Donnerstag, 06.08.2020
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKoran erklärt "Eure Frauen sind euch ein Acker"24.03.2017

Sure 2 Vers 223"Eure Frauen sind euch ein Acker"

Sexualität und die Stellung der Frau im Islam gehören sicherlich zu den großen Reizthemen gegenwärtiger gesellschaftlicher Diskussionen. Und einer der wohl kontroversesten Aussagen dazu im Koran ist der Vers: "Eure Frauen sind euch ein Acker; geht zu eurem Acker, wie ihr wollt."

Von Dr. Maria Massi Dakake, George Mason University, Fairfax, Virginia, USA

"Eure Frauen sind euch ein Acker; geht zu eurem Acker, wie ihr wollt. Doch schickt für eure Seelen etwas voraus und fürchtet Gott."

Dieser Koranvers gehört zu den Regelungen für ein angemessenes körperliches und spirituelles Betragen im Zusammenhang mit intimen Kontakten. Er betrifft die ehelichen Rahmenbedingungen und folgt auf einen Vers, der den Beischlaf mit Frauen während der Menstruation verbietet.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Der Überlieferung zufolge wurde der Vers offenbart, um die Behauptung eines jüdischen Mannes in Medina zurückzuweisen. Dieser hatte darauf gepocht, dass Kinder, die aus einer unorthodoxen Vereinigung von Mann und Frau entstehen, schielend geboren würden.

Maria Dakake (priv. )Maria M. Dakake lehrt als Associate Professor. (priv. )Die Anfangsaussage: "Eure Frauen sind euch ein Acker", scheint Frauen mit Besitztum zu vergleichen, geschätzt lediglich wegen ihrer Reproduktionsfähigkeit. Ein solches Verständnis steht jedoch Koranversen entgegen, die die moralische und spirituelle Handlungsmacht der Frau bekräftigen (z.B. Sure 33 Vers 35). Zudem wäre so ein Verständnis schwer mit jenen gefeierten Ehen des Propheten Mohammed in Einklang zu bringen, die kinderlos geblieben sind.

Einige Koran-Kommentatoren gründen die Annahme, dass das Wort "Acker" metaphorisch zu verstehen sei, auf die Analogie zwischen Feldfrüchten, genährt und hervorgebracht von der Erde, und menschlichen Nachkommen, genährt und hervorgebracht von der Gebärmutter der Frauen. Die Bildung dieser Metapher, sagen sie, sei vor allem dem Wunsch nach einer gehobenen Sprache geschuldet. 

Zudem stellten die Kommentatoren bezüglich des Versanfangs klar, er besage: Die Ehefrau eines Mannes ist "wie" ein Acker. Er besage nicht: Sie "ist" ein Acker - im Sinne von Besitz.    

Ferner wird der Bezug auf die Gebärmutter mittels der Acker-Metapher für die Beschränkung von Sexualpraktiken herangezogen. Die Kommentatoren lesen dies konkret aus dem ersten Teils des zweiten Satzes heraus: "Geht zu eurem Acker". Die arabischen Worte für "geht zu" spielten auf den Beischlaf an, heißt es.

Der zweite Teil des Satzes - "wie ihr wollt" - scheint dem Mann die Lizenz zu geben, mit seinen Ehefrauen machen zu können, was immer er will, und zu ihnen zu gehen, wann immer er will. Für die Aussage "wie ihr wollt" stehen im Arabischen die Worte "annâ schi’tum". Das Wort "annâ" bedeutet hier aber ausdrücklich "von wo" und nicht "wo auch immer" oder "wann auch immer". Es muss also heißen: "Geht zu eurem Acker, von wo ihr wollt" und nicht: "Geht zu eurem Acker, wie ihr wollt". 

Deshalb besagt der vorliegende Vers, dass sich ein Ehemann und eine Ehefrau auf beliebige Weise nähern dürfen. Mit einer Einschränkung! Und die ergibt sich aus mehreren als glaubwürdig erachteten Hadithen - also aus rechtsverbindlichen Berichten darüber, was Mohammed gesagt und getan hat. Danach muss bei einer körperlichen Vereinigung zumindest theoretisch gewährleistet sein, dass Nachkommen entstehen können - eben so, wie Feldfrüchte auf einem Acker.

Die Aussage: "Doch schickt für eure Seelen etwas voraus" dürfte schließlich auf gute Taten anspielen, die dereinst Belohnungen am Tag des Jüngsten Gerichts nach sich ziehen (Sure 73 Vers 20). 

Es könnte aber auch eine Ermunterung dazu sein, den Geschlechtsakt in der Absicht zu begehen, Nachkommen zu zeugen. Denn die wären im Diesseits und Jenseits von Nutzen. Gemäß einem Hadith können einem fromme Nachkommen noch über den eigenen Tod hinaus Belohnungen einbringen. 

Wieder andere verstanden die Aussage so, dass man vor dem Beischlaf Gott anrufen beziehungsweise die Basmala-Formel aussprechen soll - also die Worte: "Im Namen Gottes des barmherzigen Erbarmers". Schließlich sollte man auch beim Genießen körperlicher Freuden, Gott nicht vergessen.

Hören wir uns den erläuterten Vers abschließend noch einmal in korrigierter Übersetzung an:

"Eure Frauen sind euch ein Acker; geht zu eurem Acker, von wo ihr wollt. Doch schickt für eure Seelen etwas voraus und fürchtet Gott."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk