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Sure 2 Verse 67-71
Die längste Sure des Korans

Die Namen mancher Suren sind mitunter etwas rätselhaft. Das trifft auch auf Sure zwei zu. Sie heißt: "Die Kuh" und ist die längste im Koran. Sie umfasst gut ein Neuntel des Gesamttextes. Der bedeutende Islamwissenschaftler und Koran-Übersetzer Hartmut Bobzin erläutert im DLF, wie diese besondere Sure zu ihrem Namen kam und was es mit der Kuh auf sich hat.

Von Prof. i.R. Dr. Hartmut Bobzin, Universität Erlangen-Nürnberg | 02.10.2015
    "Damals, als Mose zu seinem Volke sprach:
    ‚Siehe, Gott befiehlt euch, eine Kuh zu schlachten.'
    Sie sprachen: ‚Willst du Spott mit uns treiben?'
    [Mose] sprach: ‚Gott behüte, dass ich einer der Unwissenden bin!'
    Sie sprachen: ‚Rufe für uns deinen Herrn an,
    dass er uns erkläre, wie sie sein soll!'
    [Mose] sprach: ‚Er sagt, es solle eine Kuh sein,
    die nicht ganz alt ist und auch nicht ganz jung,
    in der Mitte zwischen beidem.
    So tut, was euch befohlen wird."
    Dieser Auszug ist der erste Teil eines längeren, thematisch zusammenhängenden Abschnitts aus Sure zwei. Er ist Anlass dafür, warum die Sure den Namen "Die Kuh" trägt - auf Arabisch: "al-Baqara". Sure zwei ist mit 286 Versen die längste überhaupt und umfasst etwa ein Neuntel des gesamten Korans.
    Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation
    Der Koran ist insgesamt in 114 "Suren" eingeteilt". "Sure" bedeutet soviel wie "Leseabschnitt" oder "Kapitel" - auf Arabisch: "sûra". Dieses Wort wird einzig und allein im Koran verwendet, und zwar für dessen Untergliederung. "Sûra" wäre also am besten mit "Korankapitel" zu übersetzen. Wir benutzen aber im Folgenden die eingedeutschte Form, nämlich: "Sure".
    Wahrscheinlich ist vielen bekannt, dass alle 114 Suren einen Namen haben und unter diesem Namen auch von Muslimen zitiert werden; nicht wenige Suren haben übrigens einen zweiten, manchmal sogar einen dritten Namen. Muslime sprechen also normalerweise nicht von Sure eins, zwei, drei und so weiter, sondern von der Sure "al-Fâtiha" beziehungsweise auf Deutsch: von der Sure "Die Eröffnung". Oder sie sagen: "Das steht in der Sure ‚Die Kuh'." – und meinen damit Sure 2. Wie ist es nun zu diesen, oftmals ein wenig rätselhaft erscheinenden Namen gekommen?
    Hartmut Bobzin
    Hartmut Bobzin hat den Koran übersetzt und war Professor für Islamwissenschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg (Bobzin)
    Dafür gibt es – je nach Sure – unterschiedliche Erklärungen. Nehmen wir als Beispiel Sure 1, deren Name gerade genannt wurde: "al Fâtiha" - "Die Eröffnung". Dieser Name ist selbstverständlich leicht erklärbar, denn mit dieser Sure beginnt der Koran. Hier bezieht sich der Name also auf die Reihenfolge der Sure im Koran.
    Anders steht es mit der zweiten Sure, wo sich der Name eben allein auf einen kurzen Abschnitt über eine besondere Kuh bezieht. Diese Kuh soll die Funktion eines Sündenbocks erhalten.
    Eine ähnliche Erzählung findet sich in der Bibel, im 4. Buch Mose, Kapitel 19. Dort wird ebenfalls von einer Kuh berichtet, die bestimmte Eigenschaften erfüllen muss, um so die Funktion eines Sündenbocks übernehmen zu können. Die Geschichte darf allerdings nicht mit der vom Goldenen Kalb aus dem zweiten Buch Mose verwechselt werden.
    Der Koranabschnitt über die Kuh nun wurde offenbar als so bemerkenswert erachtet, dass die längste Sure danach benannt worden ist. In der Auslegungsliteratur zum Koran wird die Sure 2 übrigens oft auch mit der etwas umständlicheren Umschreibung: "Die Sure, in welcher die Kuh erwähnt wird" bezeichnet.
    Zum Abschluss nun die Fortsetzung der eingangs zitierten Koranverse an. Die Israeliten fordern den Propheten Mose auf, die weiteren Eigenschaften dieser besonderen Kuh zu benennen:
    "Sie sprachen: ‚Rufe für uns deinen Herrn an,
    dass er uns erkläre, welche Farbe sie haben soll!'
    [Mose] sprach: ‚Er sagt, es solle eine Kuh sein von leuchtend gelber Farbe,
    die die Schauenden erfreut.'
    Sie sprachen: "Rufe für uns deinen Herrn an,
    dass er uns erkläre, wie sie sein soll!
    Siehe, die Kühe sehen – für uns – alle gleich aus.
    Siehe, wenn Gott es will, lassen wir uns rechtleiten.'
    [Mose] sprach: ‚Er sagt, es solle eine Kuh sein,
    die nicht unterm Joch den Boden umpflügt
    und auch den Acker nicht bewässert,
    die unversehrt ist und an der kein Makel ist.'
    Sie sprachen: ‚Jetzt kamst du mit der Wahrheit.'
    Dann schlachteten sie sie.
    "Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.