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StartseiteKoran erklärt Ist der Koran tatsächlich unverfälscht?22.01.2016

Sure 100 Verse 1-5Ist der Koran tatsächlich unverfälscht?

Der Koran gilt Muslimen als authentisches, unverfälschtes Wort Gottes. In Teilen ist er schwer zu verstehen. Man darf ihn interpretieren, aber nicht ein einziger Buchstabe darf verändert werden. Dennoch gibt es Indizien, dass genau das geschehen ist.

Von Dr. Munther A. Younes, Cornell University, Ithaca, New York, USA

"1. Bei denen, die keuchend laufen
wa l-'ādiyāti ḍabḥā

2. (mit ihren Hufen) Funken stieben lassen
fa l-mūriyāti qadḥā

3. und am (frühen) Morgen einen Überfall machen,
fa l-muġīrāti ṣubḥā

4. dabei Staub aufwirbeln
fa 'aṯarna bihi naq'ā

5. und sich (plötzlich) mitten in einem Haufen (von Feinden) befinden!
fa wasaṭna bihi ǰam'ā."

Zu den Teilen des Korans, die muslimische Koranausleger wie moderne Wissenschaftler gleichsam herausgefordert haben, gehören die Eingangsverse einiger früh-mekkanischer Suren wie Sure 37, 51, 77, 79 oder eben Sure 100, deren erste fünf Verse wir gerade gehört haben. Diese Verse bilden ihrer Form nach eine Schwurserie.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Das erste Wort in all diesen Suren ist im Arabischen ein Partizip aktiv mit der weiblichen Pluralendung "ât": (al-ṣāffāt, al-dhāriyāt, al-mursalāt, al-nāzi'āt, al-'ādiyāt). Die muslimischen Koranausleger räumen ein, dass es schwer festzustellen ist, worauf sich diese Partizipien genau beziehen. Sie spekulieren über Pferde, Kamele, Engel, Sterne, den Wind, den Tod, die Seele, Bögen oder Schiffe.

Munther A. Younes (priv.)Dr. Munther A. Younes lehrt an der renommierten Cornell University im US-Bundesstaat New York. (priv.)Zur Unklarheit der Bedeutung und zu den Schwierigkeiten mit den Partizipien kommen mehrere grammatikalische Unregelmäßigkeiten. Dazu zählt, dass das Substantiv in Vers eins im Akkusativ steht (ḍabḥā), und dass das in den Versen vier und fünf aufgeführte Pronomen (bihi) gar kein Bezugswort hat.

Bei den frühesten Textzeugnissen des Korans in arabischer Sprache fehlen die für die arabische Schrift charakteristischen Punkte. Die Punkte über oder unter den Linien unterscheiden bestimmte Buchstaben. Das Fehlen führt dazu, dass manche Buchstabenpaare oder Buchstabengruppen komplett gleich aussehen, obwohl sie jeweils einen anderen Laut markieren.

Somit lassen sich viele Worte auf mehr als eine Weise lesen - je nachdem, wie man die Punkte setzt. Der muslimische Gelehrte Ibn Mudschâhid, der im Jahr 936 starb, hat diese Lesarten in seinem berühmten Buch "Die sieben Lesungen" niedergeschrieben.

Es gibt gute Argumente dafür, dass der dritte Vers: "und am frühen Morgen einen Überfall machen" erst später dem Originaltext beigefügt wurde. Dazu aber gleich mehr.

Wenn man bei den vier verbleibenden Koranversen die Punkte anders setzt, ergibt sich ein klarerer, kohärenterer und linguistisch fehlerfreier Text. Er lautet:

1. Bei denen, die früh am Morgen hinausgehen
wa l-ġādiyāti ṣubḥā

2. und ein Feuer anzünden,
fa l-mūriyāti qadḥā

3. mit dem sie Gutes tun wollen,
fa 'āṯarna bihi naf'ā

4. mit dem sie Scharen von Menschen begünstigen wollen.
fa wasaṭna bihi ǰam'ā.

Die neue Bedeutung der Verse beschreibt Frauen, die einen religiösen Dienst vollführen.

In diesem rekonstruierten Text sind die grammatikalischen Probleme gelöst. Der Akkusativ in Vers 1 entspricht nun den üblichen Regeln und das Bezugswort der Pronomen (bihi) in den letzten beiden Versen ist das "Feuer". 

Kommen wir jetzt noch einmal zurück zum dritten Vers: "und am frühen Morgen einen Überfall machen". Drei Argumente sprechen dafür, dass er ursprünglich nicht zum Korantext gehörte.

1. Das arabische Wort für "die, die einen Überfall machen" ist ein so genanntes Hapaxlegomenon im Koran - also ein sprachlicher Ausdruck, der nur ein einziges Mal im Text vorkommt. Es gibt im ganzen Korantext auch weder ein Verb noch ein Substantiv, das von diesem arabischen Wort abgeleitet ist.

2. Das Wort ist auch das einzige in der Sure, das irgendetwas mit Kriegssituationen oder mit Kampf zu tun hat. Die anderen Worte, die die Koranausleger in ihren traditionellen Auslegungen mit "kämpfen" in Verbindung bringen, haben in ihrer Grundbedeutung nichts damit zu tun: Sie bedeuten "diejenigen, die laufen" ('ādiyāt) oder "Mitte, in die Mitte gehen, begünstigen" (wasaṭ) oder "Haufen, Menschenmenge" (ǰam').

3. In der traditionellen Interpretation baut der Vers nicht logisch auf den zwei vorherigen Versen auf: erst geht es um keuchende Pferde oder Kamele, dann um Funken schlagende Hufe und dann um einen Überfall am Morgen. Wenn dies die beabsichtigte Bedeutung gewesen wäre, würde es mehr Sinn ergeben, wenn erst die Pferde einen Überfall am Morgen gemacht und ihre Hufe dann Funken geschlagen oder die Tiere dann wegen des Rennens gekeucht hätten.

 

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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