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Sure 2 Vers 259
Ein hundert Jahre währender Schlaf

Im Koran findet sich die Geschichte eines Mannes, den Gott in einen hundert Jahre währenden Schlaf versetzt hat. Viele Fragen ranken sich um diese mysteriöse Erzählung.

Von Prof. Dr. Robert G. Hoyland, New York University, USA | 27.04.2018

"Oder jemanden wie den, der an einer Stadt vorüberging, die war zerstört bis auf den Grund. Er sprach: ‚Wie kann sie Gott nach ihrem Untergang wieder aufleben lassen?‘ Da ließ Gott ihn für hundert Jahre tot sein, dann erweckte er ihn wieder. Er sprach: ‚Wie lang hast du verharrt?‘ Er sprach: ‚Ich habe einen Tag verharrt oder nur einen Teil des Tages. Er sprach: ‚Nein! Du verharrtest hundert Jahre. Betrachte doch deine Speise und dein Getränk: Sie sind noch nicht verdorben […] Als es ihm klar geworden war, sprach er: 'Jetzt weiß ich: Gott ist aller Dinge mächtig.'"
Die eigentliche Erzählung dieses Verses ist eindeutig: Jemand geht an einer zerstörten Ortschaft vorbei und fragt sich, ob selbst Gott sie wieder aufbauen könnte. Für diese Zweifel wird er bestraft, indem er für ein Jahrhundert zu Tode gebracht oder in einen Schlaf versetzt wird. Das führt ihm Gottes Allmacht vor Augen.
Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation
Aber welche Stadt ist gemeint? Und wer ist es, der Gottes Fähigkeit in Frage stellt? Die meisten muslimischen Korankommentatoren sind sich einig, dass es um Jerusalem geht. Bei der Person unterscheiden sie sich. Die einen meinen, es handele sich um Jeremia, die anderen um Esra.
Beide Propheten stehen im Zusammenhang mit der Plünderung Jerusalems durch den Babylonier-König Nebukadnezar 587 vor Christus. Nur machte keiner von beiden einen Wunderschlaf durch. Dieser befiel jedoch Jeremias getreuen Diener, den Äthiopier Ebed-Melech oder Abimelech. Gott hatte ihn für seine loyalen Dienste an Jeremia belohnt und ihn durch den Wunderschlaf davor bewahrt, Zeuge der Zerstörung Jerusalems zu werden.
Robert Hoyland
Robert Hoyland lehrte als Professor an der renommierten Oxford University in England und wechselte kürzlich an die New York University. (priv.)
Abimelechs Geschichte wird in einem frühen apokryphen Bibeltext erzählt, der als 4 Baruch bekannt ist. Kurz vor der Belagerung der Heiligen Stadt wurde Abimelech von Jeremia losgeschickt, um Feigen zu pflücken. Nachdem er einige gesammelt hatte, legte er sich unter einen Baum zur Ruhe, und Gott versetze ihn in einen 66 Jahre währenden Schlaf.
Als Abimelech erwachte, glaubte er wie der Mann in der Koranstelle, nur einen kurzen Moment geschlafen zu haben. Er begab sich nach Jerusalem. Irritiert betrachtete er das veränderte Stadtbild und fragte einen alten Mann nach Jeremia. Der Mann erklärte ihm, der Prophet und ein Großteil der jüdischen Bevölkerung seien im Exil in Babylon. Abimelech entgegnete, es sei doch gar nicht so viel Zeit verstrichen, dass all das hätte geschehen können. Zum Beweis holte er die frischen Feigen hervor. Der alte Mann aber deutete auf die Äcker: Das Getreide war noch nicht reif und die Feigensaison hatte noch gar nicht begonnen.
Abimelechs Feigen, aus denen ein frischer milchiger Saft tropfte, entsprechen den Worten "deine Speise und dein Getränk" in dem Koranvers. Auch findet sich in beiden Texten die Beobachtung: "Sie sind noch nicht verdorben". Mit dieser Feststellung wird die Botschaft der Koranstelle deutlich: Die Feigen sind frisch, obwohl noch gar keine Saison ist. Das lässt den Besitzer der Speisen schlagartig seiner Situation gewahr werden und darüber, wie lange er tatsächlich geschlafen hatte.
Es scheint somit sicher zu sein, dass der Koranstelle die Geschichte von Abimelech und seinen Feigen zugrunde liegt. Und da sie sich auch in einem Text findet, der im 7. Jahrhundert von Christen in Ägypten (Kopten) vervielfältigt wurde, weiß man, dass Abimelechs Geschichte auch noch zur Zeit Mohammeds im Nahen Osten bekannt war.
Wie viele Erzählungen im Koran wird auch diese unvollständig und mit bloßen Andeutungen nacherzählt. Man kann sie also gar nicht richtig verstehen, wenn man sie nicht schon kennt.
Das führt zu zwei möglichen Schlussfolgerungen: entweder wurde der Koran gekürzt. Oder die Adressaten von Mohammeds Botschaft kannten die Erzählungen eben so gut, dass bloße Andeutungen ausreichten. Ich würde die zweite Schlussfolgerung favorisieren. Daraus folgt meines Erachtens auch zwangsläufig die Erkenntnis, dass das arabische Christentum zu Mohammeds Zeiten deutlich weiter entwickelt war, als dies bislang angenommen worden ist.
Das würde sowohl die Vertrautheit von Mohammeds Adressaten mit den biblischen Geschichten erklären, als auch den ausgereiften monotheistischen Wortschatz des Korans.