großartige Schnäppchen anbieten, weil sie uns an anderer Stelle abkassiert. Wir können den großen Konzernen die Schuld in die Schuhe schieben, doch wir haben diesen Pakt vor allem mit uns selbst geschlossen.

Am Ende ist dieses Bürger-Wir ohnehin bloß Rhetorik, wie so vieles in diesem Buch. Und so sind Reichs Veränderungsvorschläge auch mehr als bescheiden und kaum ausgearbeitet zu nennen. Würde man den Autor in seiner simplen Argumentation allerdings beim Wort nehmen, dann kann Veränderung eigentlich nur mehr außerhalb des kapitalistischen Systems gedacht werden.

Barbara Eisenmann besprach: Robert Reich: Superkapitalismus. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt, übersetzt von Jürgen Neubauer und erschienen ebenfalls bei Campus. 328 Seiten hat das Buch für 24,90 Euro.

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